Im Grunde ist alles beim Alten. Fast. Wie in jedem Jahr wurde gerade von den amerikanischen Universitäten die Sommerlektüre ausgewählt. Pro College ein Buch für alle, die mit dem Studium beginnen, je nach Vorliebe der Uni, und wenn im Herbst das Semester anfängt, werden sich die Neulinge im Gespräch über das Buch kennenlernen, das sie zuvor in den Sommerwochen gelesen haben. Eine dieser fabelhaft einfachen Ideen, auf die deutsche Universitäten vor lauter Effizienzkampf oder aus Sorge vor Freiheitsentzug kaum kämen: Gemeinsames Lesen verbindet, beispielsweise im Streit über Elizabeth Kolberts Das sechste Sterben, den Bestseller über den Ruin des globalen Ökosystems, den liest man jetzt auf den Sommerwiesen von Stanford; oder über das afroamerikanische Manifest Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates, der fordert, die USA müssten ihren schwarzen Bürgern Reparationen zahlen – Lektüre in etwa zehn Colleges. Die New York Times berichtet von den aktuellen Trends der Sommerbuch-Auswahl, und das hervorstechende Merkmal lautet: Ausgesucht wurden vor allem Bücher, die den Studierenden aus bildungsfernen und nichtweißen Elternhäusern den Weg auf den Campus erleichtern sollen. Auf einem Spitzenplatz: Just Mercy, die Kampfschrift des schwarzen Juristen Bryan Stevenson, in der dieser den Rassismus des Justizsystems anklagt. So weit das gute alte linksliberale Amerika, in the summertime.

In diesem Jahr ist aber auch Sommer eins der Präsidentschaft Trump, und jeder weiß: An den Universitäten werden die Leute ausgebildet, die Trump so gar nicht gernhat, liberal, vegan, queer und keine Ahnung vom Leben im echten Amerika. Mithin hat sich die Frage jetzt etwas anders gestellt: Welches Buch passt in diesem gespaltenen Land als Sommerlektüre der künftigen Privilegierten? Nun streiten also die Dekane, Professorinnen, Akademien über die getroffene Auswahl, Konservative warnen vor Büchern, die allzu aktuell sind, und empfehlen Tolstoi oder gleich Aristoteles, und manche Colleges haben entschlossen Gegen-Lektüren gewählt, wie J. D. Vance’ Hillbilly-Elegie, die von der Würde des vergessenen Amerika der überflüssigen Arbeiterklasse erzählt.

Alles in allem ist der Streit zum Nachmachen schön: Mit welchem Buch für alle ließe sich im Herbst ein Studium in Maastricht, in Krakau, in Mailand, Prag, Lund oder Greifswald beginnen? Dekanate, Rektorate, Neulinge: the floor is yours!