Früher haben Links und Rechts noch miteinander geredet. Von Karl Rahner (dem liberalen deutschen Theologen) und Kardinal Ottaviani (dem konservativen italienischen Glaubenspräfekten) erzählt man sich, dass sie während des II. Vatikanischen Konzils 1962 bis 1965 in einer Kommission zusammentrafen – und erstaunt waren über die theologische Bildung des anderen. Obgleich nie einer Meinung, respektierten sie sich als Theologen und lernten so voneinander.

Diese Zeiten scheinen vorüber. Nach dem Amtsende von Kardinal Müller in Rom zeigt sich: Den Konservativen in der katholischen Kirche fehlt es an großen Identifikationsfiguren, an prägnanten Köpfen, an Vordenkern. Zu lange haben sie sich hinter der intellektuellen Aura Benedikts XVI. versteckt und nicht gemerkt: Ein Argument wird nicht dadurch besser, dass man es wiederholt. Es wird besser nur dadurch, dass man es kritisch prüft.

Vielleicht war dies das eigentliche Unglück der katholischen Kirche in den letzten fünfzig Jahren: dass die Konservativen theologisch immer schwächer wurden. Das Argument wurde ersetzt durch Macht und Strategie, durch den politischen Zusammenschluss vergangenheitsorientierter Kräfte. Unter Papst Franziskus fliegt das auf. Mancher Widerstand gegen ihn wirkt, sobald er sich offen äußert, wie das letzte Aufgebot, nicht wie eine Alternative. Widerständlern wie Kardinal Robert Sarah mangelt es an der Fähigkeit, die Tradition nicht nur als Ansammlung verstaubter Ideen darzustellen, sondern als kritischen Orientierungspunkt heutigen Christseins. Dafür bedürfte es einer Theologie, die Veränderungen nicht fürchtet. Die sich nicht versteckt hinter Kampfbegriffen wie "Relativismus" oder "Genderwahn". Die nicht ihre Sexualmoral zum Maßstab des "wahrhaft Katholischen" erhebt. Sondern: eine Theologie, die mit den geistigen Strömungen ihrer Zeit ins Gespräch tritt.

Das Konzil der sechziger Jahre wollte eine Balance: zwischen liberal-progressiven, nach vorne drängenden Kräften und bewahrend-konservativen, die eine ruhigere Gangart bevorzugten. Verpönt waren Stillstand und Blockade. Erst in den letzten Jahren wurde dies zum Kennzeichen der Konservativen. Manch einer mag für das Ende der "bleiernen Zeit" unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. dankbar sein. Sie haben die Weiterentwicklung einer Theologie der Zukunft behindert. Die Konsequenz: Wo verkündet die katholische Kirche heute in Sachen Ehe, Familie, Sexualität Hilfreiches? Die meisten Katholiken erwarten da von ihrer Kirche nichts mehr – und am wenigsten Hilfe. Das haben Diskussionsverbote und Denkverweigerung bewirkt.

Doch die Linken sollten sich über die Schwäche der Rechten nicht freuen. Wo ein kompromissfähiger konservativer Partner fehlt, schwächt das alle. Während die letzten Ultrakonservativen als Spaltpilz ihrer Kirche wirken, fehlt den progressiven Kräften das kritische Korrektiv. Sie sind es zwar gewohnt, selber Gegenargumente zu ihren Positionen zu finden. Doch ein Gegenüber ist besser. Vorausgesetzt: Beide Seiten sind dialogbereit. Beide wollen nach vorn.