An dieser Stelle verabschiedete sich Manuel J. Hartung vor drei Wochen vom "großen Bildungsideal" der Humboldtschen Universität, von "zweckfreier Bildung" und der "Einheit von Lehre und Forschung" (ZEIT Nr. 26/17). Brillant, wie sie ist, verdient die Polemik dennoch eine Widerrede. Hartung sieht nicht, dass es an amerikanischen Universitäten besser läuft – gerade wegen Humboldt.

Bevor es tiefschürfend wird, eine biografische Notiz. Vor Urzeiten landete dieser Autor als 18-Jähriger am Swarthmore College nahe Philadelphia, das mit Williams, Amherst und Wellesley an der Spitze der Universitäts-Rankings steht. Wieso ausgerechnet in dieser Quäker-Gründung, die damals in Deutschland niemand kannte? Cherchez la femme.

Sie hieß Janice, und ich hatte sie als Austauschschüler in Michigan kennengelernt. Sie schwärmte mir von Swarthmore vor: exzellente, fordernde Lehre (auch am Wochenende), politisches Engagement, mieses Footballteam. Ich kam rein, sie nicht. Glücklicherweise brauchte das College noch einen, der die Ausländerquote zu erfüllen half.

Voraus lagen harte Jahre, von denen ich heute noch zehre. Warum? Ich hatte keine Ahnung, was ich studieren sollte. Und da kamen mir die Liberal Arts gerade recht – das, was jahrhundertelang in Europa als Artes liberales oder Studium generale gelehrt worden war. Die vermeintlich zweckfreie Lehre.

Anders als an der FU Berlin musste ich mich nicht gleich entscheiden, sondern in ein schweißtreibendes, breit gefächertes Programm einsteigen, Literatur, Geschichte, Sozial- und Naturwissenschaften belegen. Nicht kurz reinschnüffeln, sondern in den ersten zwei Jahren systematisch studieren, mit einem wöchentlichen Lesepensum von 250 Seiten für jeden der vier Kurse.

Dieser Spät-Teenie wusste nicht, was er wissen wollte, lernte aber so zu schätzen, was er nicht kannte. Also erst mal ran an den ganzen Kuchen, nicht bloß ein Stück herausschneiden. Kunstgeschichte, Psychologie und Philosophie – Shakespeare, Freud und Herodot. Das Studium lehrte, breit zu recherchieren, verschiedenartige Gedanken zu ordnen und sie in verständliche Sprache zu fassen.

Für mein erstes Paper in Philosophie kriegte ich eine Drei minus. Pikiert frage ich meinen Prof: "Was habe ich denn falsch gemacht?" Er: "Nichts. Die anderen waren bloß besser." In einem Seminar ließ ich mich über Machiavelli aus, genial, wie ich wähnte. Mein Lehrer rollte kaum merklich mit den Augen: "Gibt’s noch Interessanteres über den Meister zu berichten?"

Schmerzhaft lernte der Zögling das Denken und Schreiben in solchen Seminaren mit sechs, acht Studenten und einem Zehn-Seiten-Referat pro Woche. In den beiden ersten Jahren kristallisierte sich heraus, was ihm halbwegs lag: Politik, Philosophie und Ökonomie. Das Fachstudium, Major genannt, überwog in den Jahren drei und vier.

Doch selbst angehende Ingenieure mussten am College in die Breite gehen (intellektuell, nicht physisch). Heute drückt es der Zulassungs-Dekan von Swarthmore so aus: "Wir wollen Ingenieure haben, die auch schreiben können." Warum? "Diese Art der Ausbildung verschafft dir einen Vorteil im Arbeitsmarkt. Wir haben unsere Absolventen befragt. 95 Prozent berichteten, wie nützlich ihre breite Bildung im späteren Berufsleben war. Nur 25 Prozent meldeten, dass sie in einem Beruf arbeiteten, der ihrem Hauptfach entsprach." Modern gesagt: lebenslanges Lernen.

Damit belegt der Dekan das Offenkundige. Die Welt wird täglich durch neues Wissen und revolutionäre Technologien umgekrempelt. Dieser Autor hat im Laufe seines Lebens unzählige Computersprachen kommen und gehen sehen. Nur: Platon und Michelangelo wohnen noch immer in seinem Kopf. Was Platon in der Politeia zur Gerechtigkeit sagte, wäre ein Muss für jeden SPD-Kanzlerkandidaten.

Oder so: Ich bin zwar Politologe, kann mich aber mit Physikern, Kunsthistorikern, Psychologen und Ökonomen verständigen, weil ich im Liberal-Arts-Studium Grundlagen und Vokabular dieser Disziplinen zu begreifen gelernt habe.