Schon wenn man dieses Buch in die Hand nimmt, spürt man, dass es für Furore sorgen wird: Es ist klein und kompakt und doch seltsam warmblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen. Auf dem Cover blickt einem in verpixelter Instagram-Optik ein angry young man unvermittelt in die Augen. Sehr entschlossen sieht er aus, aber eben auch ein kleines bisschen verwuschelt. Sieben Nächte von Simon Strauß erzählt von einer Woche im Leben eines jungen Mannes. Er ist kein Fänger im Roggen, sondern ein Anfänger vorm Dinkelbrotregal im Biosupermarkt, ein junger Mann auf der Suche nach der Intensität des Lebens und mit Wut auf die Geradlinigkeiten seines Lebenslaufs. Es war ein kurzer, zorniger Text im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem der im Jahr 1988 geborene Autor (heute Theaterredakteur der FAZ) vor zwei Jahren nach Worten für das Unsagbare und Unsägliche im Leben seiner Altersgenossen suchte. Es könnte sein, dass er genau mit dem Thematisieren dieser Suche nach einer eigenen Identität in diesem Buch nun erstmals einen sichtbaren Identitätsnachweis seiner Generation erbringt.

Es sind jene jungen Menschen, die sich an den immer noch sehr jung fühlenden "Unschuldsbengeln" (Thomas Assheuer) der Generation Golf abarbeiten müssen. Warum das so anstrengend ist, hat als Erste die Regisseurin Maren Ade gezeigt, lange bevor sie mit Toni Erdmann berühmt wurde. In ihrem herausragenden Film Alle anderen demonstrierte sie präzise und nonchalant, was für ein herrlicher Klotz am Bein der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik jene um 1970 geborenen Jahrgänge in Wahrheit sind. Für die 68er zu fluschig und uneigentlich, für die Nachgeborenen, in Maren Ades Film von Lars Eidinger und Birgit Minichmayr verkörpert, zu geradlinig, zu unangreifbar, zu sehr fixiert auf die Bebauungspläne ihres Lebens. Ich war immer sehr darauf gespannt, womit unsere Generation einmal den Jüngeren so auf die Nerven gehen würde wie die Älteren uns. Es sind natürlich, wie einst bei uns, genau die Eigenschaften, die einem selbst den Spiegel vorhalten – den man dann, ganz folgerichtig, zertrümmert, damit man nicht so lange hineinschauen muss. Die entpolitisierte Generation Golf begann indes irgendwann neidisch auf die Vorgänger zu blicken, weil diese tatsächlich noch Ideale hatten, die unabhängig von eigenen Partikularinteressen waren. In Maren Ades Film Alle anderen erzeugt die vermeintliche Oberflächlichkeit und Zielstrebigkeit der unter Helmut Kohl Aufgewachsenen, ihr souveräner Tanz auf dem doppelten Boden der Ironie, bei Lars Eidinger und Birgit Minichmayr erst einmal die obligatorische Wut. Aber irgendwann beginnt das junge Paar in seinem uferlosen Ennui zu realisieren, dass bei ihnen nur die Gleichgültigkeit übrig geblieben ist – jedoch noch nichts relevantes Neues hinzugekommen ist.

Genau von diesem diffusen Schmerz erzählt Simon Strauß also in Sieben Nächte. Der Lieblingssatz seiner Generation sei Melvilles I would prefer not to. Sieben Nächte handelt deshalb von dem verzweifelten Kampf um mehr Intensität, um eine eigene Geschichte, es ist ein sehr nächtliches und leidenschaftliches Buch. Der Held, der in klassischer angry young men-Tradition natürlich genauso viel glaubt wie zweifelt, lässt sich dafür auf ein Experiment ein: Er soll in sieben Nächten sieben Todsünden begehen. Er soll gierig, hochmütig, wollüstig und so weiter sein. Und dann jeweils bis zum Morgengrauen auch noch darüber schreiben. Das ist eine etwas bemühte Konstruktion mit wuchtigen lateinischen Kapitelüberschriften, aus denen der promovierte Altertumswissenschaftler Simon Strauß spricht. Doch für den zentralen Subtext des Aufbegehrens und des gleichzeitigen Infragestellens sind die Schubladen Ira, Superbia, Invidia und Luxuria nicht notwendig. Nein, dieses Buch ist nicht wegen seiner Komposition so aufregend, sondern ihr zum Trotz. Strauß hat einen schönen eigenen Tonfall, der das Zeitgenössische in sich trägt, ohne damit protzen zu wollen, der aber dennoch auch den Sound der Väter kennt, der aus großen Bildungstiefen kommt und sich dafür auch manchmal selbst verachtet und dann zu großer Lakonie und schlichter Sinnlichkeit findet. Bezeichnend für dieses Buch ist der überraschende Kronzeuge, der gleich auf der ersten Seite den Ton vorgibt: Gottfried Benn und sein "es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich".

Damit ist der Bezugsrahmen abgesteckt, ist die große Sehnsucht erklärt, endlich vom Leben gezeichnet zu werden – und nicht auf dem Reißbrett. "Das hier schreibe ich aus Angst" – das ist kein schlechter erster Satz für ein Buch auf der Höhe einer Zeit, die einen lehrt, dass es im Leben darum gehen muss, durch die Angst hindurchzugehen, um zu sich zu kommen. "Ich habe Angst", schreibt Strauß, "den Alltag nur auszufüllen wie ein Kreuzworträtsel." Beziehungsweise: "Bald werde ich nur noch Gespräche führen, die mit ›Stress‹ beginnen und mit ›viel zu tun‹ enden. Ich habe Angst vor Festanstellung und Spa-Wochenenden im Mai." Das Funktionieren also als ultimativer Horrormovie einer Generation. Man wird dem Autor in den Feuilletons, so darf man vermuten, sofort ein gewisses Strebertum vorwerfen, weil manche Sehnsucht nach Gefühl wie aus zweiter Hand wirkt und manche Pose wie geliehen. Aber Strauß ist klug genug, sich schreibend diesen erwartbaren Vorwurf bereits selbst zu machen, weil er sich als Kind einer Generation schildert, die süchtig zu sein scheint nach der Selbstbeobachtung und der Selbstdekonstruktion.

Wann, fragt der Autor sich also, habe ich eigentlich mein Herz verraten? Voller Panik befürchtet er, seinen Glauben an das Wahre, Gute, Schöne zu verlieren und sich einzurichten in der Bequemlichkeit, in Abgeklärtheit, Konferenzen, Rentenplänen – "mit Tai-Chi, Fischgrätparkett und ZEIT-Abo". Angst also vor der Leere – und einem unsichtbaren Ich.

Sieben Nächte ist, man merkt es schnell, ein hochromantisches Buch. Der Autor sehnt sich nach den Gefühlstiefen eines Novalis, nach jenen Monden, die über Caspar David Friedrichs Himmeln aufgehen, nach "Herzensergießungen". Und natürlich ist die pure, reine, echte Romantik ein sehr origineller Notausgang aus dem zuschnürenden System der Selbstbezüglichkeiten. Denn sie ist so traditionsgesättigt, dass sie all die Bezugssysteme der Gegenwart, das Liken, das Haten, die Fake-News und die Ethik to go, mit ihrer Heißblütigkeit und ihren Tränenfluten zu unterspülen vermag. Aber wie stellt er sich das vor? "Der einzige Kampf, der jetzt lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen, zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt." Das nennt man mal eine echte Ausweitung der Kampfzone! Wie viele mitziehen werden in diese Schlacht um die Rückeroberung der Intensität? Das ist schwer zu sagen. Verhindern die herrlichen, immer wieder aufblitzenden Bildungstiefen des Straußschen Buches am Ende seine Massentauglichkeit? We will see. Man sollte die Leser nie unterschätzen, noch nicht mal, wenn sie jung sind. Was wir aber in jedem Fall erkennen: Das Pathos kehrt zurück in den Besteckkasten der Moderne, die Ratio als alleiniges Erklärungsmuster hat in ihrer kalten Brillanz viel von ihrer Anziehungskraft verloren und die Pose der entspannten Coolness zum Glück ebenfalls. Simon Strauß erzählt in Sieben Nächte von einer besseren Welt, in der das Fühlen noch geholfen hat. Und wieder hilft. Ob nun am Ende der Autor naiv ist oder wir Abgeklärten, die wir das für naiv halten? Bitte fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Von Florian Illies erschien im Jahr 2000 der Bestseller "Generation Golf"

Simon Strauß: Sieben Nächte
Aufbau Verlag/ Blumenbar, Berlin 2017; 144 S., 16,– €