Pamela Reif ist fit. Im Gespräch sitzt sie gerade, Fragen arbeitet sie gewissenhaft ab. Immer scheint es, als habe sie die Antworten schon vorformuliert, sie spricht ruhig: "Ich befürworte das", lautet ein zustimmender Satz. "Dieses Thema hat viele Facetten", oder: "Ich würde es anders auslegen", moderiert sie kritische Punkte ab. Als PR-Beraterin könnte die Zwanzigjährige problemlos Politiker in unfallfreier Kommunikation betreuen.

Im Mad about Juice, einem Lokal am Hamburger Mühlenkamp, in dem der Pürierstab nie stillsteht, wo der Salat Yolo heißt und der Proteinshake Adonis, ist Pamela präsent, bevor sie durch die Tür hereingekommen ist. Andächtig spricht man von ihr: Heute, sagt der agile junge Kellner mit Hoffnung in der Stimme, werde sie bestimmt vorbeischauen. Immerhin habe sie das angekündigt.

Nicht nur im feinen Winterhude, wo sich die Saftbar neben szenigen Burger-Restaurants und Beautysalons einreiht, ist Pamela Reif ein Star. Das Fitnessmodel hat auf Instagram 3,1 Millionen Fans – knapp so viele wie WM-Star Lukas Podolski –, und die Zahl steigt stetig. Überall in Deutschland wird sie mittlerweile auf der Straße erkannt, junge Mädchen rennen auf sie zu, wollen sie umarmen, schießen ein Selfie mit ihr und löchern sie: Welche Übungen machst du, um abzunehmen? Was frühstückst du morgens? Woher ist das süße neue Kettchen mit dem Herzanhänger? Gerade erst gestern habe sie wieder ein "Meet & Greet" veranstaltet, damit ihre Fans sie aus der Nähe betrachten können, erzählt Pamela, die heute ein sehr kurzes Spaghettiträgerkleid trägt, dazu Stiefel und offene Haare mit Mittelscheitel wie Melania Trump. Ihre braunen Augen blicken aus dickem Mascara, der breite Mund lächelt, ab und zu führt sie ihm ein bisschen Grünkohl-Smoothie durch einen Strohhalm zu oder Brei aus einer kleinen Schüssel mit Kokosmilch, zermatschter Banane, ungesüßtem Kakaopulver und Avocadopüree. "Der hier schmeckt gesünder als der von gestern", informiert sie ihre Managerin, die danebensitzt.

Sehr leicht könnte man das, was Pamela Reif treibt, als belanglos abtun. Es besteht im Kern tatsächlich nur aus einem: Sie stellt das eigene Foto ins Internet, und andere Mädchen posten Smileys darunter. Doch Pamela Reifs Erfolg erzählt von mehr. Sie ist ein Prototyp, der Idealtypus einer jungen Frau, die eine neue Form von Weiblichkeit verkörpert. Und hinter der strammen Physis steht auch ein geistiges Ideal, der Entwurf vom richtigen Leben, widerstandsfähig durch Disziplin und Strebsamkeit, Gesundheit und Fitness.

"Strong is the new skinny", mit dieser Botschaft sind in den vergangenen Jahren junge Frauen im Internet erfolgreich geworden, indem sie ihre Follower zum durchtrainierten Körper motivieren. Dem abgemagerten Model-Look setzen sie eine drahtige, angeblich gesündere Fitnessversion entgegen. Kayla Itsines etwa, eine Personal Trainerin aus Australien, wurde mit ihrem 12-Wochen-Bikini Body Guide schon mit Anfang zwanzig Multimillionärin. Darin versorgt sie ihre Fans weltweit auf Facebook und Instagram mit anspornenden Nachrichten, Fotos vom eigenen Sixpack und allerhand Rezeptideen für fettarme, proteinreiche Kost.

Pamela Reif tut dasselbe in Deutschland, nur dass sie auf andere Bauchmuskelübungen vertraut und dazu noch Beauty- und Schminktipps liefert. Schon als Teenager hat sie es geschafft, ihren Körper so zu vermarkten, dass sie sich selbst finanzieren kann. Pamela gehört zu den erfolgreichsten deutschen "Influencern" – Menschen also, die in sozialen Medien mit Fotos und Videoclips Millionen Anhänger an sich binden und mit Werbung Geld machen. Für ihre Fans sind sie Popstars und beste Freunde in einem, da sie täglich persönlich zu ihnen sprechen. "Love, Pam", steht in runder Mädchenschreibschrift unter allem, was von Pamela kommt. Auf den pastellfarbenen Seiten ihres Buchs Strong & Beautiful ebenso wie in ihrem Fitnessprogramm. "Pam" kooperiert mit Modefirmen und einem Schlankheitstee-Hersteller, ganz nebenbei lässt sie auf den Fotos diverse Produkte auftauchen, empfiehlt mal ein Accessoire, mal den neuen Wonder Woman-Film. Und verdient.

Anhängerinnen leitet Pamela folgendermaßen an: "Achte auf deine Körperhaltung!", und: "Versuche, insgesamt mehr zu lächeln. Das ist ein sehr wertvoller Tipp, den ich auch täglich versuche, umzusetzen."

Es ist ein mechanisches Menschenbild, das solchen Ratschlägen zugrunde liegt. Zur ganzheitlichen Fitness braucht es: acht Stunden Schlaf, mindestens jeden zweiten Tag eine Stunde Krafttraining, keinen Zucker. Dazu noch einige Formeln für die Psyche: unbedingt positiv denken, negative Menschen im Umfeld meiden, die Konzentration stets auf die eigenen Stärken lenken. Und an schlapperen Tagen? "In solchen Fällen mache ich meine Lieblingsmusik an, gehe eine oder zwei Runden um den Block oder genieße einfach einen Powernap." (Sie meint: ein Nickerchen.)

Gefühle, das scheint die entlastende Botschaft, sind letztlich nicht mehr als Emoticons – stört eines, gibt es Tasten, die du drücken kannst, um sie durch ein positives zu ersetzen. Für den Körper gilt dasselbe: Wenn er getrimmt ist, kommt der Geist schon hinterher.

Eine unheimliche Melodie erklingt da, etwas, das an dystopische Visionen denken lässt, wie sie Romane und Filme imaginieren. Die Fernsehserie Real Humans etwa entwirft eine Welt, in der die alte Idee des Menschen mit all seinen Widersprüchen, Schwächen, Sehnsüchten und Faulheiten von einem artifiziellen Imitat, den Human Robots, kurz Hubots, ausgestochen zu werden droht. Die Roboterwesen werden von allen geliebt, weil sie rund um die Uhr effizient sind, aber auch gegebenenfalls einfühlsame Sätze von sich geben und dazu lächeln können. Dient der Hubot, diese gruselig-perfekte Plastikversion unserer selbst, den Fitness-Ikonen als Vorbild?