Manchmal kommt es Anna Alboth vor, als sei der Marsch ein lebendiges Wesen. Sie hat dieses Wesen erschaffen und genährt, mit Idealismus, Zeit und Kraft. Und nun ist es gewachsen, hat seinen eigenen Willen entwickelt und droht sich selbst zu zerstören. Dabei wirkte es am Anfang, vor einem halben Jahr, noch edel und schön. Wie jede hehre Idee.

Am 26. Dezember 2016 brach Anna Alboth auf, zusammen mit 400 anderen Menschen aus ganz Europa. Sie planten, innerhalb eines halben Jahres die Flüchtlingsroute in umgekehrter Richtung zu laufen, 3.400 Kilometer, von Berlin nach Aleppo. Aleppo, die ehemals blühende und heute zerbombte Handelsstadt im Nordosten Syriens, die zur Chiffre für den Krieg in Syrien geworden ist, in dem Hunderttausende starben. "Civil March for Aleppo" nannten sie sich. Sie wollten Frieden nach Syrien bringen, etwas tun gegen das Elend, etwas bewegen, indem sie sich selbst in Bewegung setzen.

Es gibt zwei Symbole, die den Geist verkörpern, mit dem sie aufbrachen. Das eine ist ein Leinentuch, knapp vier Quadratmeter groß, auf dem das schmale Gesicht eines Clowns zu sehen ist. Das andere ist ein dickes Buch, auf dessen Seiten sie unterwegs Grüße und Wünsche sammelten. Das Buch wollten sie den Überlebenden des Krieges in Syrien übergeben, das Tuch der Witwe von Anas al-Bascha, dem Clown von Aleppo. Er hatte die Kinder in den Ruinen der Stadt zum Lachen gebracht, bis er am 29. November 2016 im Alter von 24 Jahren bei einem Raketenschlag getötet wurde.

Jetzt, Ende Mai, ist der "March for Aleppo" in Griechenland zum Halt gekommen. 43 Kilometer von der türkischen Grenze und 1.500 Kilometer von Aleppo entfernt weiß keiner so richtig, wie es weitergehen soll. Von den 400 Marschierenden sind nur 14 übrig geblieben, Buch und Tuch sind verschwunden, und Anna Alboth ist auch nicht da. Sie sitzt in einem Auto, irgendwo zwischen Berlin und Griechenland, vermutlich in Mazedonien, so genau weiß das keiner. Morgen soll sie zurückkommen, aber das heißt es schon seit Tagen. Sie ist zu ihrem Mann und ihren Kindern nach Hause gefahren, die sie seit Wochen nicht gesehen hatte.

Alex, 29 Jahre alt, langes, blondes Haar, langer, blonder Bart, Typ Surfer mit Studium, stammt aus Bietigheim-Bissingen nördlich von Stuttgart und ist so etwas wie Annas Stellvertreter. Kurz vor Mitternacht sitzt er in einer Bar an einer Straße in Alexandroupoli, der letzten größeren Stadt vor der griechisch-türkischen Grenze, bei Schinken-Sandwich und Bier. Alex hat sich seit fünf Monaten nicht mehr rasiert. Die langen, von der Sonne gebleichten Haare hängen ihm in die Augen.

Er sagt, mit dem Tuch sei ein Franzose abgehauen, der die ewigen Diskussionen in der Gruppe nicht mehr ausgehalten habe. Und das Buch, tja, das sei irgendwie verschwunden.

Manchmal wirkt es, als hätten die 14 Marschierenden, die noch übrig sind, nicht nur ihr Buch und ihr Tuch aus den Augen verloren, sondern auch den Grund, weshalb sie überhaupt losgelaufen sind.

Das Wesen ist nur schwer zu kontrollieren.

Anna Alboth ist eine zarte, blonde Frau, 33 Jahre alt, Reisebloggerin aus Polen, die in Berlin lebt und besser Englisch als Deutsch spricht. Vor zwei Jahren hat sie einen syrischen Flüchtling bei sich aufgenommen und in polnischen Dörfern Schlafsäcke gesammelt für Hunderte, die vor dem Lageso in Berlin froren.

Aber sie wollte mehr als den Krieg nur aus der Ferne zu beobachten, sie wollte etwas Großes, ein Zeichen setzen. Und besann sich auf eine alte Idee: den Friedensmarsch.

In den Sechzigern marschierten in Deutschland Pazifisten, Rüstungsgegner und Christen gegen das nukleare Wettrüsten im Kalten Krieg. Anfang der achtziger Jahre marschierten sie gegen den Nato-Doppelbeschluss. Danach schien der Marsch als Protestform in Vergessenheit zu geraten. Zwar liefen noch immer Tausende am Ostermontag, aber mehr aus Gewohnheit als aus dem Glauben heraus, wirklich etwas verändern zu können.

Doch heute, wo an vielen Orten der Welt Autokraten die Demokratie zersetzen, entdeckt eine neue Generation junger Pazifisten und Aktivisten den Marsch wieder. Beim "Women’s March" oder dem "March for Science" in den USA gingen Hunderttausende gegen Donald Trump auf die Straße. Beim Marsch der Gerechtigkeit in der Türkei lief vor Kurzem der türkische Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu von Ankara nach Istanbul, um gegen Recep Tayyip Erdoğan zu demonstrieren. Tausende folgten ihm.