Das 27. Rudolstadt-Festival dauerte vier Tage. Bereits nach Stunden bestand Anlass zum Zorn. Auf der Heidecksburg konzertierte Fred Morrison, der Großmeister des schottischen Dudelsacks. Fahrlässigerweise stapfte sein Fuß den Takt. Sofort verfiel das Publikum in rhythmisches Klatschen. Dieses infantile Backe, backe Kuchen, in Rudolstadt früher tabu, durchzog das ausverkaufte Fest wie eine Seuche und zerlärmte manche Kunst. Ergrimmt plante der Reporter bereits die Überschrift: Deppen im Paradies!

Annähernd hunderttausend Seelen gewährt Rudolstadt mittlerweile Einlass ins Paradies. Günstigenfalls verteilt sich die Masse zwischen zwei Dutzend Spielstätten auf der Burg, im pittoresken Städtchen, im Heinepark. Zur Eröffnung klumpten 18.000 vor derselben Bühne, als sich der Weltstern Amy Macdonald zeigte. Die junge Frau bot Radio-Folkpop mit schottischen Ansagen. Ihre Heimat war der Länderschwerpunkt 2017.

Seit 1991 rollen der Weltklang-Enzyklopädist Bernhard Hanneken und sein Team allsommerlich den Globus ins Thüringer Residenzlein. Der Festival-Fokus fixierte bereits Tansania, Kolumbien, China, Norwegen, Israel. Die keltischen Ur-Territorien des Folk bedurften keiner Vorzugsbehandlung. Nun wurde sie Schottland doch zuteil, auch dank Robert Burns. Der Highland-Goethe fiedelte und schrieb über 400 Songs. Er pries das Weib (Nine Inch Will Please A Lady), den Trunk (To The Weaver’s Gin Ye Go), Natur, Nation und die Jakobitenaufstände gegen England (Ye Jacobites By Name). 1796 starb er, nach 38 exzessiven Lebensjahren. Ein freigeistiges Burns-Poem kursiert auch im Folk-gestörten Deutschland, übertragen von Ferdinand Freiligrath. A Man for A’ That wurde als Trotz alledem zum Hymnus der Revolution von 1848. Burns ist Welterbe, das bewies ein zweistündiges Großkonzert, in dem Interpreten aus zehn Ländern seine Schöpfungen auf Amharisch, Arabisch, Deutsch, Gälisch, Georgisch, Hebräisch, Polnisch, Portugiesisch, Spanisch, Scots und Urdu darboten. Nicht alles beglückte, doch der Projekt-Moderator Fred Freeman jubelte nach jedem Beitrag: Grrreat stuff!

Ein ganztätiges Symposion, initiiert von Folker-Chefredakteur Mike Kamp, erforschte die oral tradition des storytelling, die Musik der travellers, die Sozialgeschichte der Instrumente, Tänze und Gesänge. Was singt die mannbare Maid auf St. Kilda, wenn der Jüngling, vom Atlantik gepeitscht, in der Felssteilwand Vogelnester plündert? Kist o’ Riches hieß ein Konzert archäologisch geborgener Preziosen. Dessen Leiter Steve Byrne zeigte sich im Anti-Brexit-Shirt: das Schottenkreuz, umringt von Europas Sternen.

Rudolstadt ist kein politisches Festival. Aber Kunst, die vor der Welt nicht flieht, wird unweigerlich deren Zustand reflektieren. Ausdrücklich tat dies die fulminante US-Folkrockerin Ani DiFranco: Der Faschismus, uns Deutschen wohlbekannt, besuche derzeit Amerika. Ein Sturm der Empathie honorierte in der Stadtkirche das kurdische Sextett Nishtiman ("Heimat"). 40 Millionen Kurden, kein kulturell homogenes Volk, leben in der Türkei, in Syrien, im Iran und im Irak. Nishtiman erschaffen eine allkurdische Symbiose. Als deren Höhepunkt lamentierte die Sängerin Donya Kamali Kobane, für die Opfer des IS.

Jeder Rudolstadt-Pilger bastelt aus tausend Stimmen sein eigenes Programm. Die Puristen trafen sich immer wieder, abseits vom Remmidemmi: morgens im Park zum Bombardengequäk der chinesischen Beerdigungskapelle Zhou, mittags in der Kirche beim swanetischen Heldenchor Rihu, abends im Theater beim israelischen Gulaza-Quartett, dessen Sänger Igal Mizrahi jemenitische Frauenklagen zelebrierte. Drei Trios überragten. Nachts auf dem Neumarkt erschufen der Spanier Efrén López, der Grieche Stelios Petrakis und der Iraner Bijan Chemirani auf Drehleier, Lyra und Perkussion ein Ideal interkulturellen Zusammenspiels. Meisterlich harmonierte das malische Trio da Kali um die Griot-Sängerin Hawa Diabate. Skepsis gebot die Formation James Yorkston/Jon Thorne/Suhail Yusuf Khan: ein Folk-Sänger und -Gitarrist, ein Jazz-Bassist, ein Sarangi-Geiger und Vokalist indischer Klassik. Der boomende Weltmusikmarkt fabriziert ja durchaus Multikulti-Suppen der Geschmacksrichtung Bockwurst/Sushi/Kardamom, doch diese drei entpuppten sich als Höhepunkt des Festivals. Sie spielten das Ihre, aber fragmentiert und in die Fremde schweifend. Von dort kam ein Ganzes zurück, unerhört und mit langem Nachhall (dank der CD Neuk Wight Delhi All-Stars). Nie gehört hatte ich bis vor Tagen die meisterhafte Schottenband Breabach und die weibslistige Polyfonie des polnischen Trios Sutari. Lauter unbekannte Namen? Im Internet lässt sich alles finden. Einmalig bleibt das Erlebnis Rudolstadt: der idyllische Zusammenklang von Stadtlandfluss. Die Zelt-Republik. Das bunte Handeln und Wandeln. Das weltbürgerlich wimmelnde Vier-Generationen-Volk – freundlich, weil froh. Die elternlos streunenden Kinder, Handynummern auf den Armen. Das küssende Paar, nicht jung. Die Badenden in der Saale, die wie eine Wasserwiese blühte. Dieses unvergleichliche Festival möge leben, doch bitte nicht weiter wachsen.