Am 15. Dezember 2015 verschwindet am helllichten Tag ein wertvolles Kunstwerk aus einem Ausstellungsraum des Museums Berlinische Galerie in Berlin-Kreuzberg. Zwei Jahrzehnte lang hat es an der Wand gehangen, geschützt von Plexiglas, bewundert von Kunstliebhabern, Touristen und Schulklassen. Es ist kein Gemälde, sondern ein sogenanntes Relief, eine Skulptur, nicht aus Stein oder Metall, sondern aus dunklem Holz, zusammengesetzt aus dem Deckel eines Cellokastens, bestückt mit einer grünen und einer gelben Holzkugel, den Tasten eines Klaviers, den Teilen einer Geige. Betrachtet man dieses Werk mit leicht zusammengekniffenen Augen, scheint sich der Cellokasten auf wundersame Weise in die Umrisse eines Mannes mit Hut zu verwandeln, eines Musikanten vielleicht.

Ohne Titel (Synthetisches Musikinstrument), so heißt die Skulptur, das stand auf einem Schild an der Wand des Ausstellungsraums, darüber der Name: Wladimir Wassiljewitsch Lebedew, ein russischer Maler und Grafiker, 1891 geboren, 1967 gestorben. Lebedew illustrierte Plakate, Bücher und Zeitschriften. Berühmt wurde er vor allem durch seine Bilder für Kinderbücher, doch in seinen frühen Jahren schuf er auch Collagen aus Holz und gefundenen Dingen. Irgendwann Anfang der zwanziger Jahre schnitzte, sägte und leimte er das Musikinstrument zusammen.

Zumindest glaubten das die Besucher der Berlinischen Galerie, genau wie die Kunden des Museumsshops, wo es Postkarten mit einer Abbildung des Musikinstruments zu kaufen gab. Auch die Direktoren des Museums glaubten es, die Feuilletonisten, die Auktionshäuser, die ganze Welt glaubte es, jedenfalls die Kunstwelt.

In einem Katalog der Berlinischen Galerie aus dem Jahr 2002 heißt es zum Gesamtwerk von Lebedew: "Unter seinen freien vom Kubismus beeinflussten Arbeiten ragt das Relief des Synthetischen Musikinstruments durch seine betonte Dreidimensionalität als Sonderfall heraus."

300.000 Euro, auf diesen Betrag wurde der Wert des Reliefs zuletzt 2001 bei einer Ausleihe beziffert, jedenfalls ungefähr, denn mit den Preisen von Kunstwerken verhält es sich wie mit den Preisen von Aktien oder Immobilien, sie verändern sich ständig. Meistens steigen sie.

Im Spätherbst 2015 aber steigt der Wert des Synthetischen Musikinstruments nicht mehr. Im Gegenteil, er fällt. Auf null. Das jahrelang bewunderte Kunstwerk, kurz zuvor noch so teuer wie eine Zweizimmerwohnung in Berlin-Mitte, ist plötzlich nur noch ein Stück Sperrmüll. Es verschwindet aus dem Ausstellungsraum im ersten Stock.

Das Musikinstrument wird nicht etwa gestohlen. Der Leiter des Museums lässt das wertlos gewordene Werk entfernen. Denn das Synthetische Musikinstrument, so hat sich kurz zuvor herausgestellt, stammt gar nicht von Wladimir Wassiljewitsch Lebedew. Es ist eine Fälschung.

Und es ist nicht die einzige. Die Berlinische Galerie ist nur einer der Schauplätze in diesem ungewöhnlichen Kriminalfall, in dem es nicht um Raub geht, sondern um Betrug, um einen der größten Fälschungsskandale der Nachkriegszeit. Museen und Galerien wurden hintergangen, auch Händler und Sammler, die für die fraglichen Werke viele Millionen Euro bezahlten.

Ich recherchiere diesen Fall seit fast zwei Jahren. Neben der Berlinischen Galerie bin ich auch bei Christie’s, dem umsatzstärksten Auktionshaus der Welt, auf verdächtige Werke gestoßen. Mutmaßliche Fälschungen sind zudem in Museen wie der Villa Stuck in München und der ehrwürdigen Albertina in Wien aufgetaucht. Sie hängen – noch heute – im Lehmbruck Museum in Duisburg. Obwohl es zahlreiche Hinweise gibt, dass es sich um Fälschungen handelt, werden sie dort weiterhin als Originale betrachtet. Es ist, als wollten sich manche Museumsdirektoren und Galeristen nicht von dem Gedanken lösen, dass das, was einst so wertvoll war, tatsächlich echt sein müsse.

Der mutmaßliche Täter war stets Teil dieser Kunst-Welt, und er ist es noch heute. Jahrzehntelang haben er und seine inzwischen verstorbene Mutter mit Bildern, die sich jetzt als gefälscht herausstellten, ihre Geschäfte betrieben. Sein Name ist auf dem Kunstmarkt bekannt, auch bei der Polizei, trotzdem wurde er bisher nicht angeklagt. Auch das macht den Fall so bemerkenswert.

Den ersten Hinweis auf einen Fälschungsskandal bekam ich im Herbst 2015. Damals erzählte mir eine Auktionatorin von einem Mann, der behaupte, in der Berlinischen Galerie unglaubliche Betrügereien entdeckt zu haben. Sein Name sei Hendrik Berinson.

Berinson ist ein Berliner Kunsthändler, ich besuchte ihn in seiner damaligen Galerie in der Lindenstraße in Kreuzberg. Wir setzten uns in sein Büro, hinter dem Schreibtisch baumelte ein Hampelmann an der Wand, kein buntes Plastikspielzeug für Kinder, sondern ein abstrakter, eleganter Hampelmann aus Holz, geschaffen von dem 1933 gestorbenen Avantgardisten Franz Wilhelm Seiwert.

Berinson, ein 56-jähriger Mann mit tiefschwarzem, von silbernen Strähnen durchzogenem Haar, ist eine außergewöhnliche Figur im oft so betulichen Kunstmarkt. Bei unserem Gespräch trägt er eine durchlöcherte Jacke, die er mitunter auch anhat, wenn er in einem Auktionssaal ein Kunstwerk für eine halbe Million Euro ersteigert.

Schon als Teenager begann Berinson, Kunst zu sammeln. Er kaufte damals vor allem Fotografien. Als er genug beisammenhatte, flog er nach New York und verkaufte sie mit Gewinn weiter. So geht es im Prinzip bis heute, nur dass er inzwischen auch mit Gemälden handelt und dass er nicht mehr nach New York reisen muss, um gute Geschäfte zu machen. Die Käufer kommen jetzt zu ihm. Berinson hat in seinem Handy die Namen Hunderter Sammler und Kunstexperten gespeichert.

Im Jahr 2007 hatte Berinson der Berlinischen Galerie für eine Sonderausstellung leihweise eine Collage der deutschen Dadaistin Hannah Höch (1889–1978) überlassen. Das Museum lud zur Vernissage, Berinson erschien, schlenderte durch die Räume, sah sich die Bilder an, stieß auf sein eigenes, betrachtete die Hannah-Höch-Collage, die daneben hing, sie zeigte einen Mann mit aufmontiertem Kinderkopf – und, man muss es so sagen, rastete aus. So berichten es Leute, die damals dabei waren, so erzählt er es selbst.

Inmitten der Ausstellungsbesucher begann Berinson zu toben. Er wolle nicht, dass sein Bild neben "so einer Scheiße" hänge, schrie er. Das sei eine Fälschung, jeder könne es sehen.

Aber niemand sah es, oder wollte es sehen. Die anderen Besucher runzelten die Stirn. Die Berlinische Galerie ließ das verdächtige Bild umhängen, weg von Berinsons Collage. Mehr geschah nicht. Berinson beruhigte sich und hatte Wichtigeres zu tun, als die Sache weiterzuverfolgen.