Auf zu engen T-Shirts übergewichtiger Junggesellen kann man mitunter den Spruch lesen: "Bier formte diesen Körper". Das ist als Provokation gedacht, denn Körper, die sichtlich in vollen Zügen genossen haben, gelten heute als peinlich. In den westlichen Wohlstandsgebieten finden die Menschen jenen Körper schön, der nur Auserlesenes zu sich nimmt und regelmäßig einfache, aber harte Anweisungen befolgt: Das allgemeine Streben gilt nicht der Fülle, sondern der Gestähltheit. Im Umfeld dieses Schönheitsideals herrscht ein Ton, der mehr an den Kasernenhof des 19. Jahrhunderts erinnert als an die individualistischen Freiheiten unserer Zeit: Stehen Sie gerade! Tägliche Sit-ups und Crunches festigen Bauch und Beckenboden für eine positive Haltung. Schultern zurück, Bauchnabel einziehen, Augen geradeaus, Kopfkrone Richtung Himmel, in den Knien leicht federn. Nicht hängen lassen wie ein armer Tropf!

Mit Sport im eigentlichen Sinne hat die Fitnesskultur nur wenig gemein. Es geht nicht ums Übertreffen körperlicher Höchstleistungen, um Mannschaftsgeist oder frische Luft. All dies wird ersetzt durch eine Unzahl zäher, kleinlicher Maßregelungen. Wie kommt es bloß, dass die Nachfrage nach Derartigem wächst, ausgerechnet in einer Zeit, in der jeder tun und sein soll, was er will?

Die erste Erklärung: Es gibt einen Markt. Die neuen Regeln sind ein Konsumangebot, zu kaufen in Fitnessstudios, Yogazentren, Laufschulen – den gesündesten Branchen der Welt. In Deutschland wurden die Umsätze seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Es trainieren so viele Deutsche wie nie zuvor. Wobei es sich beim Megatrend "Fitness" – anders als beim Bodybuilding oder Aerobic der 1980er – nicht um ein Hobby handelt. Fitness hat sich als Lebensstil konsolidiert: Sie betrifft alle Tätigkeiten und Tageszeiten und liefert eine komplette Vorstellung vom gelingenden Dasein im "richtigen" Körper. In den Boom steigt die Elektronikbranche ein mit Armbändern, Uhren und Apps, die alle Körperregungen aufzeichnen. Man misst sich am Idealmaß, und vom Ergebnis geht ein Appell aus: Wie viele Schritte sind täglich zu tun? Wie sind Puls, Blutdruck und Body-Mass-Index zu optimieren? Schlaftracker-Apps zeichnen Schlaf-wach-Phasen auf, die man mithilfe von Vitaminen und Hormonen in ideale Kurven pressen kann. Und dann ist da noch der Markt für bewusste Ernährung mit weiteren Regeln: Richtiges Essen besteht aus komplexen Kohlenhydraten (Zucker, Weißmehl: pfui!) und pflanzlichen Proteinen, Hanfpulver, Reis-Shakes (Eier sind zu fett), dazu möglichst rohes Obst und Gemüse. Jeden Tag zwei Liter Wasser! Und die Atmung nicht vergessen. Bleiben Sie ganz bei sich, und klinken Sie sich ein in den von Yogalehrerinnen global synchronisierten Rhythmus: langsam ein, ganz tief aus.

Dass sich hier Wirtschaftskraft entfesselt, erklärt aber noch nicht das Bedürfnis, sich freudig körperlichen Zwängen zu unterwerfen – ist es doch eine noch junge Errungenschaft, dass der Körper sich vom Zugriff der Gesellschaft befreit hat. Lehrer disziplinieren ihre Schüler nicht mehr, ein Linkshänder muss nicht mehr mit rechts schreiben, weil das "richtig" ist. Die Wehrpflicht ist abgeschafft. Kaum noch ein Arbeiter muss sich an Maschinen abrackern, bis er von ihnen verschlungen wird wie Charlie Chaplin in Moderne Zeiten. Das Leben der Frauen wird nicht mehr durch Schwangerschaften getaktet.

Und der technologische Fortschritt verspricht noch mehr: Am Horizont zieht schon eine Zukunft herauf, in der alles bislang den Körper Beanspruchende künftig auch ohne ihn funktioniert – Arbeit, Krieg und Fortpflanzung.

Voll automatisierte Produktion und Drohnenkriege, In-vitro-Fertilisation und künstliche Gebärmütter, all das soll das anstrengende "Selbermachen" zum Atavismus werden lassen. Eine Ahnung von der künftigen Bedeutungslosigkeit seines Körpers bekommt der moderne Arbeitnehmer schon, wenn er heute vor dem PC sitzend Weltgeschichte, Warenströme oder Menschenschicksale umwälzt und mit dem gesamten Globus kommuniziert – ohne einen Zeh zu heben.

Bei aller Erleichterung steht uns etwas Unheimliches bevor: Der Mensch, der in seinem Bewusstsein allein ist, weil er nicht weiß, wie andere wirklich denken und fühlen, verfügt nur über eine einzige echte Verbindung zur Außenwelt – seinen Körper. Der ist das Relais, die Basis, von der aus ich wahrnehme und denke – gehört aber gleichzeitig ganz der materiellen Außenwelt an. Die Wirkung von Umweltereignissen (seien es Schallwellen oder Vorschriften) am eigenen Leib zu spüren und dann die eigenen Kräfte zu mobilisieren ist die fundamentale Art, sich mit der Welt zu verbinden. Deshalb bekommen wir es mit der Angst zu tun angesichts einer Zukunft, in der unser Körper – moralisch und technisch überholt – letzten Endes vollkommen überflüssig sein soll.