Als der Soziologe Ralf Dahrendorf einmal gefragt wurde, wie er die Zukunft der europäischen Demokratie einschätze, antwortete er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme: Europa sei keine Demokratie und werde auch nie eine sein. Aus einem ganz einfachen Grund: Es fehle ein Demos, ein europäisches Volk.

Der Hamburger Dahrendorf (1929 bis 2009) hat lange in London gelehrt, und man mag seinen Sarkasmus für very British halten. Der Bruch des Königreichs mit der EU scheint ihn zu bestätigen.

Die britische Autorin Priya Basil indes sieht das ganz anders. Geboren 1977 in London, aufgewachsen in Kenia, bringt Basil der Abschied Englands aus Brüssel schier zur Verzweiflung. Denn genau darum gehe es ja gerade, insistiert sie in einem furiosen Essay für die neue Ausgabe der Zeitschrift Lettre: die Union auszubauen und "einen europäischen Demos zu kultivieren".

Ein Volk von Europa. Das bedeutet, den Weg zu finden von der europäischen Union zur europäischen Nation. Zu einer europäischen Identität, die sich nicht auf den üblichen Zirkel von kosmopolitischen Intellektuellen und Großfürsten des Big Business beschränkt, sondern die alle sozialen Milieus umspannt und gesellschaftliche Selbstverständlichkeit wird.

Priya Basil wünscht sich dazu auch eine verschärfte Symbolpolitik. Warum zum Beispiel, so fragt sie, gibt es neben der europäischen Nationalhymne (nach Beethovens Neunter) keinen europäischen Nationalfeiertag, an dem alle freihaben und Europa hochleben lassen? Sie schlägt den 25. März vor, zur Erinnerung an den 25. März 1957, als die Römischen Verträge unterzeichnet wurden.

Hier aber müssen wir bei aller Sympathie für Basils Furor Einspruch erheben. Denn das gesuchte Datum gibt es längst. Es ist der Quatorze Juillet, der 14. Juli, da 1789 die Bastille fiel. Der Tag steht für den Triumph der Französischen Revolution. Er erinnert nicht nur an die Erstürmung des königlichen Pariser Staatskerkers, sondern mehr noch an die entscheidenden Wegmarken des Epochenjahrs: an den Ballhausschwur von Versailles, der dem Parlamentarismus den Weg bahnte, und vor allem an die Deklaration der universalen resp. globalen Menschen- und Bürgerrechte.

Sie und nicht die Römischen Verträge sind die Gründungsurkunde des freien Europa. Und das keineswegs nur aus der Rückschau. Von Anfang an wurden sie so verstanden. Überall in Europa hörten die Bürger das Signal, auch jenseits des Kanals. In England kursierten die Schriften des großen Thomas Paine, die schon die Amerikanische Revolution inspiriert hatten. Auch hier gab es Demokratenklubs wie überall von Dänemark bis Sizilien. In Ungarn, das heute unter neuem Autoritarismus leidet, zündete der Freiheitsfunken genauso wie im neuerdings klerikalfaschistisch bedrückten Polen: Tadeusz Kościuszko, Polens Held der Helden, wollte nicht bloß ein unabhängiges, sondern ein freies Land. Er wurde Ehrenbürger der Französischen Republik – was damals nichts anderes hieß als Ehrenbürger Europas (auch diese Idee ist etwas älter, als Jean-Claude Juncker vielleicht meint).

Der 14. Juli blieb das ganze beklemmende monarchistische, nationalistische, faschistische, staatskommunistische 19. und 20. Jahrhundert hindurch das Schlüsseldatum für alle, die, wie Victor Hugo, Giuseppe Garibaldi, Georg Herwegh, an die "Vereinigten Staaten von Europa" glaubten, an die "Europäische Republik". Schon 1790 war der Tag in Paris gefeiert worden. Im selben Jahr auch beim Freiheitsfest in Hamburg, der ersten – wir wollen der Pfalz das Hambacher Fest nicht streitig machen! – politischen Bürgerkundgebung Deutschlands.

Nun mögen die Franzosen den Quatorze Juillet weiterhin auf ihre liebenswert antiquierte Weise begehen, mit Tschingderassabum auf den Champs-Élysées. Europa aber sollte einschlagen und einen neuen, seinen Nationalfeiertag daraus machen. Im Übrigen: Ein freier Arbeitstag für alle – wollen doch mal sehen, ob es wirklich keinen europäischen Demos gibt!