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DIE ZEIT: Herr Bürgermeister, wie häufig haben Sie sich in den vergangenen Tagen über Ihr Wort geärgert, Hamburg könne G20, Hamburg könne ja auch Hafengeburtstag?

Olaf Scholz: Oft.

ZEIT: Sie haben auch gesagt, am 9. Juli, am Tag nach der Abreise der Staatsgäste, würden viele Hamburger sich wundern, dass der Gipfel schon vorbei sei. Und vor allem haben Sie den Bürgern garantiert, dass es sicher zugehen werde. Diese Garantie konnten Sie nicht einhalten.

Scholz: Die Sicherheitsgarantie habe ich nicht einfach so dahingesagt. Ich war aufgrund der guten und intensiven Vorbereitung durch die Sicherheitskräfte fest davon überzeugt. Andernfalls hätten wir einen solchen Gipfel auch gar nicht verantworten können. Alle – die Kanzlerin, der Bundesinnenminister, die Sicherheitsdienste, die Polizeiführung und auch ich selbst – waren der Auffassung, dass wir die Sicherheit der Bürger und der Stadt gewährleisten können.

ZEIT: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich bei den Hamburgern und bei den Einsatzkräften zu entschuldigen?

Scholz: Sich zu entschuldigen ist kein Zeichen von Schwäche. Und ich weiß natürlich, dass wir den Hamburgerinnen und Hamburgern eine Menge zugemutet haben, durch die erheblichen Verkehrsbeschränkungen, die weit über einen Hafengeburtstag hinausgegangen sind, und durch Gewalt und Chaos, die skrupellose Straftäter in unsere Stadt gebracht haben. Das alles tut mir leid.

ZEIT: Was hat Sie so sicher gemacht, dass es gelingen würde?

Scholz: Die Vorbereitung war exzellent: Bund, Länder, Nachrichtendienste und die Hamburger Landesbehörden haben hervorragend zusammengearbeitet. Die Sicherheitsbehörden haben sich auf alle plausiblen, von ihren Erkenntnissen gedeckten Szenarien vorbereitet. Das war der größte Polizeieinsatz in der Nachkriegsgeschichte Hamburgs und einer der größten der Republik. Fast die gesamte verfügbare deutsche Polizei war bei uns, dazu Kräfte aus Nachbarstaaten. Wir reden über mehr als 20.000 Polizisten mit ihrem technischen Material und ihrem Know-how. Wir haben der Polizei alles zur Verfügung gestellt, was sie sich gewünscht hat – allein 48 Wasserwerfer waren in der Stadt.

ZEIT: Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Scholz: Ich werde mich hüten, jetzt um fünf nach zwölf schon eine genaue Analyse vorzulegen. Wenn es so einfach wäre, hätte uns das auch zwei Monate vorher einfallen können. Klar ist: Es ist nicht gelungen, alle über das gesamte Stadtgebiet verstreuten Gewalttaten frühzeitig aufzuhalten, obwohl die Polizei das eigentlich kann ...

ZEIT: ... und obwohl Ihr Polizeipräsident vorher garantiert hatte: Wir sind in jedem Winkel der Stadt in wenigen Minuten. Das war nicht der Fall.

Scholz: Letztlich gab es vor allem zwei sehr schwierige Lagen: Am Freitagmorgen hatten wir es mit einer Gruppe von gewalttätigen Extremisten zu tun, die frühmorgens vor allem aus einem Camp in Altona heraus losgezogen ist und wahllos Autos angezündet und Scheiben eingeschlagen hat. Die Polizei hatte massiv davor gewarnt, solche Camps zuzulassen. Es ging dabei eben nicht um die freundliche Demonstrantin, die einen Platz für ihre Isomatte sucht, sondern um einen Ort, wo Straftaten vorbereitet werden. Die Täter – in diesem Fall wohl vor allem aus Italien – sind hoch organisiert und rasch vorgegangen, viele haben die Bilder gesehen, wie einer eine Seitenscheibe einschlug und dann die nächsten beiden Brandsätze in das Auto warfen. Das ging blitzschnell, und sie zogen weiter.