Datum Berolinae, apud Sanctum Petrum,
die decima mensis Iulii, anno domini MMXVII *

Schon irre, wie lange manche Menschen knien können. Die Messe hat nicht mal angefangen und sie knien schon. Und hören auch nicht mehr damit auf. Es sind ganze zehn Gottesdienstbesucher da. Vor ihnen am Altar, ebenfalls kniend: ein Priester im goldenen Messgewand, daneben ein grauhaariger Messdiener. Hinten im Beichtstuhl: ein weiterer Priester. Auch kniend. Plötzlich fangen alle an, ohne sichtbaren Einsatz, das "Tantum ergo" zu singen. Einfach so! Das "Tantum ergo" ist ein echt schweres Geschütz, eine hoch vergeistigte, Ehrfurcht gebietende Hymne des heiligen Thomas von Aquin. Wenn man Glück hat, hört man es Fronleichnam im Kölner Dom. Falls es dann überhaupt jemand mitsingen kann.

Hier singen alle. Auswendig, a cappella. Auch noch Strophe zwei. "Genitori genitoque/ laus et jubilatio./ Salus, honor, virtus quoque/ sit et benedictio!" Dann ist das Lied zu Ende. Der Priester geht. Die Messbesucherin mit dem schwarzen Spitzenschleier schreitet in den Beichtstuhl. Die Tür ist nicht dick genug, man hört das meiste, auch wenn man wirklich nicht will. Ist es Absicht? "Gelobt sei Jesus Christus" – "In Ewigkeit, Amen." Zwischen "Tantum ergo" und Messbeginn noch mal schnell beichten zu gehen, dass es das noch gibt.

Die alte Liturgie hat in ihrer ganzen Demut auf Kniehöhe etwas Subversives, vielleicht auch Submissives. Es lässt sich nicht leugnen. Sie ist radikal vormodern. Sich eine Missa Tridentina anzusehen fühlt sich an, als näherte man sich einem Geheimbund, den Freimaurern vielleicht oder den Scientologen. Ein Hauch von Exkommunikation umgibt den Ritus, dem selbst Kardinal Meisner ein so radikal spalterisches Potenzial nachsagte, dass er ihn um der Einheit der Kirche willen nicht zelebrieren wollte.

Was der Erzreaktionär Joachim Meisner furchtsam von sich wies, muss man sich ansehen. Macht die Messe etwas mit einem und wenn ja, was? Ist das vielleicht sogar gefährlich? Wird man einer Gehirnwäsche unterzogen? Bedroht sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung?

Mit dem Psalm "Iudica me, Deus" geht es los. "Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk; von frevelhaften, falschen Menschen rette mich", sagt der Priester zu Beginn, beim Stufengebet vor dem Hochaltar. Der Messdiener antwortet: "Gott, du bist meine Stärke. Warum denn willst du mich verstoßen? Was muss ich traurig gehen, weil mich der Feind bedrängt?"

Die alte, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den Sechzigerjahren mehr oder weniger verbotene Messe, ist von großer Historie umwabert. Sie soll sehr schön sein und auch sehr unverständlich. Als die katholische Kirche sie hinter sich gelassen hatte, gingen manche Bischöfe zum offenen Krieg über, sträubten sich gegen die neue Liturgie, zelebrierten lieber weiter die alte und riskierten eine Kirchenspaltung.

Vor zehn Jahren hat Papst Benedikt den tridentinischen Ritus wieder großflächig erlaubt. Er sei würdig und alt und müsse sich darum wieder "gebotener Ehre" erfreuen, schrieb Benedikt, der mit der modernen Liturgie, beziehungsweise ihrer eher laxen Interpretation in den letzten Jahrzehnten, ein Problem hatte. Gegner der alten Messe befürchten, dass die Tridentina nur ein U-Boot ist, um altes autoritäres Gedankengut in die Kirche der Neuzeit einzuschmuggeln.

Das meditative Stufengebet geht nach dem Iudica-Psalm noch Absätze lang weiter und findet auf Latein statt. Latein stört die Kritiker dieser Liturgie. Aber Latein ist gar nicht das Problem. Auch der falsch herum hingestellte, der Gemeinde den Rücken zukehrende Priester ist nicht das Problem.

Das Problem ist diese verdammte Stille. Gegen Latein hätte man ja nichts – wenn man es denn hören könnte. Doch was Priester und Messdiener sich die ganze Zeit zuflüstern, ist nurmehr an der Schwelle zum Hörbaren. Was man vernimmt, ist das italienisiert zischende C des Priesters. Aber das hier könnte auch Kirchenslawisch sein. Ein zweisprachiges Messbuch zum Mitlesen nutzt wenig. Man kann einer alten Messe schlicht nicht folgen, wenn man das Geschehen nicht auswendig kennt.