DIE ZEIT: Herr Koenen, die Frage nach der Legitimität von Gewalt begleitet die Linke seit dem 19. Jahrhundert. Wie ordnen Sie die Geschehnisse rund um den G20-Gipfel ein? In Kommentaren ist nun von Terror die Rede, auch der Vergleich mit rechtsextremen Gewalttaten kam auf.

Gerd Koenen: Vergleiche mit Neonazis oder gar Dschihadisten, wie sie in den vergangenen Tagen gezogen wurden, sind abwegig. So verachtenswert ich den Hooliganismus und Vandalismus dieser sogenannten Autonomen finde, die sich wohl einer politischen Linken zurechnen – es gibt doch wesentliche Unterschiede. Ob man ein Stadtviertel, in gewisser Weise sogar das eigene Biotop, verwüstet und Gefahren an Leib und Leben für die direkten Gegenüber, die Polizisten oder für Dritte in Kauf nimmt, ist immer noch etwas anderes, als politische Gegner, "Untermenschen" oder "Ungläubige" gezielt und möglichst zahlreich auslöschen zu wollen. Aber es stimmt schon: Wer in solch organisierter Weise "Krieg mit dem System" spielt und Molotowcocktails von den Dächern bewohnter Häusern herunter in bevölkerte Straßen schmeißt, der hat ziemlich viele Schwellen überschritten.

ZEIT: Sie waren in den siebziger Jahren selbst Teil der radikalen Linken und im Kommunistischen Bund Westdeutschland aktiv. Erinnern Sie die Bilder aus Hamburg an Ihr eigenes "rotes Jahrzehnt" zwischen 1967 und 1977?

Koenen: Ich sehe zunächst einmal Unterschiede. Vor allem der extreme Autismus dieser Autonomen fällt mir auf. Dass man selbst als interessierter Zeitgenosse von deren Diskussionen so gut wie gar nichts mitbekommt, sagt ja allein schon etwas aus. Damals wandte man sich, zumindest ideell und nach Möglichkeit öffentlich, an ein zu "agitierendes" soziales Subjekt: Demokraten, Arbeiter, "Randgruppen", sozial Entmündigte und so weiter. Und das alles vor einem Panoramabild der "unterdrückten Völker", die sich mutmaßlich zu einem globalen Befreiungskampf erhoben und von einer revolutionären Jugend weltweit unterstützt wurden. Ich sehe nicht, dass die heutigen Autonomen sich überhaupt an irgendjemanden wenden – außer an ihresgleichen, die sich an ihren Outfits, Körpersprachen, Symbolen erkennen, das allerdings länderübergreifend.

ZEIT: Früher war alles besser, auch die radikale Linke?

Gerd Koenen, geboren 1944, ist Historiker und lebt in Frankfurt/Main. Im September erscheint sein Buch "Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" (C. H. Beck). © imago

Koenen: Nein, ich will da nichts verklären!

ZEIT: Die Autonomen traten Ende der siebziger Jahre ja auch etwas vom Erbe Ihrer Generation an. Einige Beobachter vermuten ihren Ursprung im radikalen Flügel der Spontiszene. Andere leiten den Namen von der Autonomia Operaia, "Arbeiterautonomie", ab, einer Bewegung von militanten Fabrikarbeitern und Studenten, die Ende der sechziger Jahre mit Sabotageakten und Streiks in Italien auf sich aufmerksam gemacht hat. Wo sehen Sie die Kontinuitäten?

Koenen: Mir kommen vor allem gewisse Dynamiken und Mentalitäten vertraut vor. Man peitschte sich schon damals gegenseitig hoch und voran, bildete rivalisierende Stämme mit eigenen Sprachen und Riten. Und je liberaler, offener, pluraler die Gesellschaft draußen wurde, umso mehr schloss man sich in die Binnenwelten einer vermeintlichen Hyper-Politisierung ein, die letzten Endes ganz unpolitisch war, jedenfalls im Sinne einer Beeinflussung der tatsächlichen Politik, die pauschal als herrschaftsstabilisierend oder schon "sozialfaschistisch" verworfen wurde. Man muss sich vorstellen: Das bezog sich auf die Reformagenda Willy Brandts!

ZEIT: Man schuf sich Feinde, wo keine waren?

Koenen: Mit großem ideologischem Aufwand, ja. Es wurde eine Menge Gehirnschmalz verbrannt, und am Ende endloser interner Diskussionen stand irgendein allgemeiner Slogan und irgendeine nächste "Aktion". Und da man sich schon seit den Schüssen auf Benno Ohnesorg in Berlin am 2. Juni 1967 in eine Situation der existenziellen Bedrohung hineininsinuierte, war immer auch die Frage zu diskutieren, wie man der Gewalt der Herrschenden und der Staatsmacht mit einer eventuellen "Gegengewalt" zu begegnen hätte. Linke Gewalt ist in der Szene grundsätzlich Gegengewalt: Das war und ist ein linkes Pharisäertum, mit dem sich eigene Gewaltlust bequem bemänteln lässt und man politisch-moralische Selbstermächtigungen mit bestem Gewissen bis zum Exzess treiben kann. Genau das ließ sich nun auch in Hamburg beobachten.