DIE ZEIT: Mister MacGregor, haben Sie es sich so kompliziert vorgestellt, eine deutsche Kultureinrichtung auf den Weg zu bringen?

Neil MacGregor: Kompliziert schon, so kompliziert nicht.

ZEIT: Was hat Sie mehr überrascht, die Vielzahl der Akteure oder die inhaltliche Unschärfe?

MacGregor: Ich wusste, dass es im Humboldt Forum sehr viele Akteure geben würde, und ich wusste auch, dass es unterschiedliche Ideen geben würde, was aus dem Haus werden sollte. Was ich nicht richtig verstanden und auch unterschätzt hatte, das war, wie kompliziert die Verhältnisse zwischen dem Bund und dem Land Berlin sind. Alles immer mit zwei und mehreren Partnern abzustimmen, die natürlich auch unterschiedliche Interessen haben, das kannte ich so nicht. Bei uns in England kennen wir klare Entscheidungsstrukturen.

ZEIT: Verwundert Sie, wie die deutsche Öffentlichkeit das Projekt debattiert?

MacGregor: Nein, überhaupt nicht. Wenn die Zukunft eines solchen, für die Geschichte der Stadt und des Landes so wichtigen Ortes nicht leidenschaftlich diskutiert würde, hätte mich das überrascht. Ich bewundere diese Leidenschaft in den Debatten grenzenlos. Das gäbe es, glaube ich, weder in Großbritannien noch in Frankreich.

ZEIT: Das rekonstruierte Schloss und das Humboldt Forum sind nicht dasselbe. Für die einen ist das Haus ein Symbol preußischer Herrschaft, für die anderen ein interessantes kulturelles Projekt. Kurz, Form und Funktion passen nicht zusammen. Was könnten Sie dagegen tun?

MacGregor: Das Humboldt Forum befindet sich in Berlin, das heißt, es steht in einer gewissen Tradition, einer Tradition, die edle wie dunkle Seiten hat. Es ist jedoch zu drei Vierteln ein modernes Gebäude, das seine Geschichte nicht leugnet. Daraus entsteht eine wirklich interessante Dynamik. Die Einsicht Wilhelm von Humboldts basiert darauf, dass jeder vom Standpunkt seiner eigenen Kultur aus beginnt, die Welt zu erfahren. Das, finde ich, ist ein starker Ausgangspunkt.

ZEIT: Man könnte auch sagen, die Berufung auf die beiden Humboldts muss immer noch ein schlüssiges Konzept für das Humboldt Forum ersetzen. Kann man die inhaltliche Debatte wirklich auf den Geist der Brüder reduzieren?

MacGregor: Wenn man die Werke der beiden betrachtet, kann man enorm viel über die Welt lernen, über die Naturwelt mit Alexander und über die Kulturwelt mit Wilhelm, vor allem was den mündigen Bürger anlangt. Aber was bei beiden fehlt, ist die Debatte über die Religion und über die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft. Nehmen wir diese neue Auseinandersetzung über das Kreuz auf der Kuppel: Diese Debatte brachte eine neue Dimension ins Forum, die man in den Werken der Humboldts nicht gefunden hätte.

ZEIT: Werden sich diese Fragen auch in den Präsentationen der Sammlung wiederfinden?

MacGregor: In gewissem Maße in der Dauerausstellung, weil es dort viele Objekte gibt, die nur dadurch zu erklären sind. Aber hoffentlich auch in den Wechselausstellungen, wo wir eine größere Freiheit haben und, das ist der Plan, einen Schwerpunkt auf Glaubensfragen legen wollen.

"Natürlich war der Zeitdruck von Anfang an da"

ZEIT: Das Humboldt Forum wirbt mit dem Spruch: "Wer die Welt verstehen will, geht ins Humboldt Forum". Was sagen Sie Menschen, die das Humboldt Forum verstehen wollen?

MacGregor: Ich würde formulieren: "Wer die Welt zu verstehen versucht, geht ins Humboldt Forum". Unsere Herangehensweise, wissenschaftliche Forschung, aktuelle Debatten, kreative Schöpfungen und anregende Vermittlung können nur durch konkrete, praktisch erfahrbare Formate erfahren werden. Das alles versuchen Horst Bredekamp, Hermann Parzinger und ich durch Ausstellungen, Diskussionen und Veranstaltungen bereits jetzt zu erreichen. Diese inhaltliche Ausrichtung möchte ich an einem einfach verständlichen Beispiel illustrieren. Im Humboldt Forum werden auch immaterielle Güter wie Töne, Klänge und Sprache Thema sein. Was ist Sprache? Wie hören wir? Was verstehen wir? Und wie funktioniert Sprache? In lebendigen Gesprächsperformances können wir nicht nur die phänomenalen sprachwissenschaftlichen bis heute aktuellen Erkenntnisse Wilhelm von Humboldts präsentieren, sondern auch Gründe für das heutige beschleunigte Sprachsterben wie etwa Globalisierung aufzeigen sowie Versuche, aussterbende Sprachen zu dokumentieren. Und anhand der Verknüpfung mit künstlerischen Formaten wie Poetry-Slams wird deutlich, wie kreativ und spielerisch wir Sprache anwenden. Jeder von uns. Das ist, was wir versuchen: ein und dieselbe Frage aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen zu stellen.

ZEIT: Mit welcher ersten Sonderausstellung wird der Besucher zur Eröffnung empfangen werden?

MacGregor: Ich kann darüber noch nicht viel sagen, auf jeden Fall werden die Berliner Sammlungen in der ersten großen Sonderausstellung eine Rolle spielen. Der Reichtum der Berliner Sammlungen wird im Zentrum stehen.

ZEIT: Haben wir das richtig verstanden, eines der anspruchsvollsten Kulturprojekte Europas beschäftigt sich mit Berliner Sammlungen?

MacGregor: Die Sammlungen zählen zu den vielseitigsten und spannendsten der Welt. Ja, natürlich, wir suchen Weltthemen, aber Weltthemen, die man mithilfe der Sammlungen, die hier in Berlin sind, veranschaulichen kann.

ZEIT: Das Asiatische Museum bleibt ein Kunstmuseum, das Ethnologische Museum hatte in seiner Neukonzeption den Schwerpunkt auf den Menschen gelegt. Sie führten danach den Schwerpunkt Natur ein, nun sagen Sie, Religion sei wichtig. Wie soll sich das bis 2019 verbinden?

MacGregor: Natürlich war der Zeitdruck von Anfang an da, und wir wissen alle, wie der Zeitplan aussieht. Was die Dauersammlungen anbelangt, sind die großen Linien der Planung schon seit Langem festgelegt, wo die Boote, die Häuser, die Vitrinen eingebaut werden, das steht fest. Innerhalb dieses Rahmens kann man natürlich noch ziemlich viel machen und verändern. In beiden Sammlungen planen wir jetzt, zusätzliche Blickfenster einzuführen, durch die man, ausgehend von den Objekten, zu Fragen gelangt, die wir mit dem Naturkundemuseum und dem Botanischen Museum erörtern. Insofern können wir die geplanten Dauersammlungen noch bereichern. Aber für den Zeitplan hat das keine Folgen. Es geht ja hier nicht nur um die Dauerausstellung, sondern auch um die Flächen für Sonder- und Wechselausstellungen mit Leihgaben aus anderen Häusern, zum Beispiel aus dem Museum Europäischer Kulturen.

ZEIT: Gibt es zwischen der Ausstellung des Landes Berlin und der asiatischen beziehungsweise ethnologischen Dauerausstellung irgendeine Koordination?

MacGregor: Ja, natürlich, aus der ersten Etage soll ein Ganzes werden. Das heißt, Themen, die Paul Spies als Direktor des Stadtmuseums auf der Berliner Fläche ausstellen wird, sollen an Themen anknüpfen, die wir weiterentwickeln. So soll auch mit der Humboldt-Universität aktuelle Forschung und Bildung eingebunden werden.

"Das ist eine deutsche Frage, die deutsche Politiker entscheiden müssen"

ZEIT: Welche Themen könnten das sein?

MacGregor: Wie man beispielsweise mit Krankheit, Hunger und Tod umgeht oder mit Migration.

ZEIT: Es gibt mit der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dem Land Berlin und der Humboldt-Universität vier Institutionen, die das Forum bespielen sollen. Und es soll irgendwann einen Intendanten geben, der dem Ganzen vorsteht. Wie mächtig, wie umfassend weisungsbefugt wird der künftige Intendant sein?

MacGregor: Das müssten Sie Frau Grütters fragen, die Kulturstaatsministerin. Ich weiß, dass sie sich mit der Lösung dieser Fragen intensiv beschäftigt.

ZEIT: Was wäre Ihr Wunsch?

MacGregor: Die drei Gründungsintendanten sind sich einig, dass das Haus als ein Ganzes funktionieren sollte, es muss eine gewisse Kohärenz haben. Es sollte mehr sein als ein paritätisches Zusammenspiel der Partner und letztendlich von einer Person geführt werden. Wir finden es wichtig, dass der Intendant die Richtlinien bestimmen darf und muss. Letztlich ist das eine politische Entscheidung.

ZEIT: Sollte ein Haus der Kultur, der Forschung und der Wissenschaft politisch kontrolliert werden?

MacGregor: Das ist eine deutsche Frage, die deutsche Politiker entscheiden müssen. Aber das Grundgesetz sichert ja die Autonomie von Kunst und Kultur. Zur Frage, wie man jedoch innerhalb des Humboldt Forums mit der Dualität zwischen Bund und dem Land Berlin umgehen sowie was eine optimale Struktur sein könnte, kann ich als Ausländer schwer Ratschläge geben. Bei uns in England aber gäbe es niemals einen direkten Kontakt zwischen Intendant und Minister.

ZEIT: In Großbritannien übernimmt in der Regel ein unabhängiger Sachverständigenrat, ein Board of Trustees, die entscheidende Kontrollfunktion. Könnte das ein Modell sein?

MacGregor: Absolut. Ich sehe in einem solchen Modell große Vorteile. Aber Staaten können nur innerhalb ihrer eigenen Tradition funktionieren.

ZEIT: Was wären die Vorteile?

MacGregor: Vor allem für den Intendanten wäre es hilfreich, wenn es ein solches Board gäbe, nicht nur einen beratenden Beirat, sondern ein Gremium mit Einfluss und Macht. Ein solches Board hätte eine Mitverantwortung für das Gelingen des Ganzen, für das Programm ebenso wie für die Finanzierung. Die Trustees hätten eine auf acht Jahre begrenzte Amtszeit, sie wären dem Haus verpflichtet, müssten den Intendanten aktiv unterstützen, seine Abende kritisch hinterfragen – oder wenn notwendig entlassen.

"Gesucht wird jemand, der die Aspekte zweier Häuser inhaltlich und strategisch vertritt"

ZEIT: Es hieß bei Ihrer Berufung, Sie würden nach 2019 einen Nachfolger auswählen.

MacGregor: Nein, die Gründungsintendanten sind verpflichtet, die Kulturstaatsministerin zu beraten. Der Zeitplan steht noch nicht fest, aber ich kann versprechen: Es wird und muss zu einer dauerhaften Intendanz kommen.

ZEIT: Können Sie sich persönlich vorstellen, über 2019 hinaus zu amtieren?

MacGregor: Ich möchte das Haus sehr gerne bis zur Eröffnung begleiten.

ZEIT: Der Eröffnungstermin wackelt nicht?

MacGregor: Ende 2019 werden wir eröffnen. Wir liegen im Zeitplan, aber Herausforderungen aller Art stehen noch bevor. Erst wenn beispielsweise die technische Einrichtung in allen Räumen perfekt und die Restaurierung der Objekte abgeschlossen ist, kann der Einzug beginnen.

ZEIT: Sie sagten, es solle ein Haus aus einem Guss sein und der Intendant müsse mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet sein. Die beiden großen Museen gehören zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wäre es nicht logisch, sie gingen ganz in die Regie des Humboldt Forums über?

MacGregor: Es gibt viele Aspekte im Innenleben eines Museums. Das Humboldt Forum hat keine Depots, es hat keine Restaurierungsateliers, und es ist keine Forschungseinrichtung. Das sind alles unerlässliche Funktionen eines Museums. Was das Humboldt Forum anbietet, sind Ausstellungsflächen und Vermittlungsmöglichkeiten, die nirgendwo anders existieren, aber auch mögliche Partnerschaften. Das heißt, das Humboldt Forum kann nur ein Teil des Lebens eines Museums sein. Aber ein sehr wichtiger: alles, was den Besucher interessiert.

ZEIT: Spricht das nicht gegen eine hierarchische Konzentration?

MacGregor: Wir suchen jetzt eine gemeinsame Leitung für beide Museen. Dabei ist es wichtig, dass die Person über eine gewisse Expertise in einem der beiden Fachgebiete verfügt. Die Ausschreibung definiert die Rolle des Direktors vollkommen neu: Gesucht wird jemand, der die Aspekte zweier Häuser inhaltlich und strategisch vertritt. Das hat es so noch nicht gegeben. All das muss natürlich innerhalb der Struktur der staatlichen Museen bleiben.

ZEIT: Man kann die Stellenausschreibung auch so deuten, dass die wissenschaftliche Tradition nun abreißen soll.

MacGregor: Das wäre eine falsche Interpretation. Der Direktor, den wir suchen, soll auch die Forschungseinrichtungen der Museen in Berlin-Dahlem leiten. Ohne Forschung kann man keine Ausstellungen machen; eine jede ist das Resultat jahre-, manchmal jahrzehntelanger Forschung. Unter den vielen Traditionen, die im Schloss weiter gepflegt werden sollen, ist vielleicht die allerwichtigste diese Berliner Tradition, die besagt, dass Sammeln, Forschung und Vermittlung zusammengehören. Und im Mittelpunkt stand – anders als in London oder Paris – in Berlin immer die Forschung. Sie zu pflegen wird die zentrale Aufgabe unseres Hauses sein.