Die geplünderte Drogerie im Schanzenviertel hat wieder geöffnet, die Scherben sind weggefegt, und von den brennenden Autos zeugt nur noch die Schwärze im Asphalt. Aufräumen, Ordnung schaffen, das können die Hamburger.

Aber unter der geputzten Oberfläche ist nichts in Ordnung in Hamburg. Zwei Wochen nach den Ausschreitungen während des G20-Gipfels kommen Fehler ans Licht, steht die Strategie der Polizei infrage, stolpert der Bürgermeister von einer unglücklichen Aussage in die nächste. Vier Männer wurden im Vorfeld als starke Typen inszeniert, die den größten Polizeieinsatz der deutschen Geschichte beherrschen sollten: Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), sein Innensenator Andy Grote (ebenfalls SPD), Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und der Einsatzleiter der Polizei, Hartmut Dudde. Diese vier Männer haben jetzt eins gemeinsam: Sie weisen alle Schuld von sich.

Es ist der Montag nach den Krawallen, im Rathaus empfängt ein angespannter Olaf Scholz zwei Redakteure der ZEIT. Seinen Rücktritt hat er zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschlossen. Ob er andere personelle Konsequenzen ziehen werde? "Nein", sagt Scholz. Am gleichen Tag schließt Innensenator Grote aus, sein Amt abzugeben: "Ich kann den Impuls verstehen, dass jetzt eine schnelle, symbolhafte Reaktion erwartet wird. Das hilft hier aber nicht weiter."

Zwei Wochen nach dem G20-Gipfel wirkt in Hamburg nur noch die politische Verantwortungslosigkeit gut organisiert.

Dabei verlangt kaum jemand schnelle, symbolische Reaktionen, wie Grote meint. Die Landes-CDU wurde nach ihrer Rücktrittsforderung an Scholz sogar öffentlich von der Kanzlerin gerüffelt. In Wahrheit interessiert sich die Stadt weniger für Rücktritte als dafür, nach den Tagen des Aufruhrs wieder Ruhe zu finden. Polizei und Politik wiederum müssen Vertrauen zurückgewinnen.

Wichtig dafür wären Einsichten und Erklärungen. Stattdessen liefern die Verantwortlichen Ausflüchte und Halbwahrheiten.

"Das ist nicht die Priorität gewesen", erwidert Olaf Scholz gleich nach dem Gipfel im Studio von Anne Will auf den Vorwurf, der Schutz der Staatsgäste sei wichtiger gewesen als der Schutz der Bürger. Tatsächlich enthüllt der Spiegel wenige Tage später den "Rahmenbefehl" der Polizei für den G20-Einsatz, in dem es heißt: "Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität."

"Wir müssen die Täter bestrafen", fordert Scholz in seiner Regierungserklärung am vergangenen Mittwoch. Tatsächlich wurden bis zum Beginn der Woche gerade einmal 186 Personen festgenommen, nur gegen 51 konnte Haftbefehl erlassen werden. Zu wie vielen Verurteilungen es kommen wird, ist offen.

"Es hat keine Polizeigewalt gegeben. Das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise", sagt Scholz im NDR. Tatsächlich kann sich im Internet jeder ansehen, wie Polizisten einen Blockierer ins Gesicht schlagen oder wie sie auf einen am Boden liegenden Mann mit Irokesenschnitt einprügeln. Und dann gibt es noch die Szenen, die keiner gefilmt hat.

In einem Bremer Biergarten sitzt der Psychologiestudent Leo Castro, 21 Jahre alt. Sein Gesicht ist blutunterlaufen, seine Nase gebrochen. Er sei am Samstag nach Hamburg gefahren, um an einer Demo gegen den Gipfel teilzunehmen, erzählt Castro. Am Abend habe er im Schanzenviertel friedlich in einem Hauseingang gesessen, da seien drei Polizisten auf ihn zugekommen. "Die haben mir gesagt: ›Wir geben dir zurück, was deine Leute uns angetan haben.‹ Dann haben sie mich geschlagen und getreten." Es seien Sätze gefallen wie "Wir bringen dich um!". Die Nase habe ihm ein Polizist gebrochen.

Niemand hat das gefilmt, Leo Castro heißt eigentlich anders, er hat auch noch keine Anzeige erstattet. Es ist leicht, Geschichten wie seine mit dem Satz abzutun, es habe keine Polizeigewalt gegeben. Das Problem ist nur, dass es inzwischen so viele ähnliche Geschichten gibt. Aus Einzelfällen wird eine kritische Masse.