Wie sorgt man dafür, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen? In Deutschland wird neuerdings darüber diskutiert, ob man Quoten, etwa für Schüler mit Migrationshintergrund, in den Klassen einführen sollte. In den USA gibt es schon lange eine Auseinandersetzung über soziale Gerechtigkeit in den öffentlichen Schulen. Viele Städte versuchen, die wieder zunehmende Segregation zwischen Weißen, Schwarzen, Latinos und Asiaten zu bekämpfen. In der Vergangenheit wurden Schüler oft zwangsweise in weit entfernte Schulen geschickt (busing), aber Gerichte haben solche Maßnahmen eingeschränkt. Das Kriterium Rasse darf bei der Verteilung von Schülern keine Rolle mehr spielen. San Francisco versucht, die Gerechtigkeit mithilfe von Algorithmen herzustellen. In einem komplizierten Prozess berechnen sie, was Tausende Eltern jedes Jahr monatelang beschäftigt.

Unser Sohn Oliver kam im vergangenen Herbst in den kindergarten – das ist der amerikanische Ausdruck für das Vorschuljahr, das praktisch alle Kinder an der Schule absolvieren, an der sie danach als Erstklässler weitermachen. (Verstärkt wird die Verwirrung dadurch, dass das, was Deutsche als Kindergarten bezeichnen, hier preschool heißt.) Die Stadt ist ein einziger Schulbezirk. Das heißt, jedes Kind kann im Prinzip auf jede Schule gehen, unabhängig davon, wo es in der Stadt wohnt. Die Grundschule in San Francisco läuft bis zum Ende der fünften Klasse – und so glauben nicht wenige bildungsbewusste amerikanische Eltern, dass sie schon hier die Weichen für die Karriere ihres fünfjährigen Kindes stellen.

Die Prozedur beginnt für uns im Januar 2016. Für jedes Kind, das auf eine öffentliche Schule gehen soll, müssen die Eltern eine Rangliste einreichen. Auf die schreiben sie eine Auswahl aus den 80 Grundschulen der Stadt, die für ihr Kind infrage kommt. Das kann die Schule um die Ecke sein, aber auch eine am anderen Ende der Stadt. Es wird geraten, möglichst alle Schulen auf die Liste zu schreiben, die man sich auch nur entfernt als Bildungsstätte für den Nachwuchs vorstellen kann – wer bloß seine drei Favoriten auflistet und bei keiner der Schulen zum Zuge kommt, wird einer der unbeliebteren Schulen zugeteilt.

Bei der Zuteilung herrscht das Losprinzip. Es gibt allerdings drei Gruppen, die an jeder Schule den Vorzug erhalten: erstens Kinder, die schon einen Bruder oder eine Schwester auf der Schule haben. Zweitens Kinder aus sogenannten low test score areas – das sind Stadtviertel mit Schulen, deren Schüler in den Vergleichstests schlecht abschneiden, indirekt ein Kriterium für Kinder aus der Unterschicht. Und drittens Kinder aus der attendance area, der unmittelbaren Nachbarschaft der Schule.

Für uns stellt sich die Situation so dar: Wir haben noch kein Kind an einer Schule, wohnen nicht in einer low test score area, und die Nachbarschaftsschule hat keinen besonders guten Ruf. Weil wir unser Kind nicht dorthin schicken wollen, gilt für uns keines der Vorzugskriterien. Wir informieren uns im Internet, schauen die Testergebnisse der Schulen und Elternbeurteilungen im Internet an, gehen zu mehreren Tagen der offenen Tür – dann steht unsere Liste.

Ganz vorne zwei Schulen, die zu Fuß zu erreichen sind, dann einige der begehrtesten Schulen, bei denen die Chancen nicht besonders hoch sind (teilweise kommen auf einen Platz etwa 100 Bewerber), und schließlich noch einige, die in maximal einer halben Stunde ohne Auto zu erreichen sind. Insgesamt stehen 30 Schulen auf unserer Liste.

In der ersten Verteilungsrunde, deren Ergebnisse Anfang März bekannt gegeben werden, findet nun an jeder Schule ein Zuteilungsverfahren statt: erst die Kinder mit den drei Vorzugskriterien, der große Rest per Los. Jedes Kind nimmt an den Lotterien aller Schulen teil, die die Eltern aufgelistet haben; gewinnt es mehrere, wird es der Schule zugeteilt, die am weitesten oben steht.

Das ist aber noch nicht alles: Der Algorithmus ist so schlau, dass er das Ergebnis noch optimiert. Nehmen wir an, auf unserer Liste steht Schule A vor Schule B und wir bekommen Schule B. Bei anderen Eltern steht die Schule B vor Schule A, sie bekommen aber A. Dann nimmt der Computer einen Tausch vor – unser Kind bekommt A und das andere Kind B, und alle sind ein bisschen glücklicher.

Von diesem Hin und Her bekommen die Eltern nichts mit. Sie erhalten im März einen Bescheid, der am nächsten Tag das große Thema auf dem Spielplatz ist. In unserer Kita haben einige Familien ihre erste Wahl bekommen, andere haben Lospech gehabt. Wir haben die McCoppin-Schule gezogen, ein paar Blocks nördlich des Golden Gate Park, mit dem Fahrrad in 20 Minuten zu erreichen. Eine Schule im asiatisch geprägten Richmond-Distrikt mit recht guten Testergebnissen und Bewertungen. Sie stand auf unserer Liste auf Platz 16.