Als zweite Frage drängt sich auf, warum die Autoren nicht die großen Fernsehsender in ihre Detailanalyse miteinbezogen haben. Haller erklärt dies mit dem Aufwand, den Untersuchungen über die komplexen Zusammenhänge zwischen Bild und Sprache erfordern würden – dies "hätte unseren Rahmen bei Weitem gesprengt".

Auch ohne Auswertung von ARD und ZDF sind sich die Autoren sicher, dass der Journalismus eine beträchtliche Mitschuld an der "tiefen Spaltung" habe, die sich seit 2015 durchs Land ziehe. All die Dysfunktionen der Medien hätten "diesen polarisierenden und desintegrativen Prozess massiv gefördert".

Denn bestimmte Standpunkte seien nicht bloß ignoriert, sondern auch diffamiert worden. Die Berichterstattung über die AfD etwa, meint Haller, neige zu Ausgrenzung und Stigmatisierung. "Dies gilt im Übrigen auch sehr deutlich für die Bildersprache, die wir ebenfalls untersucht, aber nicht in den Bericht aufgenommen haben."

Der von FAZ, SZ und Welt gestiftete Diskurs sei "nicht integrierend, sondern segmentierend" verlaufen. Denn: "Ausgeschlossen wurden nicht nur Radikale, sondern auch politische Akteure, die keinen fremdenfeindlichen Parolen folgten." Insofern repräsentierten FAZ, SZ und Welt ebenden "geschlossenen Kommunikationsraum, den viele Ausgegrenzte in ihren Kommentaren mit 'Mainstream' und 'Systempresse' etikettierten". Die Studie liest sich bisweilen so, als hätten die Wissenschaftler dem Wunsch hinterhergeforscht, die Branche am Kragen zu packen und einmal kräftig durchzuschütteln. So heißt es an einer Stelle, die "gravierenden Dysfunktionen" hätten sich "schon so tief eingefressen, dass sie von Journalisten oder einzelnen Redaktionen vermutlich für normal gehalten, das heißt gar nicht als solche wahrgenommen oder gar problematisiert werden". Dies ist – in der Tat – nur eine Vermutung.

Unstimmig werden die Darlegungen dort, wo die Autoren der FAZ zugestehen, dass sie in "vielen" Kommentaren gegen eine unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen plädierte, das Blatt aber trotzdem als Rufer in der großen, eintönigen Echokammer einsortieren.

Sicher, Leitartikel sind etwas anderes als Berichte – aber zum Meinungsklima tragen sie wohl mindestens ebenso bei.

Was die Untersuchung nach eigenen Angaben überhaupt nicht berücksichtigte, waren Gastbeiträge von Autoren, die die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel problematisch fanden. Speziell die FAZ druckte allerdings mehrere derartige Texte, vor allem solche, die vor den ökonomischen Folgekosten der Massenzuwanderung warnten. Haller rechtfertigt diese Auslassung damit, Gastbeiträge würden vom Leser eben nicht der Redaktion zugerechnet. Das mag sein. Aber die Leser dürften ebenfalls wissen: So ganz aus dem Nichts kommen auch Gäste selten.