Mit seinem "Zukunftsplan" hat der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Wochenende die letzte politische Weiche gestellt, die er selbst noch stellen konnte, bevor nach der Sommerpause die Wahlkampfdynamik einsetzt. Oder vielleicht sollte man besser sagen: der Wahlkampf. Denn von Dynamik ist bislang nicht viel zu spüren. Leider.

In den vergangenen Jahren hat sich die SPD teilweise zu Recht darüber beklagt, dass die jeweilige Bundestagswahl frühzeitig verloren gegeben und die SPD zur Verliererin erklärt worden sei. Diesmal ist es fast umgekehrt: Nach Angela Merkels Schlafwagenwahlkampf 2013, nach den politischen Ausnahmejahren 2015 und 2016 schienen Öffentlichkeit und Medien eigentlich wild entschlossen, sich nicht um eine substanzielle politische Auseinandersetzung bringen zu lassen. Mit Schulz hatte die SPD einen Kandidaten gefunden, der nicht wie sein Vorgänger Peer Steinbrück im Verdacht stand, mit der Parteiphilosophie in Wirklichkeit nicht viel zu tun zu haben.

Merkel kultiviert ihre Umarmungsstrategie bis an die Grenze zur Karikatur

Merkel werde sich nicht noch einmal durch Unterlassung ins Amt siegen können, hieß es auch in dieser Zeitung. Nachdem die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlingspolitik zum ersten Mal seit Langem selbst zum Gegenstand einer gesellschaftlichen Kontroverse geworden war, schien das mehr als naheliegend.

Und nun?

Nun versuchen die Kommentatoren, aus Schulzens Plan Funken zu schlagen, und beteuern, die Wahl sei ganz gewiss nicht gelaufen. Das stimmt natürlich.

Und trotzdem, geben wir es zu, sieht es so aus, als müsste man am 25. September sagen: Oops, she did it again – "sie hat es schon wieder getan".

Bundestagswahl - Reaktionen auf Schulz' Zukunftsplan CSU-Finanzminister Söder kritisiert die zu hohen Ausgaben, die im Papier vorgesehen sind. Parteimitglieder von SPD und Grünen loben die programmatische Ausrichtung des Zukunftsplans. © Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

Gegen eine unerschütterbar beliebte Kanzlerin und eine wirtschaftliche Lage, die in Europa ihresgleichen sucht, habe die SPD eben keine Chance, heißt es. Niemand glaube der Partei angesichts der täglichen Nachrichten aus dem näheren und ferneren Ausland, dass es in Deutschland und Europa zutiefst ungerecht und unsolidarisch zugehe. Doch das schmutzige Geheimnis der SPD ist: Sie glaubt es sich selbst nicht.

Würde sie das nämlich tun, dann müsste sie sehr viel grundsätzlicher gegen Merkel antreten. Einen "ausgewachsenen Skandal" nennt Martin Schulz Merkels Europapolitik und sich selbst einen "Streetfighter". Aber ob er die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin nun im Kern richtig oder falsch findet, lässt sich seinen Worten nicht entnehmen. Ein bisschen mehr Geld für EU-Europa fordert er, droht der EU aber auch mit deutschem Geldentzug, sollten die Mitgliedstaaten nicht mehr Flüchtlinge unter sich aufteilen. Eine Investitionspflicht als Kontrapunkt zur Schuldenbremse der sparversessenen Konservativen und deren schwarzer Null. Ein "Chancenkonto" für alle Deutschen. Und die Möglichkeit, alle Amtsgänge künftig elektronisch erledigen zu können, jeden Tag, von früh bis spät. Einiges davon ist neu, nichts davon ist abwegig – aber ebenso wenig vermittelt es, dass hier einer antritt, der Merkels angeblich skandalöser Politik (vom "Anschlag auf die Demokratie" war die Rede) eine echte, große Alternative entgegensetzt. Böse formuliert: Die SPD fordert Visionen – und liefert ein Verwaltungsportal.

Die Kanzlerin, die noch vor anderthalb Jahren so sturmreif schien, dass bis in die Spitzen von CDU und CSU über Alternativen nachgedacht wurde, kultiviert derweil ihre Umarmungsstrategie in fast aufreizender Weise, bis an die Grenze zur Karikatur: Dem Außenminister Sigmar Gabriel, der den G20-Gipfel schon vorab zum Fehlschlag erklärt hatte, dankte sie, dass er die Veranstaltung so sehr bereichert habe. Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz nimmt sie gegen die Kritik ihres eigenen CDU-Landesverbandes in Schutz. Bloß wenn Journalisten von ihr wissen wollen, ob das nicht langsam zur Masche werde, wie im ARD-Sommerinterview am Sonntagabend, dann kann Frau Merkel ungewohnt kiebig werden.

Das ist die Lage: Der Wahlkampf bleibt unberechenbar, weil die Welt unberechenbar ist. Externe Ereignisse, Krisen, Anschläge können sehr schnell sehr viel verändern. Aus eigener Kraft aber wird die SPD Merkel kaum gefährlich werden. Das kann die Kanzlerin nur selbst. Nach der Wahl nämlich, wenn sie ihre wohl letzte Amtszeit gestalten muss.

Clueso - Welchen Politiker würden Sie gerne mal treffen? Musiker Clueso rät Martin Schulz, mehr von seinem wahren Ich zu zeigen. Im Video verrät er außerdem, was er über das Tagebuch des SPD-Kanzlerkandidaten weiß. © Foto: Claudia Bracholdt

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