Seit ich das Buch Simplify Your Life gelesen habe, versuche ich mein Leben zu vereinfachen. Leider ist das ziemlich schwierig. Neuerdings arbeitet sogar mein Obsthändler gegen mich. Erdbeeren, müssen Sie wissen, zählten für mich lange zu den einfachen Freuden des Lebens. Steige ich nach getaner Arbeit aus der U-Bahn, schaue ich auf dem Heimweg oft noch an dem Erdbeerstand eines örtlichen Obsthofes vorbei. Scheint dann noch die Sonne, weiß ich: Es wird ein schöner Feierabend, mit einer kleinen Schale, randvoll mit rotem, süßem, frisch gepflücktem Glück.

Inzwischen ist das anders. Ich habe es schon länger gespürt, doch erst mein Kollege Henning ließ mich verstehen, warum: Es sind die Sorten. Bisher kaufte ich am Erdbeerstand einfach nur Erdbeeren und fertig. Jetzt muss ich nachdenken. Will ich die hellrote Sorte Flair, die sich durch "eine angenehme Säure" auszeichnet, wie es auf der Internetseite des Obsthofes heißt? Oder lieber die dunkelrot durchgefärbte Honeoye, die "eher herb, aber sehr intensiv erdbeerig" daherkommt? Ich muss zugeben, dass ich an Erdbeeren auch schon Freude gehabt habe, als ich Säure noch nicht gegen Herbheit abgewogen habe, aber nun muss ich wohl auch noch darüber nachdenken. Auch über die Sorte Sonata, die ebenso saftig wie Honeoye ist, allerdings süß und "gleichmäßig geformt". Oder über das "einmalig ausgeprägte Aroma" der Sorte Malwina. Muss ich den ausdrücklichen Hinweis zur Sorte Faith, diese sei "sehr gut zum Frischverzehr geeignet", so verstehen, dass die anderen Sorten eher ungeeignet sind? War es bislang falsch von mir, sie einfach so zu essen? Und warum denke ich auf einmal über so einen Blödsinn überhaupt nach?

Man muss die Dinge nicht unnötig kompliziert machen, liebe Obsthändler. Erdbeeren sind, wie alle einfachen Freuden des Alltags, vor allem deswegen eine Freude, weil sie einfach sind. Belassen wir es dabei.