Kindern wird nicht geglaubt

Der Schulleiter Klaus Mertes beklagt, dass Räume des Vertrauens fehlen

Ich erinnere mich noch genau an jenen Besuch in Regensburg: Mai 2015. Ich war eingeladen von der "Laienverantwortung Regensburg", einem Verein engagierter Katholiken, die sich zusammengeschlossen hatten, nachdem ihr Bischof Müller die kirchlichen Laiengremien zerschlagen hatte. Nun sollte ich über Vertrauen in der Kirche sprechen. Im Raum waren auch Betroffene von Missbrauch, ehemalige Regensburger Domspatzen. Ein Zuhörer stellte mir die "Regensburger Frage": Wie sei die Aufklärung von Missbrauch zu vereinbaren mit der Unschuldsvermutung für die Beschuldigten?

Meine Antwort: "Man muss sich entscheiden, den Opfern zu glauben." Aus der Missbrauchsaufarbeitung wusste ich, ein betroffenes Kind muss im Durchschnitt siebenmal sprechen, bis man ihm glaubt. Natürlich sind Falschbehauptungen oder gar Verleumdungen nicht zu dulden. Aber der erste Bericht des Opfers und die Entscheidung eines Verantwortlichen, ihm zu glauben, bedürfen eines geschützten Vertrauensraumes.

Nein, das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung ist damit nicht infrage gestellt. Aber große Institutionen wie die Kirche oder die Bundeswehr machen es sich zu leicht, wenn sie die Aufklärung von Missbrauch allein den Juristen überlassen. Die klären oft nicht auf, sondern weisen Klagen nur als verjährt zurück. Sie müssen Angeklagte oft freisprechen, ohne damit zu behaupten, dass die Anklage falsch sei. Das ist für Betroffene schwer erträglich, wenn auch im Sinne des Rechtsstaates richtig. Übrig bleibt der vorjuristische Raum des Vertrauens. Er ist unverzichtbar. Opfer müssen darauf vertrauen dürfen, dass man ihnen vertrauensvoll zuhört, nicht nur formaljuristisch korrekt. Ihnen auch ohne gerichtsfeste Beweise zu glauben kann gute Gründe haben. Der neue Bericht über die Regensburger Domspatzen gibt Auskunft über entsprechende Plausibilitätskriterien. Das ist eine seiner Stärken. Die Kriterien schließen auch die Möglichkeit ein, jemandem nicht zu glauben. Die Entscheidung aber nimmt uns kein Jurist ab. Wir Verantwortlichen (ob Lehrer, Eltern, Bischöfe) müssen den Opfern zuhören und selbst entscheiden.

Das Ordinariat schaute weg

Die Reformkatholikin Sigrid Grabmeier kritisiert die Bistumsleitung

Im Jahr 2002 richteten wir ein bundesweites Notruftelefon ein. Wir, das waren die katholischen Laien der Reformbewegung "Wir sind Kirche". Das Telefon sollte den Betroffenen von Gewalt und Missbrauch helfen. Wir hatten es zehn Jahre lang in Betrieb, bis die Deutsche Bischofskonferenz endlich selbst einen Notruf einrichtete. Unsere Erfahrung: Wer immer anrief, ob Mann oder Frau, alt oder jung, war dankbar für das Gefühl: "Mir wird geglaubt!"

Genau das war ja das Problem, dass den Opfern innerhalb einer Institution wie der Kirche Misstrauen entgegenschlug. Wer glaubte schon an die Schuld eines Priesters? Das spürten die Betroffenen. Sie verschlossen das Erlebte in ihrer Seele. So dauerte es viel zu lange, bis auch in Regensburg Gewalt in kirchlichen Einrichtungen zum Thema wurde. Zu spät widmete sich die Bistumsleitung den Opfern. Auch nachdem die Bischofskonferenz 2002 ihre Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt herausgab, ließ die Bistumsleitung unter Gerhard Ludwig Müller die Opfer allein im Kampf um ihr Recht: Für die Taten sollten sich die Täter verantworten, nicht die Kirche. Heute sind Ortsnamen wie Viechtach, Riekofen, Falkenstein, Nittenau verbunden mit Vorwürfen sexueller Gewalt durch Seelsorger. Deren Taten waren im Ordinariat bekannt, doch sie durften weiter arbeiten. Das war nur möglich durch Wegschauen und Verheimlichen im Ordinariat. Mit der gleichen Konsequenz, mit der das System Domspatzen aufgeklärt wurde, muss das auch mit Fällen sexueller Gewalt in anderen kirchlichen Einrichtungen geschehen.

Berührt hat mich der Besuch von Klaus Mertes in Regensburg 2015. Als er über seine Erfahrung mit Opfern sexueller Gewalt sprach, standen zwei ehemalige Domspatzen auf und sagten unter Tränen: Sie hätten sich jemanden wie Pater Mertes gewünscht, der ihnen zuhörte und glaubte. Der Rechtsanwalt und Ermittler Ulrich Weber war auch zugegen und fragte, wie man bei der Aufarbeitung objektiv bleiben könne. Pater Mertes antwortete: "Da kann man nicht objektiv bleiben. Da kann man sich nur auf die Seite der Opfer stellen."

Prügel waren ein offenes Geheimnis

Der Präventionsexperte Hans Zollner über das Schweigen in der Stadt

Ich bin in Regensburg geboren, jener Stadt, in der Joseph Ratzinger Theologieprofessor war und Gerhard Ludwig Müller Bischof. Die Diözese ist fast 1.300 Jahre alt. Dort lebt ein konservativer Menschenschlag mit Bodenhaftung, dort gab es in meiner Kindheit aber auch Proteste gegen Wackersdorf, und in meiner Schule dominierten junge linke Lehrer, die Willy Brandt verehrten. Mein Vater war Metzger. Zu Hause und in der Kirche habe ich eine volksnahe Frömmigkeit kennengelernt – ohne Klerikalismus. Doch nun steht Regensburg als Chiffre für klerikale Gewalt gegen Kinder. Wann habe ich zum ersten Mal gehört, dass es bei den Domspatzen gewalttätig zugeht?

Ende der siebziger Jahre. Ich hatte einen Freund, der aufs Domgymnasium ging und erzählte: Dort wird geprügelt! Kinder wussten es, Eltern wussten es. Es war ein offenes Geheimnis. Warum kommt erst jetzt heraus, was den Domspatzen geschah? Als Ordensmann beschäftige ich mich seit Jahren mit Missbrauchsprävention. Ich habe ein Centre for Child Protection gegründet und gehöre zur päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen. Doch das Ausmaß des Verschweigens bleibt auch mir ein Rätsel. Ja: Schläge als Mittel der Erziehung waren früher geduldet. Auch in der Kirche wurden die Klagen und das Leid von Kindern nicht ernst genommen. Zudem waren die Domspatzen eine Elite und ein Aushängeschild der Region. Gewiss gab es einen Korpsgeist und ein Wegschauen, die Gewalttäter schützten. Dass Joseph Ratzinger die Aufklärung bremste, kann man wahrlich nicht sagen: Er machte die Glaubenskongregation für Missbrauchsfälle zuständig, verschärfte Rechtsnormen, setzte einen harten Richter ein. Über Gerhard Ludwig Müllers Rolle in Regensburg weiß ich nicht Bescheid, aber in seinem Amt in Rom vertrat er beim Thema Missbrauch eine Null-Toleranz-Politik. Ich kann und will die Kirche nicht verteidigen. Denn das Leid der Opfer ist groß, ihr Zorn berechtigt. Soeben war ich mit einer Betroffenen in Singapur, dort sprach sie vor Priestern und Präventionsbeauftragten aus ganz Asien. Unsere Aufgabe jetzt ist: Die Opfer in ihrer Trauer, Wut, Einsamkeit, auch in ihrem Ringen mit Gott anzunehmen. Und für sie einzustehen.

Aus der Studie des Bistums Regensburg:

"Verantwortlich für die Taten sind 49 als hoch plausibel eingestufte Beschuldigte"

"547 Domspatzen-Schüler wurden Opfer körperlicher und oder sexueller Gewalt"

"Nahezu alle Verantwortungsträger hatten zumindest ein Halbwissen über Gewaltvorfälle"

"In der Vorschule dominierten Gewalt, Angst und Hilflosigkeit"