Der indische Autor Pankaj Mishra, geboren 1969, wartet in seinem neuen, weit ausgreifenden Essay mit einer radikalen These auf. Diese These des Essayisten und Sozialkritikers Mishra beruht darauf, die Traumata des 19. Jahrhunderts in Deutschland und anderen "verspäteten" Nationen wie Italien und Polen auf die Probleme der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts hochzurechnen. Und trotz der Neigung, jede schlechte Nachricht für seine These einzuspannen, ist das Ergebnis verblüffend schlüssig, allerdings auch zum Verzweifeln.

Aus dem Geist des Ressentiments gegenüber den beiden überlegenen, sich als liberal-aufgeklärt verstehenden Nationen England und Frankreich erwuchs unter den Völkern ohne Staat demnach ein nationalistischer Mystizismus. Genauso fühlen, so Mishra, sich heute Russen, Türken, Araber, Chinesen gegenüber dem Westen. "Die politische Wiederauferstehung des Nationalismus beweist, dass Ressentiments – in diesem Falle von Menschen, die sich von der globalisierten Ökonomie abgehängt oder von deren cleveren Oberherren und Claqueuren in Politik, Wirtschaft und Medien verächtlich ignoriert fühlen – die Ersatzmetaphysik der modernen Welt geblieben sind."

Mishras Gewährsleute für diese "Ersatzmetaphysik" sind Herder und Fichte, der italienische Freiheitskämpfer Mazzini, der futuristische Dichter D’Annunzio und der polnische Nationaldichter Mickiewicz, aber auch Dostojewski und der russische Anarchist Bakunin. Ausgiebig belegt Mishra, dass diese Dichter, Denker und Aktivisten mit ihren romantischen Visionen in allen aufstrebenden, sich benachteiligt fühlenden Ländern außerhalb Europas intensiv rezipiert und nachgeahmt worden sind. Ähnlich wie der aufgestaute Frust im 19. Jahrhundert den anarchistischen Terrorismus und seine Theoretiker hervorbrachte, habe er heute zum islamischen Terrorismus und zu national-religiösen Autokraten vom Schlage Putins, Erdoğans und Modis geführt, der in Indien eine nationalistische Ideologie islamfeindlicher hinduistischer Erweckung verfolgt und sich dabei auf den indischen Mazzini-Schüler Savarkar stützt, von dem sich auch der Mörder Gandhis inspirieren ließ.

Die wirtschaftliche Hegemonie des Westens kollidiert dabei mit dem Versprechen von Wohlstand und individuellem Glück, das der Westen der Welt gemacht hat, das aber nur für die wenigsten eingelöst wird. Mishras Befund konfrontiert die Apologeten der gegenwärtigen Weltordnung mit der Frage, wie sie denn all denjenigen Menschen Perspektiven bieten und Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, die ihre Traditionen für das individuell-materialistische Heilsversprechen über Bord geworfen haben. Unter Verweis auf Gandhi und Simone Weil deutet Mishra an, dass es Zeit wäre, die "einseitige Betonung von Rechten" infrage zu stellen und damit "jene Ansprüche habgieriger egoistischer Individuen gegenüber anderen, die der weltweiten Ausbreitung der Kommerzgesellschaft zugrunde liegen".

Den Konflikt zwischen liberaler und antiliberaler Weltsicht sieht der Sozialkritiker und Essayist mit Nietzsche auf archetypische Weise vorgebildet im "Kampf zwischen Rousseau und Voltaire um 1760". Voltaire erscheint als der liberale Aufklärer, der sich in den Salons der Mächtigen herumtreibt und die ökonomischen Vorteile seiner Position zu nutzen weiß. Er ist der Prototyp der mit dem Westen geschickt kooperierenden Eliten nichtwestlicher Länder, die auf ihre angeblich unaufgeklärten Mitbürger gern herabsehen.

Was gibt es noch jenseits des Westens, wenn er alle Kulturen infiltriert hat?

Rousseau hingegen empfand sich als Vertreter des Volks, fühlte sich in der höheren Gesellschaft unwohl und stilisierte seine Streitsucht als Aufrichtigkeit und soziales Märtyrertum – eine Inszenierung, die in den Propagandavideos heutiger Terroristen wiederkehrt. Rousseau wird so zum Vorläufer all jener, die sich verkannt und übergangen fühlen und an der Gesellschaft Rache nehmen wollen.

Beide Haltungen sind laut Mishra gleichermaßen dazu disponiert, Opfer in Kauf zu nehmen. Voltaire war es, der Katharina der Großen empfahl, "Polen und Türken die europäische Aufklärung mit aufgepflanztem Bajonett zu lehren". Mit seinen Attacken gegen die Religion schuf er den Platz für die Ersatzreligion des Ressentiments. Und anders als Rousseau interessierte er sich nicht für die einfachen Leute. Die beiden sind zwei Seiten einer zugleich glitzernden und gewaltaffinen Medaille, die "Westen" heißt und wie der Dollar sogar dort Leitwährung ist, wo man gegen sie agitiert. Für die Menschen im Westen gelte: "Der globale Bürgerkrieg steckt tief in uns selbst; seine Maginot-Linie läuft quer durch unser Herz und unsere Seele." Denn "unsere Kultur" – Mishra zählt sich offensichtlich dazu – fördere "unstillbare Eitelkeit und platten Narzissmus".

Mal angenommen, diese pauschale Aussage träfe zu, wie wäre das Dilemma zu lösen? Wenn es jenseits des Westens nichts mehr gibt, weil dieser alle kulturellen Traditionen infiltriert hat, was wäre die Alternative? Darauf bleibt Mishra die Antwort schuldig. Er sagt von sich, er sympathisiere "mit beiden Seiten dieser Debatte", er wolle weder Voltaire noch Rousseau sein. Da es in seiner Welt aber nur diese beiden Möglichkeiten gibt, fragt sich, was er dann sein will. "Die Notwendigkeit eines wahrhaft verändernden Denkens über das Ich und die Welt", die der letzte Satz des Buchs postuliert, ist auch schon anderen aufgefallen. Wir wüssten jetzt gern, wie dieses Denken aussieht.

Kennt man Mishras Werk, etwa den autobiografisch-kulturgeschichtlichen Essay Unterwegs zum Buddha, scheint er zu einer buddhistischen Antwort zu neigen. Da Mishra aber niemanden bekehren will, lässt er seine Leser mit seinem bitteren Befund allein und verstärkt damit am Ende womöglich den Nihilismus, gegen den er andenken will.

Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns. A. d. Engl. v. Laura Su Bischoff u. Michael Bischoff; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 416 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €