Viele junge Leute sind überzeugt, von Castingshows etwas fürs Leben zu lernen. Darauf deuten Untersuchungen der Medienwissenschaftlerin Maya Götz hin. Sie leitet das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk und befasst sich seit Jahren mit dem Phänomen Casting. Einer repräsentativen Umfrage zufolge sind demnach 73 Prozent der 9- bis 14-Jährigen sicher, dass die Sendungen ihnen zeigen, wie man sein muss, um Erfolg zu haben. "Die Werte in den Sendungen werden für die Jugendlichen zum moralischen Kompass", sagt Götz. Die Zuschauer lernen also, wie man sich im Leben zu verhalten hat, wie man mit Kritik umgeht – wie man erfolgreich wird. Vom Erfolg haben die Jugendlichen eine klare Vorstellung: "Von null zum Superstar, diese Idee findet die junge Generation sehr attraktiv", sagt Götz.

Schnell soll es gehen. In der Warteschlange des Lufthansa-Castings sagt jemand, eine schriftliche Bewerbung mit Anschreiben und Lebenslauf sei "viiieeel zu anstrengend". Wie alle hier gehört sie zu einer Generation, die gewohnt ist, prompte Rückmeldungen zu bekommen. Anstehen, performen, und dann: Daumen hoch oder Daumen runter. Wie auf Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat, wo die Likes (oder Dislikes) nicht lange auf sich warten lassen.

Dass dieser Erfolg keine langfristige Karriere bedeutet, ist egal. Mittlerweile dürfte jeder – Zuschauer wie Teilnehmer – begriffen haben, dass das vorgebliche Ziel der vielen Sendungen so gut wie nie erreicht wird: Kein Bachelor fand je die Frau fürs Leben. Keines der zwölf deutschen Topmodels machte je international Karriere. Vergessen sind die Namen der 14 Superstars und ihrer Konkurrenten. So wie der bebrillte Daniel Küblböck. Der schaffte es 2003 in der ersten Superstar-Staffel auf Platz drei. Heute tingelt er als "Sänger, Songwriter, Producer, Entertainer, Moderator" durch die Provinz.

Die Würzburger Medienwissenschaftler Benedikt Spangardt und Anne Kleinfeld haben die Motive von Castingshow-Teilnehmern in einem Aufsatz analysiert. Kein Mensch etabliere sich über eine Show als ernst zu nehmender Künstler, schreiben sie. Dort träfen vielmehr Sender mit ökonomischen Interessen auf "Menschen, die ihrerseits eine Vorstellung davon haben, wie sie öffentlich in Erscheinung treten und durch das Fernsehpublikum wahrgenommen werden wollen". Wer gewinnen will, sollte also zwar halbwegs singen können oder ein anderes Talentchen besitzen. Vor allem aber muss er wissen: Wie inszeniere ich mich öffentlich, welche Story erzähle ich über mich, sodass ich von anderen als authentisch wahrgenommen werde.

Auch der Talentierteste wird es zu nichts bringen, wenn er gesenkten Hauptes in der Ecke steht. Schaffen kann es nur, wer das Mantra der öffentlichen Inszenierung beherzigt: Präsenz zeigen! Persönlichkeit zeigen! Emotionen zeigen! Aus sich herausgehen und andere für sich gewinnen!

Derartige Fähigkeiten entscheiden auch mehr und mehr über Erfolg und Misserfolg im Privat- und Berufsleben. Schon in der Schule wird der Auftritt, das Referat, die PowerPoint-Präsentation verlangt. Redegewandte Menschen mit kräftiger Stimme werden als klüger, sympathischer, interessanter und sogar hübscher wahrgenommen, fand der amerikanische Psychologe Howard Giles schon 1994 heraus. Viele weitere Studien haben seitdem gezeigt, dass extrovertierte und dabei gewissenhaft auftretende Menschen gegenüber zurückhaltenden Zeitgenossen im Vorteil sind. Infolgedessen tritt die Inszenierung heute gleichberechtigt neben die fachliche Leistung – wird teilweise sogar wichtiger.

Als der Wiener Wissenschaftler Georg Franck 1998 den Begriff "Aufmerksamkeitsökonomie" prägte, wurden Castings gerade erfunden und soziale Netzwerke waren nur Ideen. Dennoch ahnte Franck, dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein knappes, immer leidenschaftlicher erstrebtes Gut handelt. Eine Art Währung des neuen Jahrtausends.