Ach, wie das einst lebte und blühte, schwitzte und wimmelte, schwankte und spross! Als man Arcade Fire erstmals auf hiesigen Konzertbühnen sah, im Winter des Jahres 2005, präsentierte sich die kanadische Band als wild durcheinanderwuselndes Hippie-Ensemble. Unablässig wechselten die damals zwölf Musiker ihre Instrumente und tanzten umeinander herum, manchmal fielen sie sich – ihre Bühnen waren ja auch noch so klein – gegenseitig über die Füße und ins Publikum.

Das war schön anzuhören und auch anzusehen und in gewisser Weise paradigmatisch für die Popmusik jener Zeit. Gegen das wachsende Tempo des digitalen Kapitalismus setzten viele junge Musiker damals auf die entschleunigte Ästhetik autarker Großgruppen; gegen die hektische Betriebsamkeit der älteren Rockbands mit ihren Drei-Minuten-Songs und festen musikalischen Rollen inszenierten die Neo-Hippies sich als offene Ensembles, bei denen in jedem Moment etwas Unerwartetes passieren konnte. Doch brannte das Feuer dieser Spontaneität zügig nieder, und von den damals entstandenen Bands waren es allein Arcade Fire, denen der Sprung in eine dauerhafte Karriere und auf die ganz großen Bühnen gelang. Vier Alben haben sie seither aufgenommen. Darin hat sich der quirlige Folksound des Frühwerks zunächst in düsteren Bombast verwandelt und dann – wie auf dem bislang letzten Album Reflektor aus dem Jahr 2013 – in ein Potpourri aus Reggae, Disco und Pathospop nach Art von U2.

Wenn man Arcade Fire heute auf einer Bühne sieht – etwa Anfang Juli in der Berliner Wuhlheide –, dann flackern dort immer noch Bilder der musikalischen Offenheit auf; immer noch füllt ein großes Ensemble die Szene und dengelt ergänzend zu den konventionellen Pop-Instrumenten auf Glockenspielen, großen Marschtrommeln und einem Motorradhelm herum. Doch sind die Rollen jetzt fest verteilt, und der Sänger und Songschreiber der Gruppe, Win Butler, posiert vor seinen nicht mehr wimmelnden und nicht mehr wuselnden Mitmusikern in den ranzigen Machogesten der Rock-’n’-Roll-Steinzeit. Das passt zu den 13 Songs, die man auf ihrem neuen Album Everything Now findet. Es geht um Anpassungsdruck, body shaming und die Gesellschaft der Müdigkeit. Dagegen möchte die Band Selbstvertrauen, Mitgefühl und Aufmunterung stiften, doch tut sie dies in einem herrischen Tonfall. Sie wirkt wie ein übermotivierter Abteilungsleiter, der seine Mitarbeiter zum Morgenappell ruft: Seid spontan! Seid kreativ! Seid ihr selbst!


Nehmen wir das Stück Creature Comfort: Darin machen Arcade Fire all jenen Jugendlichen Mut, die unter dem Gefühl mangelnder körperlicher Zulänglichkeit leiden; sie sollen sich davon nicht beirren und schon gar nicht in den Selbstmord treiben lassen. Das ist gut gemeint und schön gesungen, aber der aufgeplusterte pathetische Sound des Stücks könnte eben auch gut in ein Fitnessstudio mit Brülltrainer passen. Der Song Everything Now wiederum kleidet die Klage über die Überforderung der Menschen in der Turbomoderne (man muss immer alles haben, und zwar sofort) in flotte Tanzmusik mit Discostreichern. Dabei bügelt die beschwingte Musik durchweg nieder, was sich an Unmut und Unglück in dem Text finden lässt. Sie lenkt den Hörer nicht auf existenzielle Zweifel, sondern auf die banale Popfrage: Wie ironisch ist dieser an Abba erinnernde Sound jetzt wohl gemeint?

Aus der Musik der Arcade Fire von heute spricht ein durchweg erstarrter Freiheitsbegriff, insofern ist sie für unsere Gegenwart wiederum paradigmatisch. Melancholisch wird das Album nur an einer Stelle, und interessanterweise an jener, an der es ums Feiern von jungen Menschen, um durchtanzte Nächte und tagelange Raves geht. In dieser Art der temporären Gemeinschaftlichkeit kann die Band aber gerade kein Glück und kein Freiheitsversprechen mehr finden, sondern lediglich das Übertünchen einer unaufhebbaren inneren Leere. Signs of Life heißt das Stück, und es handelt davon, wie man Nacht für Nacht in Clubs nach Zeichen des authentischen Lebens sucht; aber man findet die Zeichen nicht, weil jeder Rausch die Menschen von sich selber entfernt.

Man hört das und möchte rufen: Nein! So ist es nicht! Man kann im Rausch auch zu sich selbst kommen und mit anderen glücklich sein, dafür sind doch die frühen Arcade Fire einmal das schönste Beispiel gewesen! Damals wussten sie, dass sich das wahre Glück, das Popmusik stiftet, in den kurzen utopischen Momenten einer kollektiven Entgrenzung findet. Dieses Wissen haben Arcade Fire verloren, gegen den Zwang zur Selbstoptimierung setzen sie heute nicht mehr auf die Offenheit, das Unbestimmte und den Exzess, sondern auf den Frontalunterricht von Psycho-Coaches und Wellness-Trainern. So ist aus der wuselnden Weichheit des Hippie-Revivals eine Musik der imperativen Empathie geworden; der störrische Individualismus des kollektiven Musizierens hat sich in den Sound des neoliberalen Sei-du-selbst-Zwangs verwandelt. Arcade Fire sind bloß die freundliche Fratze jener Totalität, gegen die sie angeblich immer noch aufbegehren.