Am steilen Hang des Horstbergs in Sachsen-Anhalt steigt eine Gruppe durch dorniges Gebüsch. Oft sind es Geologen, die dem seltsamen Kalksteinhügel am Rande des Harzes mit Hammer und Lupe zu Leibe rücken und von hier auf die berühmte Harznordrandverwerfung schauen. Doch dieses Grüppchen ist ohne Hammer unterwegs. Wohl aber mit Lupe. Und Schere. Einige aus der Gruppe sind Hunderte, einer ist Tausende von Kilometern angereist.

Kerstin Flath ist aus Kleinmachnow gekommen, bei Berlin. Dort leitet sie die Arbeitsgruppe Getreidekrankheiten am Julius Kühn-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Ihr Spezialgebiet: Getreideroste, eine Gruppe von Schadpilzen, die verschiedene Getreide befallen. Ursprünglich war sie nur für Mehltau zuständig, die Roste hat sie sich freiwillig dazugeholt, aus Interesse und weil sie noch Luft hatte, wie sie sagt. Und ohne zu ahnen, wohin sie das führen würde. Auf dem Horstberg steht sie an diesem Tag wegen des Weizenschwarzrosts – ein unerwarteter Kandidat, denn eigentlich ist diese Krankheit in Deutschland seit Jahrzehnten kein Problem mehr.

Früher, ja. Früher hatten die Bauern durch den Schwarzrost verheerende Verluste, nicht nur in Deutschland. Weltweit gab es immer wieder Schwarzrost-Epidemien im Weizen, die ganze Ernten vernichteten. Doch dann gelang es Züchtern in den fünfziger und sechziger Jahren, aus verwandten Gräsern und anderen Getreiden neue Resistenzgene in den Weizen einzukreuzen, die ihn vor der Krankheit schützten. Der Weizenschwarzrost schien Geschichte. Bis zum Jahr 1998.

Dann kam Ug99.

Hinter dem kryptischen Namen steckt eine neue Schwarzrost-Rasse, die man ohne Übertreibung auch "Das böse Erwachen" hätte taufen können. Ug99 ist virulenter als alle Schwarzroste, die man bisher kannte. Er setzt sich über die meisten Resistenzen einfach hinweg, auch über solche, die sich seit Jahrzehnten im Weizen gehalten haben.

Entdeckt wurde der neue Pilz 1998 in Uganda, offiziell benannt 1999, daher der Name: Ug für Uganda, 99 für das Jahr. Seitdem hat er sich über Tausende von Kilometern verbreitet – im ganzen östlichen Afrika von Südafrika bis Ägypten und weiter in den Nahen Osten über den Jemen bis in den Iran. Das geschah innerhalb weniger Jahre – für einen Pilz ist das rasend schnell. Züchter, Bauern und Wissenschaftler waren alarmiert. Mehr als 80 Prozent aller Weizensorten weltweit waren 2008 anfällig für den Pilz. Inzwischen gibt es einige neue resistente Sorten. Doch wenn Ug99 morgen in einer der großen Kornkammern der Welt landen würde, in Indien oder China etwa, dann wäre das eine Katastrophe.

Auch in Deutschland sind viele Weizensorten anfällig für Ug99. Trotzdem fühlte man sich hier lange sicher. Ug99 galt als wärmeliebend und der deutsche Sommer als zu unwirtlich für den Pilz. Doch dann, 2013, tauchte in Deutschland zum ersten Mal wieder Schwarzrost im Weizen auf. Und zwar am Fuße des Horstbergs, im Zuchtgarten von R.A.G.T. Saaten, einem der führenden Pflanzenzuchtbetriebe in Europa. Dessen beiden Chef-Weizenzüchter Hilmar Cöster und Uta Liesenberg stehen mit der Besuchergruppe im Gestrüpp. Beide sind seit Jahrzehnten im Geschäft, aber Schwarzrost hatten sie bis 2013 noch nie gesehen. "Es war schon relativ spät im Jahr", erzählt Uta Liesenberg. "Wir waren im Feld bei der Qualitätsprüfung und hatten eigentlich ganz andere Krankheiten im Blick. Und dann waren da diese schwarzen Pusteln." – "Die mussten wir erst mal nachschlagen", ergänzt Cöster. Doch es gab keinen Zweifel. "Es war wie im Lehrbuch. Wir hatten Schwarzrost." Innerhalb weniger Wochen gab es ein gutes Dutzend weiterer Meldungen von Schwarzrost-Befall, vor allem aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, aber auch aus Thüringen, Sachsen und Brandenburg.

Alle bis dahin existierenden Meldungen liefen damals bei Kerstin Flath in Kleinmachnow zusammen. "Wir waren natürlich alarmiert", sagt sie. "Aber erst mal auch ziemlich hilflos. Wir wussten ja nichts über den Pilz zu dem Zeitpunkt. Was ist das für eine Rasse? Wo kommt die her? Wie schädlich ist sie? Ohne diese Informationen konnte ich den Züchtern kaum etwas Nützliches sagen."

Dazu muss man wissen: Pilz ist nicht gleich Pilz. Es gibt viele verschiedene Schwarzrost-Rassen, die sich erheblich unterscheiden können. Manche sind harmlos. Andere – wie Ug99 – sind katastrophal. Entwarnung oder Katastrophe, das sieht man dem Pilz von außen erst einmal nicht an.

Als Ug99 in Afrika entdeckt wurde, gab es weltweit nur noch eine Handvoll Schwarzrost-Experten. Die Krankheit galt als bezwungen, darum hatten die meisten Forschungseinrichtungen entschieden, ihre knappen Mittel für andere, akute Probleme einzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass wertvolles Wissen verloren ging.