Jede Epoche schafft sich ihre eigene Ästhetik des Politischen. Für das Fernsehen unserer Tage scheinen amerikanische Serien die Aufgabe übernommen zu haben; zumindest Game of Thrones, dessen siebte und vorletzte Staffel an diesem Sonntag beim US-Sender HBO startet, ist von Zeitungen so oft als Allegorie der modernen Politik gedeutet worden, dass Leser anfingen, sich über das Klischee zu empören. Der fiktive Machtkampf um den Eisernen Thron von Westeros wurde schon als Metapher für postsowjetische Politik verstanden, Ferdinand Piëch sogar mit einer Hofbeamtenfigur, der "Hand des Königs", verglichen. Die britische Pop-Feministin Laurie Penny erklärte die Serie rundheraus zur "Geschichte des 21. Jahrhunderts".

Aber warum sollte ein sagenhaftes Mittelalter voller Schwertkämpfe und Drachen zum Spiegel unseres Hightech-Zeitalters taugen? Konservative amerikanische Politik-Journale wie The National Interest haben die Serie für ihre schonungslose Darstellung von Politik bejubelt, als frei von Illusionen und naiven Idealen. Es gelte – wie im echten Leben – das Recht des Stärkeren. Auch die Kommentatoren von Foreign Affairs sehen ihre Perspektive bestätigt, die der politikwissenschaftlichen Schule des sogenannten Realismus folgt. Die Grundannahme: In der Welt herrsche völlige Anarchie, und das eigene Überleben müsse unbedingt gesichert werden. Dazu seien alle Mittel recht, von denen man bei Game of Thrones einige zu sehen kriegt: Hofintrigen, Meuchelmord, strategischer Inzest ebenso wie der geschickte Einsatz von Drachen gehören dort zum Repertoire des gewieften Politikers.

Wie unnütz Gesetze, Traditionen oder Ehre seien, sehe man an der Figur von Ned Stark (Sean Bean), dem aufrichtigen Herrscher des nördlichen Reiches und engsten Berater des Königs. Ned halte sich, tadelt Foreign Affairs, stur an den kategorischen Imperativ. Dafür wird dem Bannerträger kantischer Moral am Ende der ersten Staffel unzimperlich der Kopf entfernt. Der schockierende Tod einer vermeintlichen Hauptfigur wurde zum Charakteristikum der Serie. Ständig sterben die Sympathieträger, werden die Erzählfäden blutig gekappt. Die Botschaft: Es kann jeden treffen, der moralisch handelt.

"Ein Mensch, der überall nur das Gute will, muss inmitten von so vielen anderen, die das Schlechte tun, notwendigerweise zugrunde gehen" – der berühmte Ausspruch Machiavellis scheint nicht nur Leitmotiv dieser, sondern vieler amerikanischer Serien zu sein. Auch House of Cards oder Mad Men führen vor, wie man mit Ellenbogen durch die Arbeitswelt kommt, Breaking Bad oder Fargo zeigen, dass man vom Waschlappen zum Verbrecher avancieren muss, um nicht im Überlebenskampf unterzugehen. Wer seinen Rücken dem anderen zukehre, habe bereits ein Messer darin stecken. Es ist ein sozialdarwinistisches, in amerikanischem Diskurs gesprochen: sehr republikanisches Weltbild, wie es die Zombie-Serie The Walking Dead metaphorisch verdichtet: Jederzeit können Zombies aus einem Busch springen, jeder und jede kann zu ihrem Opfer werden. Es ist das Lebensgefühl einer deregulierten Welt, ohne Sozialstaat und Arbeitnehmerschutz. Man kann von heute auf morgen arbeits- oder obdachlos werden.

Ökonomen wie Thomas Piketty und Soziologen wie Wolfgang Streeck haben den klimatischen Wechsel von einer solidarischen Wachstumsgesellschaft zu eine Stagnationsgesellschaft wachsender Ungleichheit wissenschaftlich beschrieben. Game of Thrones konstruiert die passenden Wetterverhältnisse dazu. Jahreszeiten dauern dort befremdlicherweise Jahre. Der Sommer, der im Verlauf der Serie langsam zu Ende geht, sei der längste seit Menschengedenken, heißt es. Junge Leute, höhnt ein Soldat, wüssten gar nicht mehr, was Winter sei. Den Winter in seiner ganzen Grausamkeit bringt erst jetzt die siebte Staffel.

Der Kältestrom aus den Spar- und Deregulierungswellen der letzten Jahrzehnte dominiert auch The Wire, derweil die zweite Staffel von Fargo in einem deindustrialisierten Provinzkaff während der Präsidentschaftskampagne von Ronald Reagan spielt, zur historischen Ursprungszeit des heutigen Wirtschaftskrieges aller gegen alle. Eine Staffel zuvor warnt ein Auftragskiller (Billy Bob Thornton): "Es ist ein Dschungel da draußen." Und wer es noch nicht begriffen hat, wird von den in jeder Szene drapierten Jagdtrophäen, Stockenten oder Salzstreuern in Tierform darauf aufmerksam gemacht: Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Wölfe gibt es auch genug in Game of Thrones. Doch irrt, wer darin ein zynisches Einverständnis sieht. Die Hinrichtungen, Qualen und Elendstode der Figuren, die man über Jahre begleitet, mit denen man gefiebert und gefühlt hat, bebildern vielmehr den hobbesianischen Albtraum – den Naturzustand, in dem es keinen Staat gibt, der für Ordnung sorgt, kein Recht, nur das Recht des Stärkeren. In einer solchen Welt, so schrieb im 17. Jahrhundert der Philosoph Thomas Hobbes, sei das Leben "einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz". Wie scheußlich in der Tat, will uns die Serie noch einmal zeigen. Die Autoren sagen gern, sie wollten deutlich machen, wie furchtbar zum Beispiel das Leben der Frauen sei, wenn keine staatliche Ordnung sie schütze. (Wäre die sexuelle Gewalt weniger lustvoll dargestellt, würde man ihnen das edle Motiv eher glauben.)