Dieser Donnerstag beginnt für Carmen Richter so, wie sie es sich viele Jahre vergeblich gewünscht hat: mit einer Arbeit, die sie mag – und für die man sie schätzt. Sie rührt eine Feta-Creme an, schlägt Eier in eine Pfanne, wäscht Salat; es duftet nach frisch gebackenem Brot, durch das Fenster scheint die Berliner Morgensonne, und aus einem iPad singt Marvin Gaye: "Honey, honey, yeah".

Dann reicht Richter ihrer Kollegin Anne-Marie Lisson einen Teller mit heißen Würstchen herüber. Gemeinsam tragen sie die Schüsseln und Tabletts in ein lichtes Großraumbüro, in dem zwischen großen weißen Schreibtischen hohe Zimmerpflanzen stehen. Rund um zwei alte Ledersofas haben sich ihre Kollegen versammelt, sie tragen T-Shirts und Hoodies, die meisten sprechen Englisch. Carmen und Anne-Marie reden Berlinerisch, sie sind mit Anfang 50 die Ältesten hier. Und sie sind, ganz offiziell, die "Start-up-Omas" bei Door2Door, einem Internetunternehmen, das eine innovative Mobilitätsplattform für kommunale Verkehrsunternehmen entwickelt. "Beede sorgen wa hier fürs leibliche Wohl der Anjestellten", berlinert Carmen Richter. Anne-Marie Lisson ergänzt: "Die jungen Leute sollen ja wat Jesundet essen."

Für Mitarbeiter Yang, 28, sind Carmen und Anne-Marie ein "wichtiger Benefit"

Start-up-Oma: Was sich anhört wie ein PR-Gag, ist in der Gründerszene inzwischen eine gängige Berufsbezeichnung. Laut dem Deutschen Startup Monitor hat bundesweit jedes zehnte Jungunternehmen eine Start-up-Oma, auch Feel-good-Oma oder Feel-good-Managerin genannt. Das Portal Gründerszene.de schwärmt von den Wohlfühlhelfern, deren "Hauptaufgabe es ist, Mitarbeiter glücklich zu machen und zu motivieren"; sie würden für Teamgeist sorgen, den Stressausgleich unterstützen, Krankmeldungen reduzieren und dabei helfen, Talente im Unternehmen zu halten. Ganz ähnlich liest sich das in einer aktuellen Stellenanzeige eines Berliner Start-ups: Wer dort den Job als "Feelgood Manager" bekommt, besorgt Geburtstagsgeschenke, bewirtet Gäste und stellt das "Welcome Package" für das "Onboarding neuer Mitarbeiter" zusammen. Kurzum: "Du sorgst gerne dafür, dass andere sich wohlfühlen, und bist happy, wenn Kunden & Team es auch sind."

Start-up-Omas sind die neuen Wunderwaffen der Entrepreneure, die Stresskiller der Schnelldenker, die Sattmacher der Erfolgshungrigen, die guten Seelen auch in schlechten Zeiten.

Für die Unternehmen lohnt sich das. Davon ist zumindest Christian Scholz überzeugt, der seit 1986 Personalmanagement an der Uni Saarbrücken lehrt und in dieser Zeit schon so manche Mode in der Firmenwelt erlebt hat. "Als ich von den Feel-good-Mitarbeitern gehört habe, war ich erst mal skeptisch", sagt Scholz. Dann aber sei er bei Firmenbesuchen mehreren von ihnen begegnet, die Frühstück zubereiteten, neue Kollegen an die Hand nahmen oder halfen, Streit zu schlichten. "Das erhöht die Motivation der Mitarbeiter", glaubt Scholz, "und es kostet wenig."

Carmen Richter und Anne-Marie Lisson etwa kommen zweimal in der Woche für jeweils sechs Stunden zu Door2Door, beide verdienen im Monat 450 Euro. Ihre Stellen sind Minijobs (siehe Kasten). Beide haben einst gemeinsam Friseurin gelernt, danach aber in vielen wechselnden Jobs gearbeitet, meist in der Gastronomie. Und auch wenn nur Carmen Richter wirklich eine Großmutter ist, mögen sie ihren Job als Start-up-Oma – weil sie ihre Arbeit ziemlich entspannt und selbstbestimmt erledigen können. Das war nicht immer so.

"Bin janz froh, dass ick hier wieder Vertrauen zur Arbeit fassen kann, ick wurde ja über Jahre benutzt und wegjeschmissen", sagt Carmen.

Anne-Marie: "Erzähl mal von der Bäckerei."

Carmen: "Da sollt ick ständig wat verkaufen, wat jar nicht mehr jut war. Als ick mich beim Chef beschwert hab, hat der gemeint: So wat Blödet wie mich hat der im ganzen Leben nich jesehn."