Der erste Shitstorm, den ich erlebte, fand nach meinem offiziellen Outing als schwuler Mann im Mai 2010 statt. Bis dahin galt ich als konservativer Vatikanprofessor, war Konsultor der Glaubenskongregation und Chefredakteur einer katholischen Monatsschrift. Dann kam das Outing, und ich wurde vom "Shootingstar des Vatikans" zum Verräter und "perversen Kotstecher", wie das ultrakatholische Online-Magazin kreuz.net damals tobte.

Man spionierte mir im Internet nach, veröffentlichte angebliche Details zu meinem Sexleben, aber auch zu meinem Wohnort – und forderte alle Rechtgläubigen auf, sich mit Baseballschlägern auszurüsten, um mir zu zeigen, was Homosexuellen droht: die Hölle, diesmal schon auf Erden. So begann mein freies Leben als bekennend homosexueller Katholik: anonyme Anrufe (bei meinem Arbeitgeber) und Polizeischutz (nicht nur bei Vorträgen).

Der neueste Shitstorm ereilte mich vor zwei Wochen. Zur Debatte um die Homo-Ehe war in der FAZ ein Artikel erschienen, der harsche Kritik an der Öffnung der Ehe für alle übte. Der Autor Johannes Gabriel meinte, vor Konsequenzen auch im Adoptionsrecht warnen zu müssen. Das war provokant. Doch einige Kommentatoren im Netz reagierten nicht nur mit verständlichem Ärger, sondern verbreiteten Verschwörungsfantasien. Aus der Tatsache, dass über Johannes Gabriel kaum etwas im Internet stand, und aus der Entdeckung, dass der Text auf meinem Blog als Gastbeitrag erschienen war, folgerten sie: Johannes Gabriel sei ein Pseudonym, der Text müsse aus meiner Feder stammen. Schnell verbreitete sich das Gerücht – schon wurde ich in sozialen Netzwerken, als "homophober Schrankschwuler" und "Rechtsradikaler" geschmäht. Focus und taz kolportierten den Verdacht, ich sei der Autor. Das Portal Meedia druckte den Tweet eines Thomas Knüwer, der mich ebenfalls verdächtigte und zudem als rechtsradikal diffamierte.

Fühlt sich übel an. Zumal: Ich bin nicht der Autor des Artikels. Ich hätte ihn weder sprachlich noch inhaltlich so geschrieben. Doch es half nichts: Ich wurde beschimpft, alte Tweets von mir wurden bei Twitter als bedenklich gemeldet, worauf das Portal drohte, meinen Account mit fast 5.000 Followern zu löschen. Als ich merkte, dass kein Gespräch mit meinen "Kritikern" möglich war, ja dass alles, was ich sagte, zu meinem Nachteil ausgelegt wurde, löschte ich den einzigen Tweet, den ich in der Sache abgesetzt hatte. (Er war darauf gemünzt, dass Johannes Gabriel mit guten Gründen ein Pseudonym sein könnte. Ich hatte seinen Text per Mail erhalten und erst später Kontakt zu Gabriel persönlich.)

Statt also über die Homo-Ehe zu debattieren, ergötzte man sich an einem künstlich geschaffenen Skandal. Auch Spiegel Online machte mit. Jakob Augstein nannte mich "das schwule Maschinengewehr Gottes". Er kolportierte, dass mir die kirchliche Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht entzogen worden und ich daher aus der katholischen Kirche ausgetreten sei, um daraus zu folgern: "Zu so einem Mann würde der FAZ-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet."

Offenbar kann Augstein sich nicht vorstellen, dass ich mich von der Kirche, die mich geächtet hatte, distanzieren wollte – und mich dennoch als Katholik betrachte. Ironie der Geschichte: Ich galt beim Spiegel früher als "Startheologe", der "eine brillante Karriere im Vatikan hingelegt" hatte und dann zum "Bestsellerautor" wurde durch Kritik an der Homophobie der katholischen Kirche. Seit dem Erscheinen meines Buches Der heilige Schein 2010 galt ich als liberaler Kirchenkritiker, dem der Spiegel wie auch die ZEIT mehrfach Raum für Interviews gaben. Der Spiegel lobte, ich hätte "ein Ende der kirchlichen Schwulendiskriminierung verlangt". Bin ich also ein Liberaler? Oder ein Rechtsradikaler?

Tatsächlich ist die heiße Liebe einiger Journalisten zu mir erkaltet, und bei Augstein findet sich auch ein Hinweis, warum. Er kritisiert, dass in meinem Blog die Rede sei von "Islamisten, die Homosexuelle von Dächern werfen". In der Tat. Ich habe irgendwann begonnen, die Homophobie nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam scharf zu geißeln. Das war der Wendepunkt. Nun erntete ich Kritik von links und avancierte vom aufklärerischen Vorzeige-Homo zum islamophoben Rechten.

Auch das kam unerwartet. Im Sommer 2013 war ich Chefredakteur des Schwulenmagazins Männer geworden, im Sommer 2014 kamen dann immer mehr Nachrichten von der Hinrichtung schwuler Männer durch den "Islamischen Staat". Damals suchte mich auch Nasser X. auf, ein 17-jähriger Libanese aus Neukölln. Er berichtete mir, wie er von seiner Schwester zwangsgeoutet und vom Vater mit Benzin übergossen wurde, der ihn unter dem Ruf "Allahu Akbar" anzünden wollte. Nasser entkam. Und mir wurde klar: Homophobie im real existierenden Islam konnte noch gefährlicher sein als in meiner Kirche heute. Ich schrieb eine Reportage über Nasser. Doch allen Zeitungen, denen ich sie anbot, war sie entweder zu heikel, oder sie verlangten, dass ich das Wort "Islam" streiche.

Letzteres setzte sich fort: Bei Interviews, die ich zu Religion und Homosexualität gab, wurden oft meine Aussagen über den Islam gestrichen. Das Signal: Solange ich über Homophobie in der Kirche urteilte, war ich ein gern gesehener Experte. Sonst nicht. So nahm ich 2016 das Angebot von Jürgen Elsässer an, im Magazin Compact über die Verdrängung des muslimischen Homo-Hasses zu schreiben. Dass ich damit zur Persona non grata würde, war mir egal. Ich wollte falsche, diskurstötende Tabus nicht akzeptieren. Deshalb habe ich auch Johannes Gabriels Text zur Homo-Ehe veröffentlicht.

Und der Shitstorm? Ist für mich Endpunkt einer traurigen Entwicklung. Ich glaube, es gibt einen neuen säkularen Dogmatismus, der im Gewand der Toleranz auftritt, aber nur eine Wahrheit gelten lässt. Abweichende Meinungen werden sofort als rechte Hassrede abqualifiziert. So kommt es, dass plötzlich liberale Muslime als islamophob gelten und schwule Kritiker der Homo-Ehe als homophob.

Ich gebe zu: Ich bin zwar ein libertärer Homosexueller, aber in manchen Fragen bleibe ich ein Konservativer. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mich ausgerechnet das linke Neue Deutschland verteidigen könnte: Nach dem Shitstorm gegen "Johannes Gabriel" warnte die Tageszeitung vor einer ideologischen Einheitsfront, die dissidente Meinungen gnadenlos verdrängt, um ihre "totalitäre Selbstgewissheit" nicht zu gefährden. Argumente seien nicht mehr von Interesse, wo es gelte, Abweichler kaltzustellen – "um schließlich die alles entscheidende Frage zu stellen: Bist du für oder gegen uns?"

Schade, dass Journalisten, die mich verdächtigten, nicht bei mir angerufen haben. Offenbar suchten sie nur einen Autor, den sie als "rechtsradikal" outen konnten. Es reichte ihnen der bloße, falsche Verdacht, um zur Hexenjagd zu blasen. Meine Aussage war irrelevant. Man brauchte eine böse (schwule und homophobe) Hexe, um die Fackel an den virtuellen Scheiterhaufen zu legen. Und fand mich.