Vor drei Wochen haben wir gefragt: Wie sieht Ihre Universität der Zukunft aus? Hier sind einige Antworten.

Ein Ort des vernetzten Wissens

Die Universität der Zukunft muss Jungforschern vor allem eines vermitteln: dass zahllose wissenschaftliche Publikationen und unendliche Datenmassen nichts wert sind, wenn sie nicht in ein Gesamtgebäude des Wissens integriert werden. Genau deshalb sind Projekte wie Wikipedia so wichtig: um eine nicht redundante und vernetzte Wissensbasis aufzubauen, ein Lehrbuch des Menschheitswissens, an dem jeder mitschreiben kann und das niemals veraltet.

Als Professor lasse ich meine Studenten Wikipedia-Artikel schreiben. Selbst fortgeschrittene Studenten haben damit erstaunliche Probleme. Gerade deshalb ist die Übung lehrreich: Erstens lernen die Studenten, sich verständlich auszudrücken – für Milliarden (!) potenzielle Leser! Wichtiger ist jedoch die Erfahrung, dass sie zuerst die Originalliteratur finden, lesen und bewerten müssen. Es ist immer eine Herausforderung, Fachchinesisch zu verstehen und dann verständlich, in einem breiten Kontext, wiederzugeben.

Peter Uetz, 52, Associate Professor für Systembiologie an der Virginia Commonwealth University, USA

Ein Ort ohne Noten

An meiner Traum-Uni gibt es keine festen Fächer und keine vorgeschriebenen Module. Wir kommen mit unseren Fragen und basteln unsere eigenen Stundenpläne, lernen online und offline. Sachkundige bieten Seminare an und sind stets ansprechbar. Labore und die klassische Bibliothek haben weiterhin ihre Daseinsberechtigung. Außerdem gibt es Räume, um gemeinsam zu lernen. Und: Schlafgelegenheiten.

Das Allerwichtigste: Es gibt keine Noten, denn die lenken die Motivation weg von der Freude am Lernen. Das Zeugnis dokumentiert die Themen und Fragen, mit denen wir uns beschäftigt haben, sowie unsere Kernerkenntnisse aus dem Studium.

Aline Ross, 23, studiert im sechsten Semester Soziologie an der Universität Frankfurt am Main

Ein Ort mit sauberen Toiletten

Schön muss sie sein. Bequeme Stühle, saubere Toiletten, Steckdosen, die wirklich Strom führen, transparente Wandelhallen statt düsterer Gänge und schummriger Aufenthaltsflächen, Respekt vor dem Wissen und der Forschung und Respekt vor denen, die vieles nicht wissen, aber gern wissen möchten. Ein Raum der Diskussion, ohne Sanktionen fürchten zu müssen, keine moralische Rigidität, ein Ort, der digitalen Heckenschützen keine Chance lässt.

Klaus Westermann, 63, aus Neu-Edingen ist Mitarbeiter in einem Rechenzentrum

Ein Ort sozialer Entwicklung

Die Uni der Zukunft kann keine Massenfabrik sein, in der abprüfbare Wissenspakete konsumiert und ausgespuckt werden. Bildung heißt nicht Ausbildung, Bildung heißt Freiheit: sich mit politischen Fragen befassen. Erwachsen werden. Den eigenen Selbstoptimierungswahn reflektieren. Einfach mal nichts tun. Die Uni der Zukunft reduziert Fortschritt nicht auf technische Innovation: Sie ist auch ein Ort sozialer Entwicklung. Schön, hier zu sein.

Valentin Sagvosdkin, 26, studiert im zweiten Semester Ökonomie (MA) an der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues

Ein Ort ohne Dünkel

Meine Hochschule ist in der Welt zu Hause. Sie bringt Menschen verschiedener Herkünfte und Überzeugungen zusammen, sie hat Partnerinnen auf verschiedenen Kontinenten und Kulturen, sie lädt ein und sendet aus: Ideen, Studierende, Personal. Meine Hochschule ist ohne Dünkel, sie isoliert sich nicht im Elfenbeinturm, sie tritt selbstbewusst und ohne Geschwurbel in den Dialog.

Andrea Ruf, 53, Geschäftsführerin der natur- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Vechta

Ein Ort der Anarchie

Erster Uni-Tag, der Junior-Prof knüllt den Modulplan zusammen, wirft ihn in den Papierkorb und ruft: "Geht in die Seminare, die euch Spaß bringen, streicht Module, die euch langweilen! Hinterfragt alles, auch uns Lehrende! Wer wären wir, wenn wir Kreativität und Querdenken mit Punktabzug tadeln würden. Das ist so 20. Jahrhundert."

Sören Lehmann, 27, Betriebswirt aus Spremberg