Wenn Mitarbeiter für ihre Verdienste um die Mitbestimmung im Unternehmen eine Auszeichnung bekommen würden, dann hätte Nico Lickel sie wohl verdient. Der 34-Jährige half bei der Modekette H&M besonders fleißig mit, neue Betriebsräte zu gründen. Im Jahr 2015 unterstützte er in drei Filialen die Wahl eines Betriebsrats, im vergangenen Jahr in vier weiteren. Wohl kein Angestellter des Modehändlers setzte sich intensiver dafür ein, der Belegschaft eine Stimme zu geben.

Doch Lickel bekam keinen Dank, er bekam vor zwei Monaten die fristlose Kündigung. Seit 14 Jahren arbeitet er bei H&M als Verkäufer oder "Sales Advisor", wie es in der Sprache des Konzerns heißt. Er ist in einer Filiale in Bad Godesberg angestellt, vor zweieinhalb Jahren wurde er Mitglied im Gesamtbetriebsrat der Tochterfirma H&M Sales, die für die Filialen in Deutschland zuständig ist. Dort wurde Lickel zu einem der aktivsten Mitglieder. Nun soll alles vorbei sein. H&M wirft ihm vor, er habe bei seinen Arbeitszeiten betrogen und unerlaubt Urlaub genommen. Stimmt nicht, sagt Lickel. "Ich bin der Firma ein Dorn im Auge, deshalb versuchen die mich loszuwerden."

Lickels Fall ist nur ein Beispiel dafür, dass der Modekonzern gleich an mehreren Fronten gegen seine eigenen Mitarbeiter kämpft, wie Recherchen der ZEIT zeigen. Da sind weitere Betriebsräte, die rausgeworfen werden sollen, da sind Verkäufer, die über Arbeit auf Abruf klagen und über so viel Stress, dass sie manchmal kaum zur Toilette gehen könnten, und da sind interne Befragungen im Unternehmen, die zeigen: Bei H&M arbeiten und gesund bleiben, das geht aus Sicht vieler Arbeitnehmer nicht zusammen.

Das Unternehmen widerspricht den Vorwürfen vehement. Doch nicht nur aus Deutschland, auch von einigen Textilarbeiter-Gewerkschaften in Asien kommen neue Anschuldigungen, die am Image des Modehändlers kratzen.

Für H&M geht es um alles. Das Bild, das der Konzern nach außen zeigt, ist entscheidend für den Erfolg. Einst revolutionierte H&M den Modemarkt, weil es bewies, dass Kleidung gleichzeitig günstig und modisch sein konnte. Besonders hierzulande waren die Schweden mit ihren T-Shirts oder Hosen, damals noch für ein paar Mark, erfolgreich. Deutschland wurde zu ihrem größten Markt. Hennes & Mauritz, kurz H&M, verkaufte hier im vergangenen Jahr Klamotten im Wert von fast vier Milliarden Euro. Doch das Geschäftsmodell steht von allen Seiten unter Druck: Zara, Primark und andere Ketten sorgen für Konkurrenz. Ein Teil der Kunden wandert ins Internet ab, H&M selbst erwartet, dass die Verkäufe über seine Online-Plattform um 25 Prozent pro Jahr zunehmen werden. Zugleich werden die Kunden anspruchsvoller. Niedrige Preise sehen viele längst mit Argwohn: Steckt dahinter nicht Wegwerfware, fast fashion, deren Umweltbilanz ein schlechtes Gewissen macht? Werden die Arbeiterinnen, die sie in asiatischen Textilfabriken zusammennähen, ausgebeutet?

H&M gelobt, besser zu sein als die Konkurrenz. Das Unternehmen hat sich ambitionierte Ziele gesetzt und will langfristig nur mit erneuerbarer Energie arbeiten, nachhaltig produzierte Baumwolle einsetzen, Stoffe recyceln und gar mit guten Jobs die Armut in der Welt bekämpfen. "Mode als Kraft zur Veränderung" lautet das Motto. H&M sei groß genug, um etwas bewegen zu können, sagt Konzernchef Karl-Johan Persson. Und lobt die Unternehmenskultur von H&M: "die Formel für unseren Erfolg". Aber ist diese Unternehmenskultur wirklich vorbildlich?

Tatsächlich ist H&M ein großer Arbeitgeber in Deutschland, knapp 20.000 Menschen beschäftigt das Unternehmen in mehr als 400 Filialen zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg. In einer Firmenbroschüre heißt es, die Firma wolle "in jeglicher Hinsicht ein guter Arbeitgeber" sein und strebe "stets nach guten Beziehungen zu unseren Mitarbeitern, Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften".