Sie rechnet nicht in Millionen, sondern in Milliarden. Und trotzdem sagt Jessica Kind: "Jedes Mal, wenn jemand in der Schweiz sein Geld aus der fossilen Industrie abzieht, haben wir Grund zum Feiern." Jeder Franken zählt.

Wir, das ist der Schweizer Ableger der weltweiten Bewegung Fossil Free. Um das Klima zu schützen, setzt sie nicht allein auf die Macht der Politik, sondern vor allem auf die Hebelkraft der Finanzmärkte. Dahinter steckt die Überlegung: "Wenn es falsch ist, das Klima zu zerstören, dann ist es sicher auch falsch, von dieser Zerstörung zu profitieren." Und damit sich das ändert, sagt Jessica Kind, braucht es das sogenannte Divestment.

Firmen, staatliche Organisationen, Kirchen, Pensionskassen, Wohltätigkeitsorganisationen und Privatpersonen sollen ihre Vermögensanteile, die sie in Kohle-, Öl- oder Gasunternehmen gesteckt haben, dort wieder rausnehmen – eben des-investieren. Das mag langweilig klingen, ist aber im Endeffekt radikal. Fossil Free will den Unternehmen ihre Geschäftsgrundlage entziehen. Und sie so zerstören.

Ihren Anfang nahm die Bewegung 2010 an einem privaten College in den USA. Richtig bekannt wurde sie aber erst zwei Jahre später. Dank eines Artikels des amerikanischen Umweltaktivisten Bill McKibben im Rolling Stone. Er schrieb: Würden alle bekannten Vorräte fossiler Energien verbrannt, könne dies zu einem globalen Temperaturanstieg von 6 Grad Celsius führen, also weit mehr als die von der Klimapolitik als Obergrenze verankerten 1,5 bis 2 Grad. Daher gibt es nur eins: Die bereits bekannten Gas-, Öl- und Kohlevorräte müssen in der Erde bleiben. Und zwar zu 80 Prozent.

Der Artikel ging im Internet rasch viral. An Universitäten entstanden Divestment-Komitees. Studenten forderten ihre Uni-Leitung auf, nicht länger in die Fossil-Branche zu investieren. Inzwischen sind, sagen die Aktivisten, bereits über 5000 Milliarden Dollar abgezogen worden. Auch wenn die Öl-Lobby die Zahl bestreitet – das ist ein beachtlicher Erfolg. Neben den USA ist Fossil Free vor allem in Großbritannien erfolgreich, wo es der Guardian mit einer intensiven Kampagne ("Keep it in the ground") unterstützt.

In der Schweiz dauerte es etwas länger. Obschon hier der Finanzplatz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. 2014 wurde an der ETH Zürich ein Fossil-Free-Ableger gegründet. Zu den Pionierinnen gehörte auch die promovierte Geophysikerin Jessica Kind. Gerade publizierte der Verein ein Handbuch, das Anlegern erklärt, wie sie beim Desinvestieren am besten vorgehen. Die Pensionskassen des Kantons und der Stadt Zürich beabsichtigen bereits, ihre Anteile an Kohlefirmen zu reduzieren. Inzwischen hat sich auch die Klima-Allianz, ein Verbund von 70 Organisationen, der Divestment-Bewegung angeschlossen. Die Allianz fordert in einem Klimaschutz-Memento die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf, aus den fossilen Energieträgern auszusteigen.

Die SNB ist der größte Hebel für die Schweizer Klimaschützer. Dort liegt sehr viel Geld, das ihrer Meinung nach besser, sprich: klimafreundlicher angelegt werden könnte. Gemäß einer Studie, die von Fossil Free in Auftrag gegeben wurde, investiert die SNB 10,8 Prozent ihres US-Aktienportfolios in börsennotierte Unternehmen der fossilen Industrie. Dies habe einen jährlichen Treibhausgas-Ausstoß von 46,5 Millionen Tonnen CO₂ zur Folge. Das ist etwa gleich viel, wie die Schweiz pro Jahr verursacht.