Wer auf der Suche nach dem Paradies ist, findet es im Mündungsgebiet von Brahmaputra und Ganges. Dort liegen im Grenzgebiet von Indien und Bangladesch die Sundarbans, die größten Mangrovenwälder der Welt: ein Labyrinth aus Flüssen, in denen seltene Irawadidelfine schwimmen, und Inseln, an deren Ufern wuchtige Wurzeln aus dem Schlamm ragen. Das saftgrüne Dickicht der Mangroven bietet den bedrohten bengalischen Tigern ein perfektes Revier, in den Baumkronen wimmelt es von Bienen, Pythons und über 250 Vogelarten. Teile des Sundarbans-Nationalparks wurden deshalb von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt.

Doch das ist nun in Gefahr. Nur wenige Kilometer außerhalb der Waldzone entsteht eines der größten Kohlekraftwerke Bangladeschs: Rampal. Darauf hatten sich die Regierungen Indiens und Bangladeschs bereits 2010 geeinigt. Zwei Jahre später gründeten die staatlichen Energieversorger – die indische National Thermal Power Corporation (NTPC) und das Bangladesh Power Development Board (BPDB) – ein Joint Venture. Nach einigen Verzögerungen hat der Bau nun begonnen.

Demonstranten gegen das Kraftwerk wurden mit Gummiknüppeln geschlagen

Mit dem Großprojekt will die Regierung Bangladeschs Energieengpässe beheben. Ihr Ziel ist es, bis 2021 alle 160 Millionen Einwohner mit Strom zu versorgen. Derzeit sind nur knapp 70 Prozent am Netz. Unterstützung bekommt das kleine südasiatische Land vom großen Nachbarn Indien. Nicht ganz uneigennützig, denn es scheint, als wolle Indien damit sein eigenes Kohleproblem auslagern. Offiziell heißt es zwar, dass die Kohle für Rampal aus Australien, Indonesien und Südafrika kommen soll. Aber da das indische Bergbauunternehmen Coal India vor einigen Monaten gegenüber Medien bestätigt hat, dass es mit den Kraftwerksbetreibern über Kohlelieferungen verhandle und eine Zugstrecke dafür bereits im Bau sei, bezweifeln das viele in Bangladesch. Auch Anu Muhammad, 60, Wirtschaftsprofessor in der Hauptstadt Dhaka und Anführer der Protestbewegung gegen Rampal: "Alles spricht dafür, dass Indien einen Teil seiner Kohle in Rampal loswerden und Geld damit machen will."

Der Strom für Bangladesch wird bislang zu über der Hälfte aus Gas und über einem Drittel aus Öl gewonnen. Erneuerbare Energien hätten in dem sonnenreichen Land zwar großes Potenzial, doch bis zum Jahr 2030 soll die Hälfte des Stroms mit Kohle produziert werden. Heute sind es weniger als zwei Prozent. Zwar steht es dem kleinen Schwellenland seit dem Klimaabkommen von Paris 2015 auch zu, mehr Kohlenstoffdioxid als bisher auszustoßen. Doch auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch im vergangenen Jahr hatte sich Bangladesch eigentlich mit 47 anderen besonders vom Klimawandel betroffenen Staaten für den Ausstieg aus fossiler Energiegewinnung bis spätestens 2050 ausgesprochen. Kritiker Muhammad überrascht das nicht. "Die Regierung stimmt auf Konferenzen, wie in Paris oder Marrakesch für erneuerbare Energien, aber sobald ihre Vertreter zurück sind, machen sie das Gegenteil."

Über Rampal sagt die Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, dass es der Umwelt keinesfalls schaden werde. Sie beruft sich dabei auf ein Umweltgutachten. Es wurde jedoch von einer staatlichen Institution angefertigt – als die Entscheidung für den Standort längst gefallen war. Internationale Organisationen wie die Unesco und Greenpeace sowie die nationale Umweltschutzorganisation Bapa bezeichneten es daher übereinstimmend als "unzulänglich". Sie fertigten eigene Studien an, die alle zu einem anderen Ergebnis kamen: Rampal wäre eine massive Bedrohung für die Sundarbans. Das Kraftwerk würde durch die Schadstoffe extrem zur Verschmutzung von Luft und Wasser beitragen. Der erhöhte Verkehr mit Lastschiffen voller Kohle würde den Effekt noch verstärken. Dadurch seien auch seltene Tier- und Pflanzenarten und die Mangrovenwälder gefährdet.

Die Unesco hat die Regierung Bangladeschs daher aufgerufen, das Kraftwerk an anderer Stelle zu bauen. Auch Muhammad versucht die Politiker davon zu überzeugen. 2013 organisierte der Aktivist einen Protestmarsch von Dhaka in die 200 Kilometer entfernten Sundarbans, 30.000 Menschen beteiligten sich. Drei Jahre später nahmen nur noch Hunderte an dem Marsch in die andere Richtung teil. "Neunzig Prozent der Menschen sind gegen Rampal, aber immer weniger trauen sich, das öffentlich zu sagen", so Muhammad. Das liege daran, dass die Regierung versuche, die friedlichen Aktionen zu unterbinden. Wenn nötig gewaltsam. Journalisten und Demonstranten wurden mit Tränengas bekämpft und mit Gummiknüppeln geschlagen, auch Muhammad. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Obwohl er kürzlich selbst Morddrohungen erhielt, kämpft er weiter und organisierte im Januar einen globalen Protesttag, an dem sich auch Aktivisten in Berlin, London und Paris beteiligten. Außerdem rief er zu einem sogenannten Hartal auf, einem Generalstreik in Dhaka.

Ujjwal Kanti Bhattacharya sieht so was gar nicht gern. Er ist Geschäftsführer der Bangladesh-India Friendship Power Company, dem Joint Venture der beiden staatlichen Energieversorger. "Alle, die gegen Rampal sind, haben das Projekt nicht verstanden", sagte er den Medien. Mit denen hat er keine guten Erfahrungen gemacht, weswegen er Journalisten zwar noch Notizen beim Gespräch erlaubt, eine Tonaufnahme des Gespräches und die Verwendung einzelner Zitate aber untersagt.

Wie ein Großteil der Angestellten kommt er aus Indien und erzählt stolz, dass das indische Unternehmen Bharat Heavy Electricals Limited den Bau des Kohlekraftwerkes übernommen hat, der bis 2020 abgeschlossen sein soll. 750 Hektar Land – eine Fläche etwa doppelt so groß wie der Englische Garten in München – würden dafür benötigt. Unter der Aufsicht von Fichtner. Das deutsche Ingenieur- und Beratungsunternehmen garantiere, dass die technischen Standards auf höchstem Niveau seien, so Bhattacharya. Fichtner selbst wollte sich auf Anfrage nicht zum Thema äußern.