Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Letzte Woche brach Staatspräsident Erdoğan sein sechsjähriges Schweigen der deutschen Presse gegenüber und beantwortete die Fragen von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.

Jetzt könnten Sie denken, das sechsjährige Embargo hätte mit der Krise der Beziehungen zur deutschen Regierung zu tun, das ist aber nicht der Fall. Denn Erdoğan gibt auch der türkischen Presse keine Interviews. Besser gesagt: Er lädt nur persönlich ausgewählte "Journalisten" in sein Flugzeug ein und diktiert ihnen seine Statements. Deshalb trifft er auch keinen Journalisten wie di Lorenzo, der, wenn Erdoğan sagt, er verstehe nicht, warum man ihn Diktator nennt, ihm die Gründe dafür einzeln aufzählt. Schon das wäre ein Grund, ihn als Diktator zu bezeichnen.

Wenn Erdoğan im ZEIT-Interview sagt, er glaube nicht an so etwas wie unabhängige Medien irgendwo auf der Welt, ist das ein Beleg dafür, dass er alle Medien auf der Welt sieht wie die von ihm persönlich geschaffene regierungstreue Presse.

Im vergangenen August zitierte ich in meiner ZEIT-Kolumne Passagen aus einem Telefongespräch, das Erdoğan als Premierminister mit dem Chefredakteur einer Zeitung geführt hatte. In dem geleakten Mitschnitt kritisiert Erdoğan den Titel eines Artikels auf Seite 24 der Zeitung: "Wie könnt ihr so eine Überschrift drucken? (…) Wir können diese Meldungen doch nicht von A bis Z verfolgen!" Die Antwort: "Das stimmt natürlich. Es ist unser Fehler. Das kommt nicht wieder vor."

Wer es gewohnt ist, Zeitungschefs Anweisungen zu erteilen und "zu Befehl" als Antwort zu erhalten, glaubt natürlich nicht an unabhängige Medien.

Erdoğan behauptet, 176 von 177 Journalisten in türkischen Gefängnissen seien wegen Terrorismus inhaftiert. Bis zum letzten Jahr war ich einer von ihnen. Ich war wegen Terrorismus angeklagt, weil ich belegt hatte, dass Erdoğans Geheimdienst illegal Waffen nach Syrien lieferte. Eigentlich hätten als Verschleierer der Tat er und sein Geheimdienst angeklagt werden müssen, stattdessen zerrte er die Journalisten vor Gericht, die die Sache aufgedeckt hatten. Unzählige meiner Kollegen sitzen hinter Gittern, weil sie Personen interviewt haben, die die Regierung für Terroristen hält. Es kommt noch schlimmer: Sagen wir, ich wurde aufgrund meiner Berichterstattung wegen Terrorismus verurteilt. Nun wird der Journalist, der mich interviewt, automatisch auch zum "Terroristen". Deshalb sind die Zahlen der Inhaftierten so hoch.

Kürzlich sagte ein deutscher Kollege: "Vor fünf Jahren fragten türkische Diplomaten in Deutschland, warum wir nicht über die Gülen-Schulen berichten. Jetzt bezichtigen uns dieselben Diplomaten aufgrund unserer Berichterstattung, Gülenisten zu sein."

Denn als seine Partnerschaft mit Erdoğan endete, wurde Gülen zum Terroristen erklärt. Dasselbe gilt für PKK-Chef Öcalan. Solange die Verhandlungen mit den Kurden liefen, führte die Regierung Wartelisten für Interviews mit Öcalan, doch als sie die Verhandlungen abbrach, erklärte sie Journalisten, die ihn interviewt hatten, zu Terroristen. Für uns, die wir der Wendehalsigkeit der Regierung gar nicht folgen können, ist das eine ziemlich schwierige Situation.

Ich hoffe nur, Erdoğan hat, als er jetzt auf einen Journalisten traf, der keine servilen Fragen stellt, etwas über unabhängige Medien und unparteiischen Journalismus gelernt.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe