Was sich derzeit im südlichen Mittelmeer vor der Küste Libyens abspielt, kann niemanden kaltlassen. Es ist nicht nur das tägliche Ertrinken von Flüchtlingen, die oft vor den Augen von Angehörigen und Helfern untergehen. Auch die schiere Zahl derjenigen, die ankommen, bereitet Sorgen: Alle paar Tage bringen Retter mehrere Tausend Menschen nach Italien, von denen zwar höchstens drei Prozent einen Anspruch auf Asyl haben – für die aber trotzdem gilt: Wer es einmal bis Europa geschafft hat, wird wahrscheinlich hierbleiben, ob mit oder ohne Asyl. Die Illegalen bilden ein stetig wachsendes Heer moderner Sklaven, mit denen die europäische Mafia so ähnlich verfährt wie die amerikanische mit vielen Latinos: Schinderei bis auf die Knochen, Schlafen unter Brücken, Prostitution.

Diese Lage hat die europäischen Politiker, die sich verantwortlich fühlen, in eine moralische Panik versetzt. Sie werden von drei Seiten in die Mangel genommen. Von links, von den Flüchtlingsorganisationen, werden sie der Kälte und Gnadenlosigkeit und des Verrats an europäischen, humanistischen Werten bezichtigt. Die linke Lösung lautet im Kern: Legalisiert die Flüchtlinge, lasst sie rein, Migration ist ein Menschenrecht. Von rechts droht den aufgeschlossenen Regierungschefs der Vorwurf des "Verrats am eigenen Volk", der Hohn über ihr vermeintliches Gutmenschentum und der Verlust der politischen Deutungshoheit an Populisten, deren schlichte Lösung immer lautet: Lasst keinen mehr rein.

Die Wähler wollen ein humanes Asylrecht – aber möglichst wenig Flüchtlinge

Die meisten Wähler hierzulande sind vermutlich ein bisschen links und ein bisschen rechts zugleich: Sie wollen ein stolzes, humanes europäisches Asylrecht – aber es soll von möglichst wenigen Menschen in Anspruch genommen werden können.

Und schließlich sind da noch die Schleuser, die einen Teufel tun werden, ein Geschäftsmodell aufzugeben, das ähnlich lukrativ ist wie der Drogenhandel – und das will etwas heißen.

Im Zustand der Panik aber macht man Fehler. Es ist blanker Irrsinn, zu glauben, die finanzielle Aufrüstung der libyschen Küstenwache, wie sie jetzt gerade wieder von den europäischen Innenministern bekräftigt wurde, würde etwas helfen. Man hat es da mit einer undurchsichtigen Truppe aus Warlords, Schleusern und Hilfssheriffs zu tun, die zwar brutal sind, aber niemanden von der Flucht abhalten, weil sie von ihr profitieren.

Auch die Lösungen, die in den Transitländern ansetzen, sind Scheinlösungen: seien es Auffanglager, sei es die Abriegelung der Sahara. Die Forderung nach mehr Abschiebungen ist richtig – aber die Zahlen bleiben so kläglich dahinter zurück, dass sie nur Enttäuschung produzieren können. Nicht einmal Entwicklungshilfe wird dies ändern können: Sie führt dazu, dass sich noch mehr Menschen auf den Weg machen, denn es fliehen gerade nicht die Ärmsten.

Besser als das Agieren in moralischer Panik ist die kühle Suche nach einem Plan, der etwas enthält, woran Staaten wie Nigeria ein echtes Interesse haben, und der zugleich Europas Interesse an einer Verringerung der Flüchtlingszahlen, weniger Toten im Mittelmeer und einem anständigen Verfahren erfüllt. Die Denkfabrik European Stability Initiative hat dazu einen Vorschlag vorgelegt, der ebenso klug wie durchführbar ist: Der "Rom-Plan" folgt dem Modell einer Vereinbarung zwischen Kuba und den USA aus dem Jahr 1995. Der Deal war: Die USA nehmen 20.000 Kubaner pro Jahr auf, die legal dort arbeiten und lernen können. Dafür erklären sich die Kubaner bereit, jeden zurückzunehmen, der ab einem bestimmten Stichtag illegal ins Land kommt – jeden.

Das Interesse von Staaten wie Nigeria an einem solchen Abkommen liegt auf der Hand: 20.000 nigerianische Bürger hätten eine Chance, auf würdige Art und Weise zu besseren Jobs zu kommen und Devisen ins Land zu bringen (und die Devisen der Illegalen 40.000 blieben ja erhalten). Es würden nicht mehr so elend viele Menschen in der Wüste oder im Meer sterben. Und Afrika wäre kein Paria oder postkolonialer Almosenempfänger mehr, sondern ein Verhandlungspartner auf Augenhöhe.

Es gibt ein Vorbild für diese Art von Deal: das Abkommen zwischen der EU und der Türkei. Seit es in Kraft getreten ist, ist sowohl die Zahl der Flüchtlinge als auch die Zahl der Toten in der Ägäis gesunken. Kühler Interessenpoker siegt über moralische Panik.

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