Wenn sie an die Unendlichkeit denkt, braucht Monika Ludwig Ruhe, viel Ruhe. Im Büro der Mathematikerin an der TU Wien sind nur das Summen der Klimaanlage und die Lüftung des Computers zu hören. Es gibt nicht viel in dem Raum, das die Konzentration stören könnte, einen Schreibtisch, ein paar Bücher, wenige Bilder und eine Sitzecke. Nichts davon ist sonderlich repräsentativ, nur zweckmäßig. Die 50-Jährige blickt an die Decke und wirkt für einen Moment, als sei sie mit ihren Gedanken sehr weit weg. "Es ist oft schwierig abzuschalten", sagt sie. Die Zahlen spuken einem im Kopf; Gleichungen und Theoreme lassen sich nicht wegschieben, bloß weil der Computer heruntergefahren wird. "Ich versuche, zumindest am späten Abend nicht mehr an die Probleme zu denken, sonst kann ich nicht schlafen."

Mathematik ist überall. Ohne sie ist technischer Fortschritt unmöglich – ob die Erforschung der kleinsten Bausteine der Materie, Flüge zum Mars oder Internet-Suchmaschinen, alles basiert auf dieser Sprache des Universums. Mathematik sei eine der wichtigsten Kenntnisse für die Arbeitswelt der Zukunft, meint Bill Gates. Und Florian Gschwandtner, österreichischer Unternehmer und Gründer der Fitness-App Runtastic, sagte vor Kurzem: "Wer Mathematik lernt, wird Erfolg haben."

Seit sieben Jahren ist Monika Ludwig Professorin für Mathematik an der TU Wien, sie ist eine der Besten ihres Fachs. Ihre Spezialgebiete: Geometrie und diskrete Mathematik. Wobei diskret nicht vertraulich meint, sondern Teildisziplinen wie Kryptografie, Zahlen-, Spiel- und Informationstheorie umfasst.

Trotz der Allgegenwärtigkeit der Mathematik sind Forscher, die sich in sie vertiefen, selten öffentliche Figuren. Diese Wissenschaft kennt keine Popstars. Mathematiker sind Grübler, Eigenbrötler und wissen nur selten, ob ihre Erkenntnisse die Welt verändern oder unbeachtet bleiben werden – es kümmert sie auch recht wenig.

Es sind die mathematischen Rätsel, die Menschen wie Monika Ludwig antreiben, nicht die Fragen nach deren Nutzen. "Man denkt über Dinge nach, sieht ihre Schwierigkeit und sucht nach einer Möglichkeit, um sie zu lösen", sagt Ludwig. "Diese intellektuellen Gebäude, die Beweisführungen, die sind richtig schön."

Keine Entdeckung von ihm habe je das Wohlergehen der Welt beeinflusst, soll der britische Mathematiker Godfrey Harold Hardy einmal gesagt haben. Der Pazifist wollte Mathematik um ihrer selbst willen betreiben und vor allem nicht dem Militär dienen. Dumm nur, dass seine Überlegungen zur Zahlentheorie nach seinem Tod im Jahr 1947 in der Kryptografie angewandt wurden.

"Es ist als Mathematiker schwierig, wirklich unnütz zu sein, sogar dann, wenn man es wie Hardy darauf anlegt", sagt Monika Ludwig und lacht. "Motiviert werden wir aber nicht von den Anwendungsmöglichkeiten. Es stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, was von dem, was wir tun, nützlich ist und was nicht."

Das Netflix-Problem lässt sich geometrisch lösen

Ludwig galt früh als Talent, wurde in den neunziger Jahren von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als eine der besten Forscherinnen unter 30 Jahren ausgezeichnet, hatte einen Lehrstuhl an der New York University und ist Fellow der American Mathematical Association.

Geboren wurde sie 1966 in Köln, bald zogen ihre Eltern, der Vater war technischer Ingenieur, mit den drei Kindern aus beruflichen Gründen nach Kärnten. Die deutschen Wurzeln sind noch an ihrem Zungenschlag zu hören, der Kärntner Dialekt hat sich nicht durchgesetzt.