Berlin, Kreuzberg

An einem Dienstagabend gegen 21 Uhr wählt der Berliner die Nummer des Kokstaxifahrers. Er ruft ihn ein paarmal pro Jahr an, immer dann, wenn er Lust hat auf den Kick. Länger tanzen, schneller denken, schlauer reden. "Du hast den Eindruck, präsenter zu sein." Kokstaxis sind in vielen deutschen Städten eine Institution. Ein Lieferservice, der binnen weniger Minuten vor jeder Haustür stehen kann. Nur dass er keine Pizza bringt.

Nach dreimaligem Freizeichen hebt jemand ab. "Ja." – "Alles klar?", fragt der Berliner. "Läuft, Digger, und bei dir?" – "Kommste rum?" – "Klar, Digger, wo wohnst du noch mal?" Der Berliner nennt eine Adresse in Kreuzberg. "Gut. In 15 Minuten bin ich da. Komm runter."

Zehn Minuten später rollt ein großer neuer BMW im Schritttempo heran. Autos dieser Preisklasse sieht man hier selten. Am Steuer sitzt ein beleibter Mann, Anfang 40. Auf dem Rücksitz thront ein Kindersitz, darauf ein Magazin für Kinder, vom Cover glotzt ein Chamäleon. Der Berliner steigt vorne ein. "Und, was geht, Digger?", fragt der Lieferant seinen sehr viel dünneren Kunden, während er im Schritttempo durch die Straße fährt, nach links und rechts schauend. "Mann, die Ecke hier ist gefährlich, die kontrollieren viel." Blitzschnell verrichten die zwei ihre Geschäftstransaktion, wortlos. Der Dealer steckt den 50-Euro-Schein ein, der Berliner lässt einen kleinen Gegenstand in seiner Hosentasche verschwinden. "Und was macht ihr heut noch Schönes?" – "Bisschen Party." Nach zwei Minuten und 500 Metern hat der Berliner das Auto verlassen. In seiner Hosentasche steckt ein durchsichtiges Plastikröhrchen, etwa vier Zentimeter lang. Durch das Plastik hindurch kann man weiße Plättchen erkennen. Kokain gibt es in Form von Pulver oder Steinchen, "Snow" oder "Rock" nennen das die Konsumenten. In dem Plastikröhrchen befindet sich ein halbes Gramm Rock. Üblicherweise bekommt man für 50 Euro ein ganzes Gramm, aber der Berliner meint, das Zeug seines Dealers sei von besserer Qualität, nicht so verschnitten.

Der Berliner, ein Kameramann Mitte 30, ist ein typischer Partykonsument. Er schnupft, wenn er einen draufmachen will, "mehr als die alltägliche Party", und er ist ein ambivalenter Verbraucher. Das sind viele in seinem Milieu. Mittelklassekokser. Menschen, die ihr Gemüse gern im Biomarkt kaufen, Ökostrom beziehen oder fair gehandelten Kaffee trinken. Der Berliner isst seit acht Jahren kein Fleisch mehr. Manchmal überkommt ihn die Lust darauf, doch dann denkt er an Hühner in winzigen Käfigen, Schweine in Massentierhaltung, und er sagt sich: Nein, so was will ich nicht essen.

Mit dem Koksen ist das anders. Ja, er hat den Spruch gehört, "jede Nase tötet einen Menschen", doch die Vorstellung bleibt merkwürdig diffus. Die verendenden Schweine hat er im Fernsehen gesehen, die Opfer des Kokaingeschäfts nicht.

Dokumentationen über Koks zeigen stattdessen Leute wie Pablo Escobar. Seit Netflix die Serie Narcos über das Leben des kolumbianischen Drogenbarons ausstrahlt, ist dessen Haus zu einem Pilgerort für Touristen geworden. Auch dem mexikanischen Kartellchef Joaquín "El Chapo" Guzmán, der zweimal spektakulär aus dem Gefängnis floh und seit 2016 wieder einsitzt, gilt eine eigene Serie auf Netflix. Koks hat trotz – oder vielleicht wegen – all der Gewalt Glamour.

Kokain, angeboten in der Form von Kokain-Hydrochlorid, stammt aus Kolumbien, Bolivien oder Peru, anderswo auf der Erde wird es quasi nicht hergestellt. Es wird in einem aufwendigen chemischen Verfahren aus den Blättern von Kokasträuchern gewonnen, die nur in großen Höhen und bei hoher Luftfeuchtigkeit gedeihen. Diese Bedingungen finden sich in idealer Form in den Anden.

Seit 1930 ist Kokain in Deutschland verboten, weil es abhängig macht und in hoher Dosierung Angst, Paranoia, Depressionen und Wahnvorstellungen erzeugen kann. Die meisten Länder haben Kokain verboten, nur in wenigen bleibt der Besitz geringer Mengen straffrei.

Das Verbot unterbindet den Handel allerdings nicht. Die Droge reist um die Welt, versteckt in der Fracht von Containerschiffen, in den Mägen der Drogenkuriere, in Flugzeugen, U-Booten, Pick-ups. Manchmal nimmt das Rauschgift den direkten Weg, andere Male bewegt es sich im Zickzack-Kurs über mehrere Kontinente, um die Fahnder zu verwirren. Die Logistiker der Branche suchen nach immer außergewöhnlicheren Routen und Verstecken. Kokain steckt in den Plastikköpfen von Spielzeugpuppen, zwischen gegerbten Rinderhäuten, sogar in den Mägen von Zuchthunden, die nach der Ankunft am Zielort geschlachtet werden.

Einer Schätzung der Vereinten Nationen zufolge wurden im Jahr 2014 mehr als 940 Tonnen Kokain produziert. Knapp 19 Millionen Menschen sollen heute Kokainnutzer sein.

Kokain reist leise und geräuschlos, doch es hinterlässt Spuren. Es zerstört Natur und Lebensräume, macht mörderische Kartelle groß, zersetzt Staaten, hält Menschen in Armut, finanziert Terroristen. Was wäre, wenn Kokainkonsumenten – wie der Berliner – das alles wüssten?

Die Umweltfolgen des Drogenhandels

Oberlauf des Envira-Flusses, Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru

Im Juni 2014 traten sie zum ersten Mal aus dem Wald. Junge, kräftig gebaute Männer, nackt bis auf einen Gürtel, an dem ein Penisschutz aus Rinde befestigt war. Sie wateten durch den Fluss, gestikulierten und riefen Worte in einer Sprache, die keiner verstand. José Carlos Meirelles war überrascht. Er wusste, dass dieses Indianervolk stets den Kontakt zur westlichen Zivilisation verweigert hatte. Als Forscher einmal mit einem Kleinflugzeug über ihren Hütten kreisten, hatten sie ihnen mit Holzspeeren gedroht.

"Wir nennen sie die Índios vom Xinane-Fluss", sagt Meirelles, 69 Jahre alt, einer der bekanntesten Indianerexperten der Welt. Viel wusste der Forscher nicht über diese Gruppe von etwa 50 Ureinwohnern im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru. Doch eins war ihm beim Anblick der Indianer klar. Wenn dieses zurückgezogene Volk jetzt etwas von ihm und seinen Kollegen wollte, musste etwas Besonderes vorgefallen sein.

Die Ureinwohner machten sich mit Zeichensprache und in ein paar Brocken indigener Sprachen verständlich, die beide Seiten kannten. Da sind Gruppen von Männern im Wald, bedeuteten sie Meirelles und den anderen. Sie tragen Hemden wie ihr. Sie halten Maschinen in Händen, die machen: "Ra-ta-ta-ta-ta-ta-ta!"

"Sie wurden Opfer von Drogenschmugglern", glaubt Meirelles. Er verstand die Xinane-Indianer so, dass eine große Zahl ihrer Angehörigen gestorben war – die einen durch Schussverletzungen, die anderen durch von den Eindringlingen eingeschleppte Viren. "Wie viele Opfer es sind, wissen wir nicht", sagt der Forscher. Er hat fast nur junge Männer im Teenager-Alter gesehen. "Die Alten, die Schwangeren und die Frauen mit Säuglingen sterben zuerst. Und immer wieder treffe ich Índios, die Narben von Schusswunden am Körper tragen."

Quelle: UN Weltdrogen- und Verbrechensbericht 2017, eigene Recherche, http://www.havoscope.com/black-market-prices/cocaine-prices/ © ZEIT-Grafik

Seit den 1970ern haben Siedler und Holzunternehmer 20 Prozent des brasilianischen Regenwaldes abgeholzt und weitere 20 Prozent ausgedünnt. Hier aber, nahe der Grenze zu Bolivien und Peru, findet sich unberührte Natur. Vom Flugzeug aus sieht man in dieser Gegend ein grünes Meer dicht stehender Baumkronen, durchzogen von schwarzen Flüssen, sonst nichts. Hierhin haben sich mehrere Völker zurückgezogen.

Doch seit einigen Jahren entdeckt Meirelles auf seinen Streifzügen Spuren gewalttätiger Eindringlinge. Von seiner Forschungsstation aus hört er nachts Schüsse im Wald. Er sieht Kampfspuren auf dem Waldboden, Stiefelabdrücke und frisch geschnitzte, zerbrochenen Pfeile.

Eines Nachts im Juni 2011 belagerten Männer mit Kalaschnikows seine Forschungsstation, die Polizei musste die Indianerschützer mit Helikoptern ausfliegen. Meirelles ist sicher: Die Unbekannten waren Drogenhändler. "Im Amazonaswald haben sie den idealen Standort für sich gefunden."

Nur ein, zwei Tagesreisen von seiner Station entfernt, an den grünen Hängen Boliviens und Perus, werden Kokasträucher angepflanzt. Die Waldgebiete sind zum Drehkreuz für den internationalen Kokaintransport geworden. Dort gibt es nur wenige Soldaten, Polizisten oder Zollbeamte – und in Indianergebiete darf kein Fahnder ohne zuvor erteilte Erlaubnis der Indianerschutzbehörden. Meirelles hat die Zusammenstöße wieder und wieder gemeldet, der Polizei, dem Militär. Doch die zucken oft mit den Schultern. Der Forscher sagt: "Wir von der Indianerschutzorganisation können den Índios kaum helfen, sie sind weitgehend auf sich selbst gestellt".

Waldforscher und Kriminalexperten warnen seit Jahren vor den Umweltfolgen des Drogenhandels. Oft machten die Drogenbanden gemeinsame Sache mit Wilddieben, Fischräubern, Goldgräbern und illegalen Holzfällern. Jenseits der Grenzen haben Bauern Waldflächen abgefackelt, um noch mehr Kokain pflanzen zu können. In Kolumbien wichen in den Jahren zwischen 2001 und 2013 für den Kokaanbau 2.900 Quadratkilometer Wald – eine Fläche dreimal so groß wie Berlin.

"Narco-Entwaldung" lautete ein Bericht, der 2014 im Wissenschaftsblatt Science erschien. "Der Drogenhandel ist zu einem entscheidenden – und häufig übersehenen – Faktor der Zerstörung des Waldes geworden", hieß es darin. "Antidrogenpolitik", folgerten die Forscher, "wäre hervorragender Waldschutz."

Hochsicherheitsgefängnis von Porto Velho, Nordbrasilien

Der Kartellchef sitzt auf einem Plastikstuhl und lächelt freundlich. Luiz Fernando da Costa, 50 Jahre alt, ist in Brasilien unter seinem Bandennamen bekannt: Fernandinho Beira-Mar. Übersetzt: der kleine Ferdinand von der Waterkant. Kollegen nennen ihn auch "den Psychopathen".

Da Costa empfängt im Hochsicherheitsgefängnis von Porto Velho. Er trägt eine Art Pyjama, auf Hemd und Hose ist "Gefangener Nummer 102" gedruckt. Wachen haben seine Hände vor dem Körper mit Handschellen gefesselt, während des Interviews warten auf dem Gang Wachleute mit Taserwaffen. Seit 2001 sitzt da Costa ein, verurteilt wegen Drogenhandel, Bandenbildung, Mord und zahlreichen anderen Delikten zu mehr als 200 Jahren Haft.

"Gewalt ist ein Management-Instrument im Drogengeschäft"

Luiz Fernando da Costa (Gangstername "Fernandinho Beira-Mar") beim Interview mit der ZEIT im Hochsicherheitsgefängnis von Porto Velho, Brasilien © André Cran für DIE ZEIT

Für die Behörden ist da Costa der Chef des Comando Vermelho, des Roten Kommandos, einer der größten Drogenbanden in Lateinamerika. Seine Organisation soll laut Polizei für einen Großteil der Kokaintransporte verantwortlich sein, die aus den Andenstaaten nach Brasilien kommen. Von seiner Gefängniszelle 19B aus dirigiere da Costa weiterhin sein weit verzweigtes Geschäft. Er selbst bestreitet die meisten Vorwürfe, insbesondere den, Chef eines Drogenkartells zu sein.

Die Polizei behauptet, da Costa sei für Hunderte, vielleicht Tausende von Morden und Folterungen verantwortlich. Sie präsentiert Tonmitschnitte, die belegen sollen, dass er gefangenen Gegenspielern die Zehen abtrennen ließ. Einen Gequälten, dem beide Ohren abgeschnitten wurden, verspottete er laut einer der Aufzeichnungen: "Hörst du mich gut?"

Wüsste man das alles nicht, könnte man da Costa für einen reizenden Menschen halten. Er redet detailreich, bisweilen amüsiert, er scherzt. Unterbricht man ihn, reagiert er zuvorkommend. Gleichzeitig schaut er sein Gegenüber kalt und aufmerksam an.

Da Costa sagt, er sehe sich in erster Linie als Geschäftsmann. "Nur eben in einem Unternehmen auf der falschen Seite." In seiner Branche gälten besondere Regeln: "Gewalt ist ein Management-Instrument im Drogengeschäft."

Die ZEIT hat sich lange mit Luiz Fernando da Costa unterhalten. Das vollständige, ungekürzte Gespräch finden Sie online unter www.zeit.de/beira-mar.

Zu den "Management-Methoden" des Roten Kommandos gehörte lange Zeit die sogenannte Microonda, die Mikrowelle: Dem Opfer wurden Autoreifen übergestülpt, die mit Benzin übergossen und schließlich abgebrannt wurden. Brasilianische Medien berichten, dass in den Bandenkriegen von Rio de Janeiro und anderen Drogenhochburgen jährlich Hunderte, womöglich Tausende ums Leben kommen. Da Costa lächelt und schüttelt den Kopf: "Obwohl ich mich fürs Verbrechen entschied, bin ich nicht dieses Monster." Mit Gewalt demonstriere ein Kokainboss allerdings "eine bestimmte Form von Macht". Sie erzeuge Loyalität und halte störende Mitbewerber fern. Sorge für Ordnung in einer Organisation und erinnere alle Beteiligten an die Gesetze ihres Metiers. Wie viele Menschen er ermorden ließ, mag er nicht sagen.

Über Gewalt spricht da Costa im gleichen sachlichen Tonfall, mit dem er auch andere Management-Herausforderungen beschreibt: Kosten, Gewinnspannen, Personalführung und strategische Unternehmensplanung. Das Kokain habe ihm "absurd hohe" Gewinne beschert. Er konnte sich Boote und Strandhäuser leisten, Pferde und eine Privatinsel mit Hubschrauber. Das Geld habe ihm aber auch Probleme bereitet. Schließlich musste er dessen Herkunft vor den Behörden rechtfertigen. "Man fängt also an, das Geld zu waschen." Deshalb expandierte er laufend in andere Geschäftsbereiche. "Als ich begann, Geld zu verdienen, habe ich auch angefangen, legale Unternehmen aufzubauen." Das hieß vor allem: Immobilien, Acker- und Viehwirtschaft.

Alle Kokainbarone Lateinamerikas befehligen heute Organisationen, die internationalen Mischkonzernen gleichen. Sie beschäftigen Broker, Logistiker, Finanzberater, Gewährsleute in aller Welt. Manche machen neben der Kokainlogistik in Ölförderung, in Kohle- und Goldminen, oder investieren ins Avocadogeschäft. Sie werden damit nicht nur zu einem wirtschaftlichen, sondern oft auch zum politischen Machtfaktor.

In Venezuela sollen Drogenbarone in der Regierung sitzen. Honduras, durch das ein Großteil der Kokainexporte in Richtung USA wandert, hat eine der höchsten Mordraten der Welt; nach einer Studie der Vereinten Nationen ist die Zahl der Morde in Ländern, durch die Kokainrouten führen, doppelt so hoch wie anderswo. In Mexiko liefert sich die Armee erbitterte Schlachten mit den Kartellen, die sich wiederum untereinander bekriegen. Laut einem mexikanischen Regierungsbericht starben zwischen 2006 und 2011 im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität 47.515 Menschen.

Thinktanks wie der in Kolumbien ansässige InSight Crime warnen derzeit vor der nächsten Gewaltexplosion. Kartelle kauften immer größere Waffen, einige heuerten ehemalige Soldaten und Rebellen als Söldner an. Und sie breiten sich aus – nach Westafrika zum Beispiel, das den Narcos als Zwischenstopp auf dem Wege nach Europa dient. Neue Geschäfte, mehr Gewalt. "Sie können kein Arzt werden, wenn Sie kein Blut sehen können", kommentiert der Insasse von Zelle 19B. "Verstehen Sie, was ich sagen will?"

Bissau. Guinea-Bissau, Westafrika

Am Tag, an dem Bacar Biai Polizeichef von Guinea-Bissau wurde, ahnte er, dass er sich einer unmöglichen Aufgabe verschrieben hatte. Denn was bewirkt ein Polizeidirektor in einem Land, das als Narco-Staat schlechthin gilt? Das kleine Land mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern liegt in Westafrika, an der Kokainroute von Lateinamerika nach Europa. Seine Geografie ist für den Schmuggel wie gemacht: Vor der Küste liegen mehr als 80 teilweise unbewohnte Inseln. Die Landessprache ist Portugiesisch – für brasilianische, mexikanische und kolumbianische Narcos leicht zu verstehen. Unter seinen Politikern befinden sich einige geradezu bemerkenswert kriminelle Exemplare. Wollen die einen Polizeichef, der sich durchsetzt?

Die Narcos in Afrika

Colonel Ayouba (4. von links) bekämpft Terroristen in Gao. Sie sind auch deswegen stark, weil sie sich mit Drogengeld finanzieren. © Angela Köckritz für DIE ZEIT

Biai ist ein freundlicher, eloquenter Mann, der wirkt wie einer, der wollte, wenn er bloß könnte. Seit drei Monaten ist er im Amt. "Wir sind wie ein Chauffeur ohne Auto", sagt er. Der Vergleich ist treffend. Dem Polizeidirektor stehen zur Drogenbekämpfung ganze 20 Polizisten zur Verfügung – landesweit. Sie bekämpfen das Verbrechen zu Fuß, mit dem Sammeltaxi oder im Minibus. Denn alle Abteilungen der Polizei teilen sich ein einziges Auto. Das Drogendezernat besitzt kein Boot, obwohl jeder weiß, dass die Narcos die Inseln vor der Küste nutzen. Keine Helikopter. Keine Abhöranlagen. Keine Nachtsichtgeräte. Keine Scanner, weder am Hafen noch am Rollband des Flughafens. "Wir haben nicht mal Walkie-Talkies", Biai schüttelt den Kopf, als könne er es selbst nicht fassen.

Er holt seine Statistik hervor. Im Jahr 2016 nahmen seine Beamten 20 Drogenkuriere fest und stellten etwas mehr als 20 Kilogramm sicher. 20 Kilogramm von unzähligen Tonnen, die im selben Zeitraum sein Land passierten.

Es gibt Dinge, die Biai nicht sagt. Fragt man ihn, warum die Polizei nicht mehr Geld bekomme, antwortet er vorsichtig, es gebe wohl kein Budget dafür. Biai erzählt nicht, dass der größte Kokainfund, den die Polizei je sicherstellen konnte – 600 Kilo – im Safe des Finanzministeriums gelagert war, und von ebendort auf wundersame Weise verschwand. Das war 2005. Der damalige Finanzminister ist heute Handelsminister. Biai erwähnt auch nicht, dass die Gattin eines früheren Präsidenten mit fünf Kilo Kokain in der Handtasche am Flughafen aufgehalten wurde – worüber sie sich mit den Worten aufregte, sie reise schließlich mit Diplomatenpass. Er lässt sich auch nicht über den Berater des jetzigen Präsidenten und dessen beider Vorgänger aus, der jahrelang wegen Drogenhandels in Lissabon im Gefängnis saß. Das berichten andere Gesprächspartner, Schriftsteller und Journalisten. Übereinstimmend.

Biai schildert lieber im Allgemeinen, wie sein Land sich in einen Narco-Staat verwandelte. Und man spürt, wie traurig er darüber ist. Waren er und viele andere Bürger nicht voller Ideale, als ihr Land 1974 nach zähem Kampf endlich die Unabhängigkeit erlangte? Doch dann folgte Putsch auf Putsch, Regierungswechsel auf Regierungswechsel, ein Bürgerkrieg. Bis jetzt hat noch keine Regierung eine Amtszeit zu Ende bringen können. Skrupellose Abenteurer und Geschäftemacher ringen um die Ressourcen des Staates.

Und genau das wussten die Narcos für sich zu nutzen. "Die Kolumbianer kamen 2004 hierher, unter dem Vorwand, Investoren zu sein", sagt Biai. Sie erforschten den Markt. "Wer sind die Politiker? Die Militärs? Die Polizisten? Wer gehört zu ihrer Familie? Sobald sie das wussten, gaben sie ihnen sehr viel Geld."

Der Drogenhandel, sagt Biai, unterminiere den Staat. "Er macht die demokratischen Werte zunichte, schafft Anreize zur Korruption, zersetzt das Wirtschafts- und Finanzwesen." Wäre der Staat stark, könnten die Narcos ihre Geschäfte nicht machen. "Also investieren sie in seine Instabilität." Seit zwei Jahren streiten sich der Präsident und die Partei, die ihm zum Sieg verhalf, um die Staatsführung. Seither wurde weder ein Regierungsprogramm noch ein Budget verabschiedet. In Wahrheit liegt die Macht ohnehin in den Händen der Männer im Hintergrund – Geldgeber, Berater und Strippenzieher, Helfershelfer der Narcos.

In Guinea-Bissau könnte man wunderbar leben. Die Kolonialbauten sind malerisch, die Musik ist mitreißend, die Gesellschaft toleranter als in den Nachbarländern. Doch es ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut Weltbank bei nur 55 Jahren. Der Grund dafür ist, dass so viele Kinder sterben, Guinea-Bissau hat eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten der Welt. So wird es auch bleiben, solange der Staat den Narcos ausgeliefert ist.

Gao, Mali

Wenn es losgehen soll, sagt der 28-jährige Fahrer, ziehe er erst mal eine Nase Kokain. Dann frisst sich sein Auto die Staubpiste hindurch, 980 Kilometer, einmal durch Nordmali. "Bist du schnell, schaffst du es in zwei Tagen, rast du, an einem einzigen." Vor und hinter ihm schaukeln die anderen Pick-ups der Kolonne, bisweilen sind es bis zu 40 Wagen, jeder Fahrer schwer bewaffnet, mit Pistolen und Kalaschnikows. Manchmal hat er eine Tonne Koks geladen, dann wieder eine Mischung: Kokain, Ecstasy, Gras. "Hängt davon ab, was der Kunde will." Die Kunden sitzen in Europa, der Fahrer kennt sie nicht.

Grenzstationen? Der Fahrer kichert. Zöllner? Er schüttelt den Kopf. Kontrollen? Jetzt lacht er laut. In all den Jahren nie gesehen. "Mein Chef ist ein mächtiger Mann", sagt er. "Alle kennen ihn. Er hat seine Beziehungen überall." Der Chef sei Araber aus Mali, "alle großen Köpfe im Narco-Business sind Araber". Die Route, sagt der Fahrer, kenne hier jeder: Einmal durch die Sahelstaaten von Mauretanien bis in den Sudan, von dort übers Rote und das Mittelmeer in die Türkei und schließlich nach Europa. An diesem Abschnitt hier verläuft sie 120 Kilometer nördlich von Gao.

Wer diesen Ort erreicht, begreift sofort, dass Gao kein normales Wüstenstädtchen ist. Woher kommt nur all das Geld? Auf den Straßen fahren nagelneue Pick-ups, an den Straßenecken warten neu gebaute Tankstellen, man versucht sie zu zählen und gibt bei 50 auf, es sind einfach zu viele. Aber kaum eine verkauft Benzin.

Denn die Tankstellen, das räumt sogar der Polizeidirektor ein, dienen einzig und allein dem Waschen von Kokaingeld.

Am beeindruckendsten aber sind die Villen überall in der Stadt. Sie sind in Gao Stadtgespräch, und jeder hier weiß, dass das Kokain den Immobilienboom finanziert.

"Koks ist die Hauptfinanzquelle der Terroristen"

Und den Terrorismus. Nicht jeder Narco-Boss unterstützt den Terrorismus. Aber viele tun es. "Koks ist die Hauptfinanzquelle der Terroristen", sagt der lokale Polizeichef. "Alles, was wir hier an Problemen haben, Waffen, Kämpfe, Anschläge, hat seine Wurzeln im Drogengeschäft." In Gao werden Attentäter, Minen- und Bombenleger, mit Drogengeld für ihre Dienste entlohnt. Es ist ein gestaffeltes System: Wer Polizisten tötet, verdient mehr, wer Geschäftsleute umlegt, weniger.

Den allgegenwärtigen Terror bekommen auch die Soldaten der UN-Mission Minusma zu spüren, die in Gao und anderen Städten den Friedensprozess überwachen. Ihr Einsatz gilt als der verlustreichste der UN-Geschichte, weil die Transportkonvois, die meist von Bangladeschern begleitet werden, immer wieder auf Minen fahren. In Mali sind auch deutsche Soldaten stationiert, vor allem in Gao.

Lange Zeit hatte Mali als demokratischer Vorzeigestaat gegolten, niemandem fiel auf, dass die frühere Regierung den Drogenhandel im Norden nicht nur tolerierte, sondern kräftig von ihm profitierte. In Nordmali war der Staat schon immer weit weg. Endlose Wüste, perfektes Terrain für Schmuggler – und auch für Dschihadisten.

Vor 15 Jahren begann die algerische Regierung, Islamisten in den Norden Malis abzuschieben. Im Jahr 2011 kamen die Waffen: Malische Söldner aus der Gaddafi-Armee kehrten samt ihren Gewehren hierhin zurück. Sie fanden solvente Käufer vor, an Geld mangelte es nicht. So aufgerüstet, gelang es Dschihadisten dann im Jahr 2012, den Norden einzunehmen und ein Terrorregime zu errichten. Gerade mal drei Flugstunden von Europa entfernt.

Im Jahr 2013 konnte eine Allianz aus französischen und malischen Soldaten die Terroristen zurückdrängen. Doch Waffen und Drogen gibt es weiterhin im Überfluss, Mali ist Drogen-Transitland. Der Kokainhandel zieht die windigsten und gewalttätigsten Charaktere an. Kürzlich hat die Polizei an der Grenze zu Niger Personen ausgemacht, die Englisch und Haussa sprachen, einen nordnigerianischen Dialekt. Sie nehmen an, dass es sich um Angehörige von Boko Haram handelt, die mit dem Kokshandel ihre Terroraktionen finanzieren.

Mehr Terroristen, das heißt: mehr Kämpfe für jemanden wie Colonel Almuslim Ayouba. Am Stadtrand von Gao liegt das Reich des 51-jährigen Milizenführers und Terroristenjägers. Sein Pick-up brettert die Sandwege entlang, auf der Ladefläche schüttelt es ein Dutzend seiner Männer durch, jeder von ihnen hält eine Kalaschnikow in die Luft. Der Colonel bremst, steigt aus, schlurft in Flipflops über den Sand. Weiß das Haar, rund der Bauch im weißen Unterhemd, die Militärjacke offen. Er zündet sich eine Dunhill an und malt mit einem der Flipflops ein Muster in den Sand. "Alle hier kennen die Drogenhändler. Jeder weiß, wer sie sind und wo sie sind, aber keiner verhaftet sie." Sage das nicht alles über den Kampf der Regierung gegen die Narcos? "Früher gab es noch Leute, die ausgepackt haben. Jetzt ist jeder dabei, von oben bis unten." Die Terroristen mache das nur stärker. "Und die sind die größte Gefahr, bei uns in Mali oder bei euch in Europa."

Hamburger Hafen, Terminal O'Swaldkai

Stephan Warda, Ermittler des Zollfahndungsamtes Hamburg, lässt seinen Blick über Containertürme schweifen. Er weiß: Viele von ihnen haben Kokain geladen, der Hamburger Hafen ist der Ort, an dem das meiste Rauschgift in Deutschland ankommt. Nur: In welchen Containern könnte es stecken? Tag für Tag arbeitet sich Warda durch Frachtlisten. Kommt ihm etwas verdächtig vor, schickt er den Container durch einen Röntgenapparat, die sogenannte Containerprüfanlage, die einzige, die es in Deutschland gibt. Ansonsten arbeiten Fahnder mit mobilen Apparaten, die sind aber lange nicht so effektiv.

Die Ermittler stellen zwar wachsende Mengen Kokains sicher, aber den größten Teil können sie nicht finden. "Die Hamburger Anlage schafft es, acht Container pro Stunde zu durchleuchten", sagt Warda. Das ist nicht viel angesichts der 4,5 Millionen Container, die jährlich im Hamburger Hafen ankommen. "Auf ein Schiff passen 10.000 Container, manche können bis zu 20.000 laden. Und in einem Container kann man schon eine ganze Menge verstecken", sagt Warda. Erfolge wie der von dieser Woche, ein Fund von mehreren Tonnen Heroin, sind einsame Rekorde im Hamburger Hafen.

In einer globalisierten Weltwirtschaft mit ihrem ungeheuren, ununterbrochenen Warenstrom von einem Winkel der Erde zum nächsten kann kein Zollamt und keine Polizei den Transport eines Handelsguts unterbinden. Noch dazu eines solchen, das so profitabel ist wie Kokain.

Berlin, Kreuzberg

Daheim angekommen, legt der Berliner das Kokain auf den Wohnzimmertisch. "Würde man Kokain legalisieren, verlören die Kriminellen ihr Geschäft", sagt er. Kokain könnte gehandelt werden wie Tabak. Und trotzdem ist er nicht sicher, ob er für die Legalisierung sein soll. "Bei Marihuana ja. Aber Kokain? Ich merke es an mir selber, wenn ich mehr konsumiere, werde ich großkotziger, weniger sozial. Wäre Kokain legal, wir hätten nicht nur ein gesundheitliches Problem, es gäbe auch mehr Gewalt." Am besten, sagt er, wäre es, nicht zu koksen. "Aber wer von uns kriegt das hin, stets so zu leben, wie es gut wäre." Bisschen Dilemma ist immer. Ihm sei bewusst, dass das nicht zusammenpasse: Vegetarismus und Drogen. "Oder vielleicht doch, vielleicht bin ich ja ein Mensch der Extreme."

Die Wege des Kokains sind verschlungen, kaum ein Konsument weiß so recht, woher der Stoff stammt, den er sich durch die Nase zieht. Das macht es leichter zu sagen: Was habe ich mit den Missständen der Welt zu tun? Nun, wie sich zeigt, eine ganze Menge.

Mitarbeit: André Cran, Shanna Hanbury, Paul Mben, Humberto Monteiro