Zehn Uhr morgens in einem Café nahe dem Pferdemarkt in Hamburg-St. Pauli, es ist die Woche der allseits erregten Nachbesprechungen der G20-Krawalle. Jan van Aken, 56, studierter Biologe, ehemaliger Greenpeace-Aktivist, Experte für Gentechnik, vor acht Jahren für die Linke in den Bundestag eingezogen (er tritt dieses Jahr nicht mehr zur Wahl an) und Organisator der größten, friedlich gebliebenen Demo beim G20-Treffen. Bekannt wurde van Aken mit einem Auftritt bei Anne Will, bei dem er sich über Trumps Raketenangriff auf das Assad-Regime empörte ("Frau von der Leyen, es gibt ein Völkerrecht"). Für viele, nicht nur für FDP-Abgeordnete, ist der Linken-Politiker ein rotes Tuch, weil er die Gewaltfrage differenziert, also nicht mit einem eindeutigen Nein beantwortet.

Bio-Ei und Sandwich. Der stattlich große und breite Mann mit den in Talkshows so gut funktionierenden hellblauen Augen trägt eine Reißverschlussjacke mit "Refugees Welcome"-Aufschrift, er könnte überzeugend den charismatischen, leicht wahnhaften Bösen in einem James-Bond-Film darstellen. Das wird hier lustig – der Interviewer platzt fast vor Fragen: Ist die uralte Gegnerschaft der Linken zur Polizei nicht nur noch ein dummer Kitsch? Geht ihm der hohe Ton der linken Empörungsrhetorik ("Kriminalisierung der Demonstranten") nicht auch brutal auf die Nerven? Was bringt die friedliche, bunte und kreative Widerstandskultur im Angesicht solcher brutalen Asozialen wie Trump und Putin?

Ganz Deutschland, von ganz links bis ganz rechts, hat sich doch so schön bei der Polizei bedankt. Sagt er auch: "Danke, liebe Polizei"? Ausführliche Antwort: Bei den G20-Protesten sei er tagelang dabei gewesen, als parlamentarischer Beobachter und als Demonstrant. Er habe eine Einheit aus Wiesbaden gesehen, die habe sehr entspannt eine Sitzblockade abgetragen. Die Polizeiführung aber habe völlig versagt: Sie habe auf Konfrontation und Eskalation gesetzt und Grundrechte außer Kraft gesetzt.

Mann. Es geht hier auch deshalb nicht gleich weiter, weil er exakt in der Linker-Politiker-isst-ein-Frühstücksei-Rhetorik bleibt. Wir versuchen, den Vorhang der Scheinheiligkeit herunterzureißen: Warum kann er, der ehemalige Hafenstraßen-Aktivist, nicht zugeben, dass das Polizisten-Verprügeln so wie Häuser besetzen, Punkrock hören und Dosenbier trinken schlicht zum Pop eines linksautonomen Lebensgefühls gehört? Einspruch van Aken: "Moment. Ich habe nie einen Polizisten verprügelt. Das war nie meine Kultur." Er habe, als Aktivist und heute als Politiker, immer die Auseinandersetzung mit der Politik, nie die Konfrontation mit der Polizei gesucht. Lächelnder Nachsatz: Zum angeblichen Pop einer linken Bewegung könne er wenig sagen. Er trinke kein Dosenbier, höre keine Musik, gehe nicht ins Theater: "Ich bin völlig stillos, ich bin akulturell. Sie sprechen mit einem Botaniker, das dürfen Sie nicht vergessen."

Kann er uns einen Satz über deutsche Waffenexporte mitgeben, den wir nicht vergessen? Oh ja, viele. Van Aken prophezeit: Das Verbot des Exports deutscher Kleinwaffen werde kommen.

Der bald ehemalige Politiker erklärt nun, warum er nicht mehr für den Bundestag kandidiert: Die Politik verändere einen nicht zum Besseren, van Aken schlägt eine generelle Begrenzung der Mandate auf acht Jahre vor, um einer Abgehobenheit und einem inhaltlichem Ausbrennen vorzubeugen. Ist das rührend: Ab Herbst möchte dieses gestandene Mitglied der Gesellschaft erst einmal ein paar Praktika absolvieren und sich dann wieder seinem eigentlichen Job, dem Kampagnenmachen, zuwenden. Das hat der Interviewer in 25 Jahren Journalismus noch nicht erlebt: Der Linke Jan van Aken besteht darauf, sein Frühstück selber zu bezahlen.

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