Was für ein Desaster war dieser G20-Gipfel für Wladimir Putin: beim Gruppenfoto an den Rand geschoben, am großen Tisch beim Essen nahezu allein und allenthalben unangenehme Gespräche über den Krieg in der Ukraine. "Er hatte die Nase voll", schrieb der Korrespondent der russischen Zeitung Kommersant. Das gemeinsame Frühstück schwänzte der russische Präsident. Er reiste ab. Das war im Herbst 2014 in Australien. Drei Jahre und einen Donald Trump später erlebt Wladimir Putin seine außenpolitische Wiederkehr. Wie konnte es dazu kommen?

Geht doch!

Daheim in Russland häufen sich landesweit Proteste, ganze 662 waren es im ersten Halbjahr 2017: Jugendliche protestieren gegen die grassierende Korruption; Moskauer Mieter erheben sich gegen den Abriss ihrer Häuser; Lkw-Fahrer begehren gegen die Maut auf; Bedürftige protestieren gegen Kürzung von Sozialleistungen; Arbeiter streiken, weil sie nicht bezahlt werden.

Außenpolitisch jedoch läuft dieses Jahr hervorragend für Wladimir Putin. Es ist womöglich sein bestes seit Langem: Die Herrschaft seines Schützlings Assad in Syrien ist vorerst gesichert. An den Krieg in der Ukraine haben die Europäer sich gewöhnt, da sie ihn nicht zu stoppen vermögen; eine künftige östliche EU-Erweiterungsrunde hat sich damit auf absehbare Zeit erledigt; gerade erst hat einer der von Russland gestützten Separatistenführer in der Ostukraine ein "Kleinrussland" ausgerufen, das nach seinen Wünschen bald die gesamte Ukraine umfassen soll – Entspannung sieht anders aus. Die Türkei, mit der Putin sich über Syrien verfeindet hatte, wurde blitzschnell vom Gegner zum Partner, seit Erdoğan sich vom Westen verraten fühlt. Der türkische Präsident verbot sich im Interview mit der ZEIT gar, ihn vor die Wahl zu stellen, zu wem er mehr Vertrauen habe: Putin oder Trump. Die westlichen Sanktionen seit der Ukrainekrise setzen Russland zwar zu, aber wie oft werden die Europäer sie wohl noch in Einigkeit verlängern?

Und dann kam noch die erste persönliche Begegnung zwischen Donald Trump und Wladimir Putin beim G20-Gipfel in Hamburg hinzu, wo beide zusammen eine teilweise Waffenruhe für Syrien verkündeten. Über zwei Stunden hatten sie miteinander geredet statt der verabredeten 30 Minuten! Daheim feierten die russischen Staatsmedien Russlands Rückkehr auf die internationale Bühne. Das Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda bemühte historische Reminiszenzen: "Das Treffen an der Elbe" – frei nach der Begegnung zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten 1945 in Torgau.

Amerika als Obsession

Die USA sind der Fixpunkt von Putins Außenpolitik. Kein anderes Land ist so präsent im Staatsfernsehen wie dieses. Keine andere Nation dient der russischen Regierung so sehr als Maßstab wie die Vereinigten Staaten, die Russland angeblich permanent bedrohen, herausfordern und demütigen. "Würde Amerika sich in Luft auflösen", so spitzt es die russische Politologin Lilija Schewzowa zu, "dann verschwände die russische Außenpolitik komplett."

Die russische Elite ist fixiert auf Amerika, schillernd zwischen Dämonisierung und klammheimlicher Bewunderung, zwischen Bedrohungsängsten und dem Wunsch nach Anerkennung. Ob diese Anerkennung auf dem Weg der Partnerschaft oder durch Furcht zustande kommt, ist zweitrangig. Von den Amerikanern für voll genommen zu werden, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen: Neben der Sicherung der russischen Einflusszone ist dies Putins wichtigster außenpolitischer Antrieb. Russland führt Krieg in Syrien und in der Ukraine – und doch hat Putin seit Trumps Amtsantritt in seinen Reden kein anderes Land häufiger erwähnt als die USA. Die russische Medienholding RBK hat nachgezählt: 88 Mal.

Immer wenn es innenpolitisch schwierig wird, häufen sich die Berichte im Staatsfernsehen über Einmischungsversuche aus den USA, über die Aktivitäten des Investors George Soros, über amerikanische Stiftungen und ihre klandestinen Versuche, Putin zu stürzen. Niemand eigne sich für die Rolle des Erzfeindes besser als die USA, schreibt Lilija Schewzowa. Polen und Russlands andere westliche Nachbarn seien einer Großmacht als Feind unwürdig. Deutschland brauche man für die Gas- und Ölgeschäfte, ebenso China.

Bleibt Amerika, das sich in dieser Rolle auch schon seit dem Kalten Krieg historisch bewährt hat. Und das seit der vergangenen Präsidentschaftswahl seinerseits obsessiv auf Russland fixiert ist.

Trump in Putins Schatten

Seit seinem Wahlsieg wird Donald Trump den Verdacht nicht los, er habe von russischen Spionageaktionen profitiert, ja sein Team habe womöglich aktiv russische Hilfe in Anspruch genommen. Das Thema klebt an fast jedem Tweet, den er absetzt: sein Jubel, als der Server der Demokraten gehackt wurde; die öffentliche Aufforderung an die Russen, Clintons E-Mails zu hacken; kumpelige Fotos vom einem Treffen mit russischen Diplomaten im Weißen Haus, bei dem keine amerikanischen Journalisten zugelassen wurden, aber ein russischer Fotograf; verheimlichte Kontakte von Trumps Team mit der russischen Seite, bei denen die Sanktionen gegen Russland besprochen wurden; die Entlassung des FBI-Chefs James Comey, der davon überzeugt ist, dass Russland sich massiv bei der Präsidentschaftswahl eingemischt hat. Kaum ist ein Sprengsatz in der endlosen Russland-Saga entschärft, geht bereits die nächste Bombe hoch.