Frage: Herr Reinhardt, Joachim Meisner schreibt in seinem geistigen Testament: "Haltet immer zum Papst, und ihr werdet Christus nie verlieren." Ist das typisch katholisch – den Papst vor Christus zu stellen?

Volker Reinhardt: Luther hätte diesen Satz wahrscheinlich als eine Perversion des Christentums angeprangert. Aber so ist er nicht gemeint. Der Kardinal hat auf knappestmögliche Weise den Standpunkt der Kurie und das offizielle Selbstverständnis des Papstamtes zusammengefasst: Der Papst verkörpert als Stellvertreter Christi auf Erden die Einheit der Kirche.

Frage: Und doch hat Kardinal Meisner Papst Franziskus 2016 öffentlich angegriffen – mit dem sogenannten Dubia-Brief. Darin verlangte er gemeinsam mit drei Mitbrüdern die Klärung einiger Stellen in Amoris laetitia, dem nachsynodalen Schreiben des Papstes. Wie erklären Sie sich das?

Reinhardt: Als Kardinal Meisner den Dubia-Brief veröffentlichte, konnte er sich auf eine alte europäische Tradition beziehen: Jahrhundertelang war man in der katholischen Kirche davon überzeugt, dass jeder Mensch, selbst ein Stellvertreter Christi auf Erden, sich irren kann. Und dass auch ein guter Herrscher sich beraten lassen muss. In dieser Tradition war Meisners Brief offiziell zu verstehen. Was persönlich dahinter stand, können wir nicht wissen.

Frage: Sie bezeichnen den Papst als letzten Rest Alteuropas. Wie meinen Sie das ?

Reinhardt: Er verkörpert den Absolutismus. Seine Dienstzeit ist unbegrenzt. Im Vatikan bleiben die Eliten unter sich. So etwas gibt es heute nur noch im Olympischen Komitee (lacht). Letztlich nimmt der Papst eine übernatürliche Legitimation für sich in Anspruch, die heute kein Politiker mehr für sich reklamieren kann.

Frage: Macht das seine Attraktivität aus?

Reinhardt: Ja. Wir kennen das von den bunten Journalen, die beim Zahnarzt oder Friseur liegen und die von Glücks- oder Unglücksfällen in europäischen Königshäusern erzählen: Das, was den Alltag der gewöhnlichen Leute übersteigt, strahlt eine große Faszination aus. Wir glauben, darin ein höheres Menschentum zu sehen – und erkennen zugleich, dass auch die Schönen und Mächtigen den Banalitäten des Menschseins unterworfen sind. Im Falle des Papsttums beruht die Faszination auch auf der Fiktion der Unveränderlichkeit, der Kontinuität seit 2.000 Jahren.

Frage: Inwiefern?

Reinhardt: In einer Zeit des Wandels – und jede Generation empfindet ihren Wandel als besonders intensiv – erscheint diese vermeintliche Bruchlosigkeit wie ein bergender Hafen. Das Papsttum hat sich in Zeiten revolutionärer Umbrüche stets als Fels in der Brandung präsentiert.

Frage: Haben Sie ein Beispiel?

Reinhardt: Besonders gut lässt sich das an der Zeit Napoleons des Ersten festmachen: Als überall Modernisierungsschocks einsetzten und neue Hegemonien auftauchten, sagte das Papsttum sinngemäß: "Diese Ereignisse sind zwar real, aber es gibt auch eine Stabilität jenseits der Geschichte. Unsere Mission ist ewig bis zum Ende der Zeit." Das hat gerade in der europäischen Romantik Eindruck gemacht. Um 1815, als Napoleon stürzte, erlebte das Papsttum eine Neugeburt. Eine solche wiederholte sich unter Papst Johannes Paul II. Er war besonders unter Jugendlichen populär, da er Stabilität, Werte und Sicherheit zu verkörpern schien. Das Papsttum profitiert von Krisen – auch, wenn das paradox klingt.

Frage: Warum fallen wir dann heute vom christlichen Glauben ab und folgen lieber dem Dalai Lama als dem Papst?

Reinhardt: Das hat mit Demokratisierungsprozessen zu tun, die seit 100 Jahren in Gang sind. Sie haben die Politik verändert und mittlerweile auch die Kultur und Theologie erreicht. Die Menschen lassen sich heute ungern vorschreiben, was sie zu glauben haben. Das ist das große Problem aller Kirchen.

Frage: Die Menschen suchen nach Kontinuität, wollen aber frei im Denken sein.

Reinhardt: Daraus resultiert eine gespaltene Haltung. Man kombiniert sich seine religiösen Überzeugungen – wenn man denn welche hat – ganz frei: eine Prise Buddhismus, eine Prise Hinduismus, ein bisschen Protestantismus. Es liegt ja alles bereit in den Supermarktregalen.

Frage: Dogmen haben keine Chance mehr.