Es gibt drei Geschichten, die über Jürgen Czernohorszky gern verbreitet werden. Die erste erzählt von dem Usernamen ChairNoHorseKey, mit dem sich der Wiener Stadtrat für Bildung und Integration auf Twitter zu Wort meldet. Das englische Wortspiel soll helfen, den Nachnamen des Politikers richtig auszusprechen. Die zweite Geschichte trägt rote Haare. Bei einer Wahlkampfaktion färbte er 2001 Passanten auf der Straße die Frisur mit sozialdemokratischer Signalfarbe ein. Damals zog der 24-Jährige als bis dahin jüngster Genosse in den Wiener Gemeinderat ein – und setzte zugleich das dritte Narrativ in Gang. Es lautet Zukunftshoffnung, Parteiversprechen oder auch Kronprinz: Jürgen Czernohorszky, heute 40 Jahre alt, gilt seit seiner Studentenzeit als politisches Talent, das Großes erwarten lässt.

Doch unversehens brach der nationale Wahlkampf in Czernohorszkys Rathausbüro aus. Als zuständiger Bildungsstadtrat steht er im Kreuzfeuer der vom schwarzen Kanzlerkandidaten Sebastian Kurz lancierten Debatte über islamische Kindergärten in Wien. Die Stadt finanziert schließlich die privaten Kindergärten, auch jene, in denen nach konservativer Lesart islamistische Parallelgesellschaften herangezüchtet werden. Für Bewilligungen und Kontrollen ist die Kommune ebenso zuständig.

Der Stadtrat, der erst seit sechs Monaten im Amt ist, wird damit für die ganze Bundes-SPÖ zu einer Schlüsselfigur vor der politischen Weichenstellung im Herbst. Islamismus und Integrationsprobleme sind Dreh- und Angelpunkte der ÖVP-Kampfansage an den bisherigen Regierungspartner SPÖ. Und wenn es dem roten Wien, sprich dem zuständigen Stadtrat, nicht gelingt, sich dort vom Vorwurf des völligen Versagens loszumachen, hat auch die Bundespartei ein Problem.

Dazu kommt noch ein innerparteilicher Konflikt, in dessen Zentrum Jürgen Czernohorszky gerutscht ist: Als er, der zuvor Stadtschulratspräsident war, in diesem Januar in die Wiener Stadtregierung geholt wurde, landete sein Name umgehend auf der Liste der potenziellen roten Bürgermeisterkandidaten. Gerade unter den Jüngeren und den linken Fraktionen der SPÖ gilt er als jenes frische Gesicht, das nach dem geplanten Abgang von Michael Häupl das verblassende rote Wien vor den SP-Rebellen vom rechten Flügel retten könnte. Doch solange die Wiener Genossen ihren ewigen Richtungsstreit nicht beilegen können, wird es schwer, in der Hauptstadt geeint für die Nationalratswahl zu mobilisieren.

Für einen Mann, der unvermittelt an zwei Fronten zur Schlüsselfigur wurde, wirkt der gebürtige Eisenstädter entspannt. Jürgen Czernohorszky, blaues Jackett, breites Kinn und etwas überraschend Jungenhaftes unter dem Brillenrand, sitzt mit zwei Mitarbeitern an einer ovalen Konferenztafel im Wiener Rathaus und holt erst einmal Luft. "Politik, insbesonders Kommunalpolitik, braucht den Willen, bedingungslos zu sagen, was Sache ist", legt er dann los. Natürlich gebe es Probleme, die zu lösen seien. Aber die derzeitige Polemik mitsamt der Forderung des ÖVP-Chefs, islamische Kindergärten grundsätzlich zu schließen, fordert ihn heraus. "Effektheischerische Skandalisierungsrhetorik" sei das, keine ernsthafte Diskussion darüber, wie man es besser machen könne.

Mit dem Neuzugang in der Stadtregierung können sich viele Seiten abfinden

Der neue ÖVP-Chef hat sich mit Jürgen Czernohorszky zwar einen Gegner ausgesucht, der noch nie an vorderster Politfront gekämpft hat. Doch der bietet Paroli. "Wir arbeiten im Unterschied zu anderen Beteiligten bereits an konkreten Maßnahmen", kickt Czernohorszky die Steilvorlage aus dem Integrationsministerium retour. Er verweist auf verschärfte Zulassungsverfahren und mehr Kontrollen für Kindergärten, auf den neuen Religionsleitfaden und auf die Betreiber, die schon aus dem Verkehr gezogen wurden. Freilich müssten die Kontrollinstrumente laufend weiter verschärft werden. Doch umgekehrt, betont er, habe die Stadt nie Hinweise auf konkrete Verdachtsfälle aus dem Ministerium bekommen.

"Die Datenlage ist einfach dünn", sagt der studierte Soziologe Czernohorszky zur Kindergarten-Studie des Islamwissenschaftlers Ednan Aslan. Abgesehen von dem im Raum stehenden Manipulationsverdacht: "Professor Aslan hat für die Vorstudie mit genau drei Kindergärten gesprochen." Deshalb habe die Stadt gemeinsam mit dem Integrationsministerium jene große Studie bei Uni Wien und FH Campus in Auftrag gegeben, die im Herbst fertig sein soll. "Doch unmittelbar zum Wahlkampfstart wird dieses Thema mit populistischem Theaterdonner hervorgezogen", sagt er.

Das R rollt, wenn Czernohorszky spricht. Er tut das schnell und temperamentvoll, bissige Parolen und Kriegserklärungen spart er aber eher aus – auch in Parteifragen, wie zu Jahresbeginn zu sehen war. Die Flügelkämpfe unter den Wiener Genossen waren wieder einmal voll entbrannt. Doch Michael Häupl gelang ein geschickter Schachzug: Statt einer großen Personalrochade holte er mit Jürgen Czernohorszky einen in das Regierungsteam, mit dem sich viele Seiten abfinden konnten. ÖVP und Neos stimmten zwar gegen den Wechsel von Sandra Frauenberger ins Gesundheitsressort. Für Jürgen Czernohorszky, ihren Parteikollegen und Nachfolger als Bildungsstadtrat, gab es hingegen schwarzen wie pinken Vertrauensvorschuss. Selbst von ÖVP-nahen Schuldirektoren und Beamten ist kaum ein schlechtes Wort über den ehemaligen Stadtschulratspräsident zu hören – freilich nur, solange es nicht um ein rotes Mantra und schwarzes Menetekel wie die Gesamtschule geht.

Dass der Bürgermeister den smarten, aber bislang nicht mit voller Kraft ins Rampenlicht drängenden Nachwuchs schätzt, steht außer Zweifel. Er wolle Czernohorszky, so munkelten manche noch in diesem Frühjahr, als Nachfolger aufbauen. Doch die vorgezogene Nationalratswahl lässt Häupl keine Zeit mehr dafür.