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Die alte Hängebrücke über den Bosporus ist 1.560 Meter lang, sechs Fahrspuren breit und verbindet Europa mit Asien. Das Bauwerk gilt als Sinnbild für eine Nation auf dem Weg in die Moderne. Doch am 15. Juli des vergangenen Jahres, einem glühend heißen Tag, wird die Brücke zum Schauplatz eines Staatsstreiches. Und von einem Symbol des Aufbruchs zu einem des Erstarrens.

Es ist ein Freitagabend. Gegen 21.45 Uhr preschen Lastwagen der Armee heran, Soldaten mit Gewehren springen auf die Fahrbahnen. Ein Major ruft Befehle, Panzer rücken vor. Die Soldaten besetzen die von Strahlern rot beleuchtete Brücke und riegeln den Verkehr in Richtung Europa ab. Wenig später kreisen Hubschrauber über Istanbul und Ankara, Kampfjets steigen auf. Der Staatsstreich hat begonnen. Rund zwölf Stunden wird gekämpft, fast 300 Menschen sterben. Am nächsten Tag ist der Putsch niedergerungen, die meisten Aufrührer sind verhaftet.

Doch da beginnt ein zweiter Staatsstreich. Es ist ein Putsch von oben, angeführt vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der den Umsturzversuch im Fernsehen ein "Gottesgeschenk" nennt; ein Geschenk, das ihn in den Rang eines Autokraten erheben wird. Sein Staatsapparat sorgt für die Entlassung von rund 150.000 Menschen, mehr als 50.000 sitzen im Gefängnis, Zeitungen und Radiosender werden geschlossen. Die Säuberungswelle verwandelt die Türkei in eine Autokratie, in der Grundrechte außer Kraft gesetzt sind.

Glaubt man Präsident Erdoğan, hat ihm nicht allein Allah dieses Geschenk gemacht, sondern ausgerechnet sein größter Feind, ein alter Mann in Pennsylvania, USA: Dort lebt auf einem zehn Hektar großen Anwesen, umringt von Leibwächtern, Fethullah Gülen, ein eisgrauer, gebeugt auftretender Prediger, der eine islamische Bewegung mit weltweit etwa acht Millionen Anhängern anführt. In jenem Großverfahren, das jüngst in Ankara gegen die mutmaßlichen Planer des Putsches begann, wird Gülen in Abwesenheit als Angeklagter Nummer 1 geführt. Erdoğan präsentierte Gülen den Türken und der Welt als Schurken. Aber in den Ermittlungsakten finden sich Fragen, Widersprüche und offenkundige Leerstellen. Die Beweise sind wacklig. Recherchen der ZEIT in der Türkei und in Europa, Gespräche mit Geheimdiensten in der Region sowie mit deutschen und amerikanischen Regierungsvertretern ergeben nun eine andere, differenziertere Version der Ereignisse. Was ist in jener Nacht des 15. Juli 2016 also geschehen? Wie kam es zum Putsch? Und steckt wirklich Gülen dahinter?

Die Vorgeschichte: Aus zwei Verbündeten werden Feinde

Es gab eine Zeit in der Türkei, da waren Recep Tayyip Erdoğan und Fethullah Gülen Brüder im Geiste; sie einte ein Ziel: die Macht in der säkularen, vom Geiste des Staatsgründers Kemal Atatürk geprägten Türkei an sich zu ziehen. In diesem Land, in dem Staat und Religion strikt getrennt sein sollten, waren beide Männer Underdogs.

Erdoğan, der einer einfachen Familie von der Schwarzmeerküste entstammt, einst Sesamgebäck verkaufte und von einer Karriere als Profifußballer träumte, lange bevor er zum Bürgermeister Istanbuls gewählt wurde. Ein Instinktmensch, bullig und durchsetzungsstark, mit einem untrüglichen Gespür für Stimmungen im Volk.

Und Gülen aus Anatolien, wo der Bildungsgrad der Bevölkerung eher niedrig ist, der religiöse Eifer aber groß. Schon Gülens Vater predigte als Dorfimam. Von der Provinz aus baute Gülen eine Bewegung auf, die er Hizmet nannte, "Dienst", und die heute weltweit mehrere Hundert Schulen betreibt. Hizmet ist autoritär organisiert, die meisten Mitglieder leben abgeschottet, Aussteiger berichten von sektenähnlichen Strukturen. Gülens Anhängern gehörten unter anderem die inzwischen verbotene Zeitung Zaman, die Bank Asya sowie diverse Versicherungen.

Erdoğan und Gülen einte die Opposition gegen den Laizismus Atatürks, den das türkische Militär eisern verteidigte. Schnell stießen beide an die Grenzen dessen, was in der Türkei erlaubt war. 1999 wurde der heimlich aufgezeichnete Mitschnitt eines Auftritts Gülens bekannt – Wortlaut: "Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt." Gülen setzte sich nach Amerika ab. Seither lebt er in einem Örtchen namens Saylorsburg, 1126 Einwohner, knapp zwei Autostunden von New York entfernt.

2002 unterstützte Gülen von Amerika aus Erdoğans neu gegründete Partei AKP im Wahlkampf. Als die religiös ausgerichtete, weithin unbekannte Partei überraschend die Wahlen gewann, zahlte Erdoğan zurück: Gülens Leute stiegen in Regierung und Behörden auf, rückten auf Wahllisten der AKP ins Parlament. Gülen war ein Koalitionspartner, nur dass er keine Partei führte. Er war jetzt dort, wo er hinwollte. Im Herzen des türkischen Machtsystems.

Nach Erdoğans Wiederwahl im Jahr 2011 bekam die Allianz der beiden Männer Risse. Anhänger Gülens ließen Details über Geheimverhandlungen der Regierung mit der PKK, der verbotenen "Arbeiterpartei Kurdistans", durchsickern, um diese Gespräche zu stören. Als Erdoğan wiederum 2013 ankündigte, alle Gülen-Schulen schließen zu lassen, eskalierte der Machtkampf: Nur Tage später eröffneten Gülen nahestehende Staatsanwälte ein Korruptionsverfahren gegen hochrangige AKP-Mitglieder, gegen mehrere Minister Erdoğans, sogar gegen dessen Sohn Bilal. Die Beschuldigten sollten Millionen Dollar dafür kassiert haben, dass trotz des internationalen Iran-Embargos Öl, Gas und Gold aus Teheran geschmuggelt werden konnten – über die Türkei. Im Mitschnitt eines Gesprächs, in dem es um Schwarzgeld geht, soll Erdoğan persönlich zu hören sein, wie er seinen Sohn anweist: "Bring alles weg, was du im Haus hast!" Erdoğan weist bis heute alle Anschuldigungen zurück.

Am Morgen nach dem Putschversuch prügeln Zivilisten auf einer Bosporus-Brücke auf junge Soldaten ein. © Gokhan Tan/Getty Images

Nie zuvor war er so kurz davor zu stürzen wie 2013. Gülens Leute hatten ihn getroffen. Erdoğan reagierte mit dem Reflex eines Boxers, der zwar angeschlagen, aber nicht ausgeknockt ist. Er entließ die beschuldigten Minister – und mit ihnen Hunderte Polizisten und Staatsanwälte, die er der Gülen-Bewegung zurechnete.

Und damit begnügte er sich nicht. Systematisch drängte Erdoğan auch Atatürks Traditionsbewahrer im Militär zurück. Im Frühjahr 2016 ließ er die Führung einer kemalistischen Institution absetzen, des Oyak-Konzerns, der seit 1961 die Renten der Militärs verwaltet. Oyak war 50 Jahre lang ein Symbol der Macht und Autarkie der Streitkräfte gewesen.

Das ist das politische Klima, in dem Putschpläne gedeihen.

Ankara, November 2015: In einer Villa wird der Putsch geplant

Am 9. November 2015 mietet der Geschäftsmann Serkan Aydın eine unscheinbare, weiß verputzte Villa in Ankara. Das dreistöckige Haus mit Säulenportal steht in der Ahmet Taner Kışlalı Mahallesi 2880. Sokak, einer stillen Seitenstraße im Südwesten der Hauptstadt. Die Villa soll den Putschisten als Hauptquartier dienen, so geht es aus der Anklageschrift und verschiedenen Zeugenaussagen hervor. Die Ermittlungsakten sind mit Vorsicht zu bewerten, aber in Teilen lassen sich die Angaben durch unabhängige Recherchen belegen.

Dass das Haus ausgerechnet in diesem Zeitraum gemietet wird, ist kein Zufall: Am 1. November 2015 hat Erdoğans AKP die Parlamentswahlen gewonnen, mit absoluter Mehrheit. Alle Hoffnungen seiner Gegner auf einen politischen Wechsel haben sich zerschlagen. Erdoğan wird mindestens vier weitere Jahre an der Macht sein und diese Macht für sich nutzen.

Es sei denn, er wird gestürzt.

Türkei - "Mit dem falschen Satz zum falschen Thema kann man zum Staatsfeind werden” Ein Jahr nach dem Putsch in der Türkei ist das Land immer noch nicht zur Ruhe gekommen. ZEIT-Investigativ-Reporter Fritz Zimmermann berichtet im Video über seine Recherchereise. © Foto: Stringer / Getty Images