Sie hat sich eine Pappe über den Kopf gelegt. Das macht sie oft, wenn Fremde kommen. Die Geste erinnert an ein Kind, das sich die Augen zuhält und glaubt, niemand sehe es. Sie hockt hinter der Glasscheibe auf dem Felsboden, die langen Arme im Schoß verschränkt. "Das ist Sandra", sagt der Pfleger. Er spricht es leise, fast ehrfürchtig.

Sandra, 31, geboren in Rostock, ist ein Orang-Utan und seit 1994 im Besitz des Zoos von Buenos Aires. Genauer gesagt ist sie eine Kreuzung aus Sumatra- und Borneo-Orang-Utan, was sie für die Tierzucht eher untauglich macht. In rechtlicher Hinsicht dagegen ist Sandra ein Ausnahmewesen. Von der Zweiten Kammer des Kassationsgerichts der argentinischen Hauptstadt wurde sie im Oktober 2015 als erstes Tier der Welt zur nicht menschlichen "Person" mit einklagbaren Rechten erklärt.

Zugleich ordnete das Gericht Sandras Freilassung aus dem Zoo und die Überführung in ein Schutzgebiet an. Bis dahin, so verfügte die Richterin, gelte für das Zoopublikum ein Besuchsverbot. 22 Jahre lang hatten Millionen Menschen die Orang-Utan-Dame begafft und fotografiert, hatten ihr zugewinkt, sie geneckt. Heute darf sich außer dem Zoopersonal und Sandras Rechtsbeistand niemand dem Tier ohne Genehmigung nähern.

Mittlerweile sind die Auflagen nicht allzu schwer einzuhalten. Denn ein halbes Jahr nach dem Gerichtsentscheid durften Tierschützer einen zweiten spektakulären Sieg feiern: Im Juni 2016 ordnete die Stadtregierung an, den Zoo von Buenos Aires aufzulösen, alle Wildtiere umzusiedeln und das Gelände in einen Ökopark zu verwandeln. Das bedeutete das Aus für einen der ältesten Tierparks Amerikas – eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen. Und ein Fanal für Zoos weltweit, schließlich wächst auch in anderen Ländern, etwa in Deutschland, die Kritik an der Tierhaltung hinter Gittern. Wird in Argentinien vorexerziert, was künftig vielen Tierparks blüht?

Noch steht in Buenos Aires der alte Name auf dem Eingangstor, hoch oben in Stein gehauen: Jardín Zoológico Muncipal. Bei einer der letzten Protestaktionen hat jemand den Schriftzug ergänzt. "Genieß das Gefängnis", liest man jetzt in schwarzer Sprühfarbe auf Kinderkopfhöhe. Über Generationen strömten kleine und große Besucher durch den Torbogen. Neunzehn Doppelkassen zeugen vom einstigen Ansturm. Für den Eintritt in den "Ecoparque" ist heute noch ein Schalter besetzt. Die Kartenverkäuferin spielt mit ihrem Handy.

Seit seiner Gründung 1888 hat der Zoologische Garten von Buenos Aires Epidemien und Pleiten überlebt. Ob im Land Diktatoren herrschten oder die Wirtschaft zusammenbrach, der nach Londoner Vorbild konzipierte Tierpark blieb bestehen. Schließlich gehörte er zu Buenos Aires wie Hagenbeck zu Hamburg oder Schönbrunn zu Wien. Dass damit nun Schluss ist, zeugt von einem dramatischen Bewusstseinswandel.

Jahrtausendelang fand die Menschheit nichts dabei, Tiere einzusperren, sie zu töten und zu essen. Heute jedoch zweifeln immer mehr Menschen an diesem quasinatürlichen Recht. Der Tierschutz ist zu einer mächtigen Bewegung geworden. Die Zahl der Vegetarier wächst, vegane Kochbücher sind Bestseller. Selbst Discounter werben mit Fleisch aus "artgerechter Haltung". Und Institute, die mit Tieren experimentieren, müssen sich auf erbitterte Proteste einstellen.

Gleichzeitig weist die Wissenschaft nach, dass die biologischen Unterschiede zwischen Mensch und Tier längst nicht so groß und kategorisch sind, wie Homo sapiens früher selbstgefällig annahm. Der Mensch hat seine Stellung als "Krone der Schöpfung" in den vergangenen Jahren eingebüßt. Damit wächst der Rechtfertigungsdruck auf alle, die Tieren Schmerz zufügen, sie halten oder dressieren. Fluggesellschaften wollen keine Versuchstiere mehr transportieren. Kommunen wie Düsseldorf verweigern Zirkussen das Gastrecht, England hat Delfinarien verboten. Tierschützer, die unseren Umgang mit Tieren mit der Sklaverei vergleichen, sprechen schon von einem Abolitionismus, einer neuen Befreiungsbewegung.

Viel davon ist Aktivisten-Utopie. Wenn aber ein Zoo wie jener in Buenos Aires schließen muss, elektrisiert diese Nachricht Kritiker wie Verteidiger von Tierparks gleichermaßen. Wie ist es möglich, dass eine traditionsreiche Institution nach 128 Jahren eingeht wie eine altersschwache Kreatur? Werden bald auch andere Zoos dem Druck von Tierschützern weichen müssen? Denn wenn Tiere Rechte bekommen, welche Begründung kann es dann geben, sie hinter Gittern zu halten?

Solche Fragen stellen sich die einen hoffnungsvoll, die anderen bang. Neben diesen grundlegenden wirft die argentinische Entscheidung auch eine ganz praktische Frage auf: Wie wickelt man einen Zoo ab? Eine Spurensuche bei denen, die über die Tiere entscheiden – den Menschen.