Als die Ehe für alle im Bundestag beschlossene Sache war, standen die Protestanten scheinbar auf der Seite der Gewinner. Natürlich waren sie dafür, allen voran Heinrich Bedford-Strohm, der Rat der EKD und Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Die Katholiken waren scheinbar ebenso natürlich dagegen, allen voran Kardinal Marx, die Deutsche Bischofskonferenz und Seehofers CSU. Der Graben zwischen den Konfessionen schien plötzlich – aller Ökumene im Reformationsjahr zum Trotz – unüberwindbar, so als müsste eine urevangelische Errungenschaft gegen die unverbesserlichen Römer verteidigt werden. Doch hinter der demonstrativen Feierstimmung der EKD beim Thema Ehe für alle verbirgt sich eine bittere Wahrheit: So einig wie ihre Funktionäre tun, sind die Protestanten nicht.

Das war schon im Bundestag zu sehen: Fast alle exponierten Protestanten stimmten gegen die Ehe für alle, allen voran die Bundeskanzlerin selbst. Wie sie votierten ihr Fraktionsvorsitzender Volker Kauder und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Der ist auch noch Mitglied der EKD-Synode. Thomas Rachel, EKD-Ratsmitglied und Staatssekretär für Bildung und Forschung, stimmte ebenfalls dagegen. Zudem die Abgeordneten Steffen Bilger, Volkmar Klein, Frank Heinrich und Elisabeth Motschmann. Die Liste der Öffnungsbefürworter mit evangelischer Nebentätigkeit ist dagegen kurz: Kerstin Griese, Katrin Göring-Eckardt und Siegmund Ehrmann. Offenbar scheint die politischen Protestanten nicht zu interessieren, was ihre Kirchenleitung zu ethischen Fragen zu sagen hat. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob der Rat der EKD noch für die evangelische Kirche spricht.

Kaum ein Thema hat in den evangelischen Kirchen in den vergangenen Jahren für derart heftige Auseinandersetzungen gesorgt wie der Umgang mit homosexuellen Paaren. Frucht dieser Kämpfe ist eine kaum überschaubare Ansammlung von Reglements, wie mit heiratswilligen Homosexuellen umzugehen ist. Faktisch ist eine Trauung für gleichgeschlechtliche Paare in nur drei von zwanzig Landeskirchen möglich. Die meisten anderen entschieden sich, es dabei zu belassen, die Paare zu segnen, wobei es den Pastorinnen und Pastoren meist gestattet ist, aus "Gewissensgründen" gleichgeschlechtliche Paare an eine andere Gemeinde zu verweisen. Auch in Bayern, der Landeskirche des Ratsvorsitzenden, konnte, wie es auf deren Homepage heißt, "ein innerkirchlicher Konsens in dieser Frage bislang noch nicht hergestellt werden". Eine "segnende Begleitung" sei im seelsorgerlichen Rahmen möglich und mit dem Pfarrer vor Ort zu besprechen.

Besonders heftig tobt der Konflikt derzeit in der württembergischen Landeskirche. Dort hat die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold ohne Absprache mit Bischof July die Schirmherrschaft für den Christopher Street Day übernommen. Skandal!, sagen einige Protestanten. Die Prälatin habe "die synodale Linie verlassen" und Rechtsbruch begangen, heißt es.

Und selbst der Rat der EKD ist nicht so einig, wie er sich nach außen gibt. Michael Diener, der Präses des frommen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, will zum Thema Homosexualität nichts mehr sagen, seit er sich vor zwei Jahren an dem Thema die Finger verbrannt hat. Die Evangelikale Bewegung wäre damals fast daran zerbrochen. Dabei hatte Diener lediglich akzeptiert, wenn evangelische Christen Homosexualität normal finden, und befürwortet, dass Schwule und Lesben in der Gemeinde mitarbeiten – von der Ehe für alle keine Rede.

Es sind diese zwei Lager, die sich an dieser für sie fundamentalen Frage aufreiben: Die einen halten die Ehe für alle für eine längst überfällige Reform, der sich die Kirche nicht verschließen sollte. Die anderen tun sich schwer damit, die Ehe, dieses christliche Institut, anderen zugänglich zu machen als Mann und Frau. Vielleicht hatte ein "Sprecher der EKD" in einer ersten Wortmeldung deshalb bedauert, "dass diese Frage jetzt unter dem Zeitdruck einer zu Ende gehenden Legislaturperiode entschieden werden soll". Es wurde rasch kritisiert und korrigiert. Dabei entspricht das Statement in seiner zögerlichen Unentschiedenheit eher der protestantischen Wirklichkeit als die Jubelstimmung des Ratsvorsitzenden.

Was dieser bei aller persönlichen Freude ignoriert: Eine einheitliche Linie, wie es sie qua Hierarchie im Katholizismus gibt, gibt es im Protestantismus nicht. Fraktionszwang ist für Katholiken der Normalzustand. Protestanten dagegen halten sich an ihr Gewissen, und das hat seinen Sitz nicht in Hannover wie die EKD.

Die Kanzlerin aus dem evangelischem Pfarrhaus hat das Gewissen politisch aufgewertet. Lange lehnte Merkel die Ehe für alle ab, weil sie sie nicht mit ihrem Bauchgefühl ergo ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Damit hat sie die Politik protestantischer gemacht und den Protestantismus politischer. Das verbucht die EKD zu Recht als Erfolg. Dabei rüttelt die Aufwertung des Gewissens jedoch auch an ihrem Anspruch, für alle Protestanten zu sprechen. Der innere Gerichtshof, wie Immanuel Kant das Gewissen nannte, speist sich eben aus vielen Quellen. Eine, und nur eine, ist die EKD. Sie wird es in Zukunft immer schwerer haben, Leute hinter sich zu versammeln – selbst die eigenen.

Korrekturhinweis: In der gedruckten Fassung dieses Textes war das Zitat eines Sprechers der EKD nicht korrekt wiedergegeben. Wir haben dies hier korrigiert und bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion