In den vergangenen Tagen ist etwas Bemerkenswertes in der Türkei passiert: Der Führer der größten Oppositionspartei CHP, der alten Atatürk-Partei, hat Oppositionspolitik gemacht! Kaum jemand hätte das noch erwartet, nicht einmal die eigenen Anhänger. Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu, 69 Jahre alt, äußere Erscheinung: irgendwas zwischen liebenswertem Onkel und gewissenhaftem Bürokraten. Er gilt als Wahlverlierer, Am-Stuhl-kleben-Bleiber und als einer, der zu viele Zugeständnisse an die Regierungspolitik gemacht hat (etwa die Zustimmung zur Aufhebung der Immunität von Abgeordneten). Und ausgerechnet der fing einfach an zu laufen. Wie Forrest Gump. Der lief auch, weil er verspottet wurde. Weil er traurig war. Oder weil ihm nichts Besseres einfiel, um gegen die Gesamtsituation zu protestieren.

Kılıçdaroğlu fiel womöglich auch nichts Besseres ein. Nichts gelang, nichts brachte etwas, nicht einmal die poppige These vom "kontrollierten Putsch", die er jüngst aufbrachte und der zufolge die Regierung lange Zeit vor dem versuchten Staatsstreich am 15. Juli vergangenen Jahres über die Unterstützerpläne Bescheid gewusst habe, die Putschisten aber gewähren ließ, um anschließend nicht nur gegen sie, sondern gegen Zigtausende Bürger vorzugehen. Als dann jedoch ein Parteigenosse und bekannter Journalist Mitte Juni zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, zog sich der nette Onkel seine Sportschuhe an, ließ sich ein Schild basteln und lief in Ankara los. Das Ziel: das Gefängnis des Parteigenossen. Und das, was auf dem Schild stand: Adalet. "Gerechtigkeit". Nichts weiter. Kein Parteiemblem, keine großen Reden, die gerade ohnehin kaum jemand mehr hören mag. Weil sie nichts bewirken gegen den autoritären Stil der Regierung. Die meisten Türken haben Kılıçdaroğlu zuerst belächelt, allen voran die Regierung. Vielleicht ließ sie, die zurzeit jedes Aufbäumen, jede Kritik in die Nähe von Terrorismus rückt, ihn deshalb gewähren: Das wird ja eh nichts.

Doch es wurde. Immer mehr Menschen schlossen sich dem über 400 Kilometer langen Marsch an, am Ende sogar Vertreter der prokurdischen Partei HDP, die am meisten unter der Aufhebung der Immunität leiden – die "KK" mittrug. Verbale Angriffe, ob aus Ankara oder von Anhängern des Präsidenten Erdoğan vom Wegesrand, quittierte man mit trotzigem Applaus. Ebenso die Tonnen von Gülle, die ein besonders ehrgeiziger Marschgegner auf den Weg goss.

Warum war der Marsch erfolgreich? Er war mit seiner unschuldig und pur anmutenden Forderung anschlussfähig für viele, auch für jene, denen die Atatürk-Partei eigentlich zu Atatürk-mäßig ist, zu nationalistisch oder zu wenig nationalistisch, zu säkular, zu starr, zu illiberal, zu ängstlich. Zehntausende Entlassungen, Tausende Inhaftierungen, monatelanges Warten auf Anklagen nach dem Putschversuch haben Fragen, Wut und Angst hinterlassen. Kılıçdaroğlu hat dafür zur richtigen Zeit mit der richtigen Protestform ein Ventil geboten. Und er war seit Langem einmal wieder glaubwürdig. Wird das jetzt der Wendepunkt für die gebeutelte türkische Opposition?

Vorsicht. Es gibt natürlich in Wirklichkeit nicht "die" türkische Opposition, keinen homogenen "Nein-Block", unter den alle Gegner der Regierung subsumiert werden könnten. Fragt man zwei Türken nach ihrer Meinung, kriegt man fünf Antworten. Aber dennoch, beim Marsch für Gerechtigkeit haben einige Dinge geklappt: Die Regierung hatte die Aktion zunächst unterschätzt und hatte es dann schwer, Nationalisten mit türkischen Flaggen in die Nähe von Terror zu rücken; es ist ja auch nicht einfach, etwas gegen "Gerechtigkeit" zu haben. Eine typische Reaktion der Regierung wäre es nun, schnell einen eigenen Marsch, den Marsch aller Märsche zu organisieren, toller, größer, weiter: Jetzt mit noch mehr Gerechtigkeit! Aber vielleicht war das Wichtigste für den Erfolg, dass die Opposition sich erstmals seit Langem nicht am Präsidenten abgearbeitet, sondern etwas ganz Eigenes geschaffen hat.

Der Marsch ist ein Erfolg, weil er vielen im In- und Ausland gezeigt hat, dass es auch in der heutigen Türkei Raum für politischen Widerstand gibt. Das erzeugt Hoffnung – und wo Hoffnung herrscht, da wachsen Möglichkeiten.