Die Nerven liegen blank. Es ist ein historisches Ereignis, dass ein Star der internationalen Klassikszene wie Riccardo Muti mit Mitgliedern des Tehran Symphony Orchestra arbeitet. Die Absagen des iranischen Staatsministeriums für Kultur und islamische Führung aber sind berüchtigt. Vor zwei Jahren erst erwischte es Daniel Barenboim (wegen seines "zionistischen" Passes). Trotz zusätzlicher Unwägbarkeiten wie der Präsidentschaftswahl im Mai oder dem Terroranschlag in Teheran Anfang Juni geht diesmal alles glatt: 50 Musiker des italienischen Ravenna Festivals setzen sich in Bewegung, um im Rahmen ihres "Roads of Friendship"-Projekts 54 iranische Kollegen zu treffen.

Tag eins

Beim Anblick der Stewardessen der Fluglinie Iran Air weiß man plötzlich wieder, woher die Macher der amerikanischen TV-Serie I Dream of Jeannie Ende der sechziger Jahre ihre Inspiration bezogen, zumindest was die Kopfbedeckung betrifft. Der US-Astronaut (Larry Hagman) findet auf einer einsamen Insel einen Flaschengeist, der sich als weiblich, blond und sexy entpuppt und allerlei Schabernack treibt. Nur leider sind die iranischen Stewardessen nicht ganz so gut aufgelegt wie seinerzeit Barbara Eden. Obwohl die Maschine halb leer ist, dürfen die Plätze nur widerwillig gewechselt werden, und wer seine Decke am Ende nicht ordentlich zusammenlegt, wird ermahnt. 1967, als die Bezaubernde Jeannie die deutschen Wohnzimmer eroberte, ließ Farah Diba in Teheran ein Opernhaus mit rund 700 Plätzen bauen, und alle traten sie hier auf, Yehudi Menuhin, Herbert von Karajan und Maurice Bejart. Klassische Musik sollte, wie im Westen, ein Lebensmittel werden. Heute dient das Opernhaus dem Tehran Symphony Orchestra als Konzertsaal und ist natürlich viel zu klein.

Auf der Flugroutenkarte des Bordmagazins von Iran Air sind die Flüsse dicker eingezeichnet als die Ländergrenzen. Weil Aras, Euphrat, Nil, Wolga und Donau immer bleiben, ganz gleich, welcher politische Irrsinn in der Welt tobt? Das Visum-on-Arrival-Prozedere am Imam Chomeini International Airport entpuppt sich als harmlos. Weder werden Fotos mit Kopftuch benötigt (vielleicht sind kurze Haare so gut wie ein Rusari?), noch möchte jemand die Auslandskrankenversicherung sehen. Im Hotel aber, das seine futuristische Faust hoch über der Stadt im Norden ballt, am Fuß des Elbursgebirges, wird der Pass gleich eingezogen. Gruppe ist Gruppe, da gibt es keine Ausreißer. Und Klassik gilt als Staatsangelegenheit. Der nächtliche Begrüßungsdrink schmeckt bittersüß.

Tag zwei

Schon in der Frühe versinkt Downtown Teheran unter einer heißen ockergelben Smogplatte. Italienische Musiker erzählen beim Frühstück, dass ihre iranischen Kollegen bestenfalls spielen würden, was in den Noten steht: "Sie hören nicht auf die Musik." Und Temperament hätten sie auch keins. Das klingt natürlich arrogant, und gesagt haben will es niemand – zumal es bei den "Roads of Friendship" nicht um Fragen der Kunst geht, sondern darum, mit der Musik durch ein interkulturelles Nadelöhr zu schlüpfen. Auch die Sowjets hätten Dissidenten in die Gulags geschickt und gleichzeitig mit dem Bolschoi-Theater im Westen Devisen gescheffelt, ätzte die New York Times, als das Tehran Symphony Orchestra 2010 eine staatlich finanzierte Europa-Tournee absolvierte: Man möge sich hüten, auf dem politisch-moralischen Auge zu erblinden, nur weil man es mit "seriöser" klassischer Musik zu tun habe! So weit, so westlich gedacht. Doch was wäre die Alternative? Stillhalten, bis alle Mauern von selber fallen – oder eben nicht?

Der Vergleich zwischen der UdSSR und dem Iran hinkt schon deshalb, weil Teherans Symphoniker keine künstlerische Exzellenz zu bieten haben. Nach der Islamischen Revolution 1979 wurde das Orchester mehrfach aufgelöst und wiedergegründet, hatte oft zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Daran änderten auch die homöopathischen Reformbewegungen im Gottesstaat nichts. Musik, heißt es, dränge sich zwischen die Gläubigen und Allah und verunreinige die Gedanken. Instrumente dürfen im iranischen Staatsfernsehen nach wie vor nicht gezeigt werden, bei Konzertübertragungen (die es gibt!) werden sie herausgeschnitten oder von Arabesken überblendet.

Wir fahren Bus, eine Handvoll internationaler Journalisten, die sich als solche besser nicht zu erkennen geben, und ein paar Muti-Aficionados. Mit dem Bus durch Teheran, die Welthauptstadt des Dauerverkehrsinfarkts. Wir fahren Bus, weil wir beschäftigt werden sollen. In der Literatur oder im Film mag es Off-Szenen geben, eine sklavensprachliche Verständigung über Kunst, die Eingeweihte zusammenschweißt. In der Musik existiert das nicht, schon gar nicht, wenn sie, wie hier, bilateral organisiert wird. Nun denn: erstes Museum, zweites Museum, auf der Rückfahrt ins Hotel ein drittes – und den Kaiserpalast nicht zu vergessen. Selbst das Mittagessen bleibt so auf der Strecke. Unsere Aufpasser sind zufrieden.

Am Straßenrand prangt jede Menge Staatspropaganda, die Konterfeis der beiden Religionsführer Ruhollah Chomeini und Ali Chamenei, Generale mit MPs im Anschlag – und plakatgroße Anti-Trump-Karikaturen. Eine iranische Friedenstaube, die von Trump und den Saudis vom Sockel gezerrt wird; eine mit Raketen gespickte Freiheitsstatue; der Präsident, wie er vor einem mit Geldbüscheln wedelnden Scheich im Staub kriecht. Wäre Teheran nicht ein so gesichtsloser, sich selbst verachtender Moloch, Zeichnungen wie diese würden wenig Effekt machen. So aber stechen sie allein durch ihre Akkuratesse heraus, ihren spitzen Strich.