Deutsches Theater hat unter englischen Zuschauern einen speziellen Ruf: Es wappne sich mit allen Mitteln gegen das Begriffenwerden. Gern wird zur Beweisführung Frank Castorf erwähnt, dessen sagenhaftes Lebenswerk, so hat man in England gehört, uneinnehmbar aufrage wie eine Festung, die sich dem anrennenden Publikum verschließe und es von Herzen hasse.

Nun wurde aber in Manchester, beim dortigen International Festival MIF, ein deutsches Theaterprodukt uraufgeführt, das diesem Bild überhaupt nicht entspricht. Thomas Ostermeiers Dramatisierung von Didier Eribons Rückkehr nach Reims will umstandslos verstanden, geliebt und gelikt werden – zum Besten der Welt, zum Besten von uns allen.

Für die Luxuszerstreuungen der Jugend – Ironie, Zynismus, ästhetische Vieldeutigkeit – hat diese Aufführung der Berliner Schaubühne keine Zeit. Das Publikum schaut auf das Spiel wie auf eine schmucklose Uhr, auf der dank großer Ziffern und schwerer Zeiger sehr deutlich die Zeit zu erkennen ist: ungefähr drei vor zwölf. Schlaue Ästhetik hilft nicht mehr. Was uns noch retten kann, ist allein das persönliche Beispiel, der Bekenntnismut der Künstler.

Spielort ist ein braunes, mit geriffelten Wandpaneelen und schrittdämpfendem Teppich ausgekleidetes Filmtonstudio, vermutlich irgendwo in den Tiefen eines großen Gebäudes. Im Hintergrund sieht man eine gemütliche schalldichte Gruft – das Häuschen des Tonmeisters –, aus der bisweilen die Stimme eines Filmregisseurs tönt. Nun blubbert die Kaffeemaschine, und das ist auch schon der dramatischste Moment für lange Zeit. Denn als die Aufführung beginnt, so wird uns suggeriert, ist die Hauptarbeit bereits getan: Ein Film über das Leben des französischen Soziologen Didier Eribon wurde gedreht, jetzt muss nur noch die Tonspur mit Texten von Eribon besprochen werden. Als Sprecherin hat man Katy engagiert, eine Schauspielerin, dargestellt von Nina Hoss, die den Text mit sachlicher Untröstlichkeit spricht.

Eribon, bekannt durch seine autobiografisch fundierte Gesellschaftsanalyse Rückkehr nach Reims, tut im Film, auf der großen Leinwand, genau das, wofür er berühmt geworden ist: Er kehrt nach Reims zurück. Thomas Ostermeier hat Eribon dazu gebracht, seine Reise in die eigene Vergangenheit für das Theater zu wiederholen und sich von der Kamera begleiten zu lassen. Eribon sitzt also einsam im Zug, den Blick aus dem Fenster ins Leere gerichtet; dann steht er plötzlich vor jenem Reihenhaus mit der Nummer 9, in dem seine Eltern jahrzehntelang ohne ihn gewohnt haben und welches er, aus Scham vor seinem bildungsfernen und reaktionären Herkunftsmilieu und auch aus Scham über der eigenen Feigheit, erst zu betreten wagte, als sein Vater, ein einfacher Arbeiter, nicht mehr darin wohnte.

Wir sehen nun, wie er mit seiner Mutter spricht, was, wie klar wird, ohne die Anregung des Regisseurs Thomas Ostermeier gar nicht passiert wäre. Diese mit halb versteckter Kamera gemachten Aufnahmen sind Prunkstücke des Theaterprojekts. Die Zusammenführung von Mutter und verlorenem Sohn wird zum eigentlichen Erfolg der Aufführung; Die Familie kann sprechen! Der deutsche Regisseur ist es, der sie zum Sprechen gebracht hat. So wird sie nachgestellt und noch einmal vollzogen: die Rückkehr nach Reims.

Nina Hoss sitzt währenddessen an einem Tischchen vor einem Mikrofon, sie lächelt über die Bilder in ihrem Rücken, während sie den Text dazu spricht.

Es kommt die Rede auf Eribons Bruder, der einen anderen Weg wählte und eine Metzgerlehre absolvierte. Und man sieht, wie Rinderrümpfe mit riesiger Säge halbiert werden. Die Homosexualität Eribons wird "illustriert": Parks und Toiletten sind zu sehen, schwarz-weiß, dann Jean Cocteau als Bestie, die sich in den schönen Prinzen verwandelt. Worauf will dieser unbewegliche Film-Theaterabend hinaus?

Nina Hoss, beleuchtet vom Lämpchen, das "Aufnahme" signalisiert, schildert in Eribons Worten, wie sich die Linke nach rechts bewegte, wie ihr, als letztes Zeichen der Würde und Auflehnung, die Wahlentscheidung für Le Pen blieb. Nun wird es klar: Es ist eine Niedergangserzählung, bebildert mit den Gesichtern von Thatcher, Reagan, Schröder – zu sehen ist der Abstieg der Gesellschaft in die austerity, die Deregulierung, den sogenannten schlanken Staat. Die Erzählerin hat bei alldem den gefassten Ton, mit dem eine Pathologin die Verletzungen und Brüche beschreibt, die zum Exitus des vor ihr liegenden Lebewesens geführt haben. Aber wer ist die Leiche? Die Linke? Die Hoffnung? Die Zukunft der Menschheit?

Es folgen die Momente, die aus der halbgaren Dramatisierung beziehungsweise Illustrierung einer Autobiografie etwas völlig Neues, Unerhörtes machen sollen: Die Hauptdarstellerin Nina Hoss antwortet dem Autor Didier Eribon mit dessen eigenen Mitteln. Sie spricht im eigenen Namen, vom eigenen Familienhintergrund. Sie hört auf, Katy zu sein, und wird Nina Hoss.

Noch als Katy sagt sie: Der Film, der da produziert werde, habe sie nicht überzeugt; ihm fehle die Hoffnung. Als Nina Hoss sagt sie: Ihr Vater, Will Hoss, sei auch Arbeiter gewesen, aber einer, der eben nicht, wie der Vater Eribons, in die Reaktion, die Selbstaufgabe, den Hass geflohen sei, sondern: Kommunist gewesen sei, bei Daimler-Benz für die Rechte der Gastarbeiter gekämpft, die Grünen mitgründet und schließlich im Amazonasdschungel das Überleben eines Eingeborenenstammes (der Angehörigen einer ganz anderen Unterschicht) zu seiner Sache gemacht habe. Und dann schaltet sie ihr iPhone ein und zeigt dem Regisseur und dem Tonmeister – und mittels der Studioleinwand auch uns – Filmaufnahmen aus ihrem Leben: wie sie im Amazonasdorf von Eingeborenen geschminkt wird, wie ihr Vater zum Ehrenhäuptling ernannt wird.

Es kann jeder Mensch, so lernen wir, zum Retter seiner selbst und zum Retter anderer werden; dafür lohne sich, so Nina Hoss, das Am-Leben-Sein.

Aber sie sagt es uns nur; sie macht es nicht erfahrbar. In seinen Schlüsselmomenten hat dieses Theater am Szenischen kein Interesse mehr; es duckt sich vor dem angeblich überlegenen Beweismedium, dem Film. Hier wird nicht gespielt, hier muss gebürgt werden – mit dem eigenen Leben (Thomas Ostermeier hätte bestimmt auch Bilder aus seiner Jugend zu zeigen; er hatte, wie Eribon, mit seinem Vater gebrochen).

Eribon ging in Vorleistung, und Nina Hoss zahlt in ähnlicher Münze zurück. Das ist aller Ehren wert. Aber es hat wenig vom Theater, mehr von einer Bitte: einer Überredung zum Guten.

Die deutsche Premiere von "Rückkehr nach Reims" findet am 24. September in der Berliner Schaubühne statt

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