Am Donnerstag vergangener Woche schlug der Blitz ein: Die Festwochen-Kuratoren Nadine Jessen und Johannes Meile wurden in das Büro des Geschäftsführers Wolfgang Wais gebeten. Sie rechneten mit einer Nachbesprechung des umstrittenen Festival-Programms dieses Jahres. Stattdessen lagen bereits ihre Kündigungspapiere unterschriftsfertig auf dem Tisch. Die Gefeuerten wurden mit sofortiger Wirkung dienstfrei gestellt und angehalten, ihre Büros zu räumen sowie die Schlüssel abzugeben.

"Wir sind kalt abgeschossen worden", sagt Nadine Jessen, eine Woche später immer noch spürbar aufgeregt. Es habe nicht einmal ein Gespräch mit dem Intendanten Tomas Zierhofer-Kin gegeben, der sie doch vor zwei Jahren geholt hätte und den sie schon von der Zusammenarbeit beim Donaufestival in Krems kannten. "Das war wie in einem schlechten Film, wo die Entlassenen dann mit Pappkartons voller persönlicher Gegenstände durch die Gänge schleichen."

Der Grund für die ruppige Trennung von den Mitarbeitern, die vor allem für die Programmierung des Performeums in einer adaptierten ÖBB-Lagerhalle verantwortlich waren, lag in der desaströsen Berichterstattung über die neu ausgerichteten Festwochen: Die einstige Vorzeigeveranstaltung sei zum "Wiener Festl" degeneriert, so die Presse, der Standard erstickte unter der "dichten, undurchdringlichen Diskurswatte", die das Programm nicht nur bei der als Picknick angelegten Akademie des Verlernens umhüllte, der Kurier sprach von "Dilettantismus" und "Scharlatanerie". Auch die ZEIT zog eine negative Gesamtbilanz: Verloren in Diskursistan.

Zu Beginn des Festivals hatte der neue Intendant Zierhofer noch getönt: "Wir wollen Türen öffnen und Köder auslegen, um neue Besucher anzulocken." Den Festwochenfilm, bei dem das Programm vorgestellt wurde, präsentierte er fast als Soloperformance mit ständigen Kostümwechseln.

Nachdem der Relaunch spektakulär gescheitert war, schlossen sich die Türen wieder – zumindest für einige wesentliche Mitarbeiter. Tomas Zierhofer-Kin aber, der Master of Desaster, der die Verantwortung für die Gesamtveranstaltung trägt, präsentierte ein Besucherzahlenwerk, dessen Glaubwürdigkeit angezweifelt wurde, und verschwand dann aus der Öffentlichkeit. Er darf mit einem neuen Team weitermachen – oder sollte man besser sagen: weiterwursteln? Denn die Vorstellung, dass Kuratoren, die im September ihre Arbeit antreten, innerhalb weniger Monate ein hochkarätiges Programm aus dem Boden stampfen können, ist äußerst unwahrscheinlich. Und die Achse zur zeitgenössischen Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, die in diesem Jahr stark zum Tragen kam, dürfte dauerhaft beschädigt sein: Nadine Jessen war dort jahrelang als Kuratorin tätig.

Der Wiener Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der sich vor einigen Jahren beim Donaufestival in Krems für die versammelten Hipsterbärte und Piercings begeistert hatte – "so ein Publikum wollen wir für die Festwochen haben" – raunte nun etwas von Manöverkritik, die durchgeführt werden müsse und von "niederschwelliger Kommunikation", die anzustreben sei. Vom Festwochen-Präsidenten Rudolf Scholten, auch er einer der wesentlichen Zierhofer-Macher, hörte man gleich gar nichts.

Man mag zur diesjährigen Ausgabe des Kulturfestivals stehen, wie man will: Tatsache ist, dass das Projekt "Festwochen neu" nicht nur auf die Einführung neuer Themen und Programmschienen zielte, sondern auch auf eine interne Strukturreform. Damit seien sie auf ganzer Linie gescheitert, meint der ebenfalls gefeuerte Kurator Johannes Meile: "Bei den Festwochen gibt es Leute, die seit 30 Jahren dabei sind, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Wenn man eine Strukturveränderung möchte, dann müsste der Geschäftsführer gehen."

Meile ist nicht der Erste, der schwere Vorwürfe gegenüber Wolfgang Wais ausspricht. Schon die belgische Theatermacherin Frie Leysen, die es 2013 nur eine Saison in Wien aushielt, sprach in einem polemischen Abschiedsbrief von einem "feudalistischen System, das nach der Devise divide et impera verfährt, mit einem sehr geringen Ausmaß an Loyalität und wenig Interesse für Künste und Künstler."

Ähnlich argumentierte ihre Vorgängerin Stefanie Carp. Doch der ewige Geschäftsführer Wais, der bei den Festwochen schon seit gefühlten 50 Jahren hinter den Kulissen wirkt, hat es geschafft, alle Intendantenwechsel zu überstehen und sich stets als Teil der Lösung darzustellen, nicht als Teil des Problems. Und die Politik sowie die zuständigen Gremien sahen bislang keinen Anlass, daran irgendetwas zu ändern.

Man kann bei den Wiener Festwochen in ihrem jetzigen Zustand von einem multiplen Organversagen sprechen: Der Intendant tut so, als ob nichts geschehen sei, und macht einfach weiter. Das Kontrollorgan, sprich das Kuratorium, versucht, ein strukturelles Problem durch eine rabiate, fehlgeleitete Personalpolitik zu bereinigen, und die Politik duckt sich weg. Leidtragende sind in diesem Fall die gekündigten Kuratoren, die als Bauernopfer herhalten mussten. "Zierhofer hat noch kurz vor Ende der Wiener Festwochen Interviews gegeben, wo er den Kurs bestätigt hat", sagt Nadine Jessen. "Und dann werden wir wie Hunde vom Hof gejagt."