Deutschlands Privatschulen sind zu teuer. So berichtete das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) bereits im November. Als Beispiele nannte das WZB die Berlin Metropolitan School und die Berlin Cosmopolitan School, zwei angesagte internationale Schulen in der Hauptstadt, wobei Letztere in Klasse eins bis sechs mindestens 240 Euro monatlich kostet und je nach Einkommen bis zu 739 Euro. So hohe Gebühren seien verfassungswidrig und verstießen zudem gegen staatliche Vorgaben.

Man wolle den Vorwürfen nachgehen, hieß es damals aus der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, sehe aber ansonsten "keinen weiteren Regelungsbedarf". "Die haben getan, als seien das zwei seltene Ausnahmen", sagt der WZB-Bildungsjurist Michael Wrase. Der Ehrgeiz der Wissenschaftler jedenfalls war geweckt. Eingehend recherchierten sie auf den Websites der Privatschulen, schrieben E-Mails oder riefen in den Rektoraten an.

Das Ergebnis ihrer Analyse, die der ZEIT exklusiv vorliegt, dürfte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) noch mehr unter Handlungsdruck setzen. Von den 94 untersuchten privaten Grundschulen halten 51 die Vorgaben des Senats zur Höhe des Schulgeldes nicht ein, von den 67 weiterführenden Schulen der Klassen sieben bis zehn verstoßen 38 gegen die Regeln.

Fast 6.000 Schulen in freier Trägerschaft gibt es bundesweit. Sie sollen zugänglich sein für alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. So steht es im Grundgesetz: Private "Ersatzschulen" dürfen nur genehmigt werden, wenn an ihnen "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird". Im Gegenzug übernimmt der Staat nach einer Probephase von bis zu drei Jahren rund zwei Drittel der Schulkosten. Für den Rest müssen die privaten Träger selbst aufkommen. Auch deshalb sind sie auf die Gebühren der Eltern angewiesen.

Die Senatsverwaltung Berlin geht davon aus, dass das Schulgeld für Eltern der untersten Einkommensgruppe nicht höher als 100 Euro im Monat liegen darf. Diese Schwelle haben auch die Forscher in ihrer Studie angesetzt, obwohl sie bereits diesen Betrag für zu hoch und damit verfassungswidrig halten: "Wenn man das tatsächlich verfügbare Einkommen der Haushalte zugrunde legt, stehen die Schulen schon dann de facto mehr als der Hälfte der Berliner Kinder nicht mehr offen." Und selbst die 100 Euro hielten nur ein knappes Drittel der Schulen ein. 18 Berliner Privatschulen verlangen mehr als 200 Euro Mindestschulgeld und verstoßen damit eklatant gegen die Senatsvorgaben. Nur die religiös-weltanschaulichen Schulen halten sich zu über 90 Prozent an die Regeln.

"Wir schmeißen keine Kinder raus, wenn ihre Eltern den Schulbeitrag nicht zahlen können", sagt Andreas Wegener vom Berliner Landesverband des Verbandes Deutscher Privatschulen. Laut WZB-Studie kommen an Berlins privaten Grundschulen allerdings nur sieben Prozent der Schüler aus einkommensschwachen Familien, an den besonders teuren sogar nur 1,7 Prozent. Der Landesschnitt liegt bei 36 Prozent. Die Forscher indes machen weniger den einzelnen Schulen einen Vorwurf als der Politik insgesamt. Die habe lange das Signal ausgesendet, dass man es mit den Vorgaben nicht so genau nehme. "Wir haben es vor allem mit einem Kontrollversagen des Senates zu tun", sagt Michael Wrase.

Scheeres’ Staatssekretär Mark Rackles räumt ein, dass man in der Vergangenheit nur konkreten Beschwerden nachgegangen sei. Erst seit einigen Jahren, auf Betreiben der Senatorin, existiere eine eigene Schulaufsicht für die Privatschulen. Dank der "Fleißarbeit" der Forscher habe man nun eindeutige Hinweise, dass viele Schulen die Schulgeldregelungen nicht klar genug auf ihren Internetseiten veröffentlichten. "Das werden wir ändern, damit die Eltern hinreichende Transparenz erhalten", sagt Rackles. Auch die Verordnung, in der die Vorgaben formuliert sind, wolle man verbessern im Zuge der anstehenden Finanzierungsreform des Berliner Schulwesens. "Das ist das wirksamste Instrument für das Sonderungsverbot. Dann gibt es Geld nur noch im Gegenzug für genaue Daten über die Schülerschaft."

Bereits im November hatten die Forscher festgestellt, dass nur vier Bundesländer eine über die Verfassung hinausgehende Regelung in ihren Gesetzen verankert hätten. Besonders extrem sei die Situation in Hessen. Das Land kenne weder Regulierung noch Kontrolle der Schulgelder. "Entsprechend fällt an etlichen Schulen deren Höhe aus", sagt Wrase. 300 oder 400 Euro im Schnitt seien keine Seltenheit.

Den Darmstädter Eliten-Forscher Michael Hartmann wundert all das nicht. "An den Privatschulen versammeln sich Kinder aus dem oberen Drittel der Gesellschaft. Deren Eltern sind gut organisiert, und die Politik überlegt sich zweimal, gegen ihre Interessen anzugehen." Umgekehrt falle der Protest ärmerer Eltern schwach aus, weil sie die Privatschulen gar nicht erst als Option wahrnähmen.

Lob vom WZB erhält Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die, gezwungen vom Landesverfassungsgericht, ein neues Privatschulgesetz plant: Das Schulgeld soll in Zukunft fünf Prozent des Haushaltsnettoeinkommens einer Familie nicht überschreiten dürfen. Umfangreiche Kontrollen sind vorgesehen. "Wir korrigieren damit eine Fehlentwicklung", sagt Eisenmann. "Wenn wir pro Jahr eine Milliarde Euro an die Privatschulen geben, hat der Steuerzahler das Recht, zu wissen, was mit dem Geld passiert."