Wir stellen uns Rechtspopulisten und deren Anhänger gerne als Dümmlinge vor, die sich kaum mit Politik beschäftigen. Völlig abwegig ist das nicht. Immerhin gab Donald Trump im Wahlkampf stolz von sich, eine besondere Zuneigung für "die Ungebildeten" zu empfinden. Und tatsächlich sind die Anhänger populistischer Parteien – von Deutschland bis nach Griechenland und von der Türkei bis in die USA – den meisten Studien zufolge unterdurchschnittlich gebildet.

Rechtspopulisten pauschal als schlecht informiert und intellektuell minderbemittelt abzutun ist natürlich trotzdem ein Fehler. Das sieht man allein schon daran, dass sie Hochgebildete, die mit ihnen übereinstimmen, in besonderen Ehren halten – man denke an Herrn Prof. Bernd Lucke, Frau Dr. Alice Weidel, Herrn Dr. Thilo Sarrazin und Herrn Dr. Marc Jongen. Und man sieht es auch daran, dass die Vorzeigeprojekte der Neuen Rechten sich gerade durch ihren pseudointellektuellen Anspruch von den dumpfen Parolen der NPD unterscheiden, ja etablierte Institutionen bewusst imitieren: Wenn sich der Name des privaten, rechtsradikalen Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda allzu leicht mit dem Namen des staatlichen Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München und Potsdam verwechseln lässt, ist dies kein Zufall.

Die Politik nahm lange an, die größte Gefahr drohe durch eine unkritische Denkweise

Auch kultivieren viele rechtspopulistische Politiker und Publizisten einen bewusst hochtrabenden Stil. In seiner berüchtigten Dresdner Rede zum Beispiel schimpfte der AfD-Politiker und Geschichtslehrer Björn Höcke nicht über Sozialschmarotzer und Pleitegriechen. Stattdessen behauptete er, der soziale Friede in Deutschland sei "durch den steigenden Missbrauch und die Aufgabe der national begrenzten Solidargemeinschaft sowie durch den Import fremder Völkerschaften und die zwangsläufigen Konflikte existenziell gefährdet". Und der Blogger Oliver Zimski behauptet auf der Website Die Achse des Guten nicht einfach, Allah sei rachsüchtig. Stattdessen beschreibt er ihn als "so streng und hart wie die Zumutungen der Gegenwart, so unnahbar und undurchschaubar wie die Zeiten, in denen wir leben".

Politik und Bildungswesen nahmen lange Zeit an, die größte Bedrohung gehe von einer unkritischen Denkweise aus. Politische Rattenfänger, so hieß es, könnten nur Leute einfangen, die ihren Versprechungen unkritisch Gehör schenken. Um Bürger gegen die rechte Gefahr zu wappnen, müssen Eltern und Lehrer ihnen deshalb beibringen, Behauptungen stets kritisch zu hinterfragen.

Aber unkritisch sind die Anhänger der Neuen Rechten ja gerade nicht. Vielmehr hinterfragen sie unentwegt. Gaukelt die "Lügenpresse" ihnen vor, Al-Kaida habe Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert, so decken sie auf, dass in Wahrheit die CIA oder der Mossad hinter den Attacken stecke. Behaupten Computerexperten, dass Russland die Hacker-Angriffe auf Hillary Clinton und Emmanuel Macron zu verantworten habe, so finden sie heraus, dass die NSA die Operation selbst ausgeführt habe, um dem Kreml die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Und erinnern Politiker an die Schoah, beweisen sie umgehend, dass es wissenschaftlich gar nicht möglich sei, Menschen in Gaskammern umzubringen.

Die jüngste Unterstützung für Rechtspopulisten ist also nicht Resultat unkritischer Akzeptanz eines gesellschaftlichen Konsenses, sondern Folge mangelnden Grundvertrauens in freiheitliche Institutionen. Das sollte grundlegende Folgen für das Selbstverständnis vieler Pädagogen haben – vom Kindergarten bis zum Graduiertenkolleg.

Die meisten deutschen Pädagogen sind sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer besonderen Verantwortung bewusst. Während der Nazizeit hatten Wehrmachtsoldaten jeden noch so unmenschlichen Befehl befolgt. Dieser Gehorsam, so postulierten die Dichter und Denker der Nachkriegszeit, erklärte sich aus den zutiefst autoritären Traditionen des deutschen Bildungswesens. Von Theodor W. Adorno bis Jürgen Habermas, von Erich Kästner bis Günter Grass, von der Brücke bis zum Weißen Band deutete die Ursachenforschung zum Aufkommen des Nationalsozialismus stets in dieselbe Richtung: Der Untertanengehorsam war Deutschland zum Verhängnis geworden.

So unzweideutig wie die historische Analyse fiel auch die daraus abgeleitete Aufgabe aus: In ihren Klassenzimmern ging es vielen Lehrern nicht nur darum, Mathematik zu unterrichten oder germanistisches Grundwissen zu vermitteln. Vielmehr war ihr Ziel die Erziehung der Schüler zu mündigen Bürgern, die jeglichen faschistischen Tendenzen mutig Widerstand leisten würden.

Um diese hehre Aufgabe zu erfüllen, verfolgten sie dabei eine Pädagogik, die stets auf die vermeintlichen Lektionen der Geschichte schielte. War der Nationalsozialismus nur möglich gewesen, weil ein autoritäres Bildungswesen Kinder zum gedankenlosen Gehorsam gegenüber Eltern, Politikern, Institutionen und Vorgesetzten erzogen hatte, so musste nun der Umkehrschluss gelten: Die Demokratie könne nur gedeihen, wenn ein antiautoritäres Bildungswesen Kinder dazu erziehe, Eltern, Politiker, Institutionen und Vorgesetzte ständig kritisch zu hinterfragen.

Schulen und Universitäten wollen Kinder zu mündigen Bürgern machen

Der politische Imperativ des steten Hinterfragens hielt alsbald auch an der Universität Einzug. Gerade in vielen humanistischen und sozialwissenschaftlichen Fächern gilt es mittlerweile als suspekt, die Welt "positivistisch" – also so, wie sie zu sein scheint – aufzufassen. Stattdessen müssten Fakten hinterfragt, Begriffe dekonstruiert und Grundwerte problematisiert werden. Denn wer in der Oberstufe erlernt hat, unsere Gesellschaft als heuchlerisch zu entlarven, der wird irgendwann groß und stark genug sein, unsere gesamte westliche Denkweise als inhärent kolonialistisch zu entblößen.