Sie selbst nennt es Todeszone. Jenen Bereich, in dem es um das politische Überleben geht. Als Ursula von der Leyen zum ersten Mal in diese Todeszone vorgedrungen ist, sitzt sie an einem Sonntagmorgen 2012 in der kleinen Dorfkirche St. Pankratius im niedersächsischen Beinhorn. Ihre Tochter Gracia soll eine Woche später konfirmiert werden, Absprachen sind zu treffen, doch von der Leyen ist abgelenkt. Sie hat öffentlich angekündigt, einem SPD-Gesetz zur Frauenquote zustimmen zu wollen. Die Familienministerin tobt, die Unionsfraktion ist außer sich. Auf von der Leyens Mailbox laufen nun Nachrichten ein. Von Thomas de Maizière, von Peter Altmaier, von der Kanzlerin. Ihr ist klar: Gebe ich nach, verliere ich meine Glaubwürdigkeit; bleibe ich stur, meinen Job. Angela Merkel simst einen Kompromissvorschlag in die Kirche: Von der Leyen stimmt im Bundestag mit Nein, dafür kommt die Quote ins Wahlprogramm der Union. Merkel rettet damit ihre Arbeitsministerin. Sie hält an von der Leyen fest, weil sie die eigensinnige Quereinsteigerin noch braucht.

Fünf Jahre später ist von der Leyen zurück in der Todeszone. An einem Mittwochnachmittag sitzt sie im Büro der Verteidigungsministerin im Berliner Bendlerblock. Draußen vor der Tür tuscheln Politiker und Militärs, von der Leyens Zeit sei vorbei, sie komme nach der Bundestagswahl am 24. September nicht wieder. Es heißt, ihr Verhältnis zur Truppe sei "komplett zerrüttet". Wie kann man Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt (Ibuk) bleiben, wenn man das Gros seiner 250.000 Untergebenen, Soldaten wie Zivilisten, gegen sich hat? Von der Leyen sieht das anders. In ihren Augen sperrt sich eine konservative Minderheit gegen ihren Modernisierungskurs.

Im Kern sieht von der Leyen ihr Problem mit der Truppe also so wie ihr Problem mit der Partei: Ich bin da, wo die Moderne ist – und die anderen kommen nicht hinterher. Allerdings gibt es einen kleinen Unterschied: Die Kanzlerin hat noch keine Idee gesimst, die von der Leyen rettet.

Sollte ihre Zeit im Verteidigungsressort mit der Wahl enden, wird man exakt datieren können, wann dieses Ende begann: am 30. April 2017. An jenem Sonntag stellte die Verteidigungsministerin die Bundeswehr öffentlich an den Pranger.

Das Verteidigungsministerium steht im Ruf, ein Karriereschredder zu sein: Man geht als Hoffnungsträger rein und kommt als Rudolf Scharping wieder raus. Von der Leyen hat das nicht abgeschreckt, 2013 den Job anzutreten. Wer den Schredder überlebt, kann auch Kanzlerin. Von der Leyen weiß, dass in der Bundeswehr jederzeit etwas hochploppen kann, das geeignet ist, einen zu erledigen: ein Flugzeug, das dreimal so teuer geworden ist wie geplant, aber nur halb so viel kann. Soldaten, die Flüchtlingsheime anzünden. Tote Zivilisten. In den Tagen vor dem 30. April ploppte eine ganze Menge hoch. Etwa die Nachricht, dass ein Oberleutnant der Bundeswehr namens Franco A. einen Asylantrag als syrischer Flüchtling stellte, diesen bewilligt bekam und einen Anschlag plante. Auf Nachfrage bei der Truppe bekommt sie zu hören: unser bester Mann. Dann erfährt sie, dass dieser beste Mann eine völkisch-rassistische Masterarbeit an einer französischen Militärakademie einreichte. Und zuletzt, dass der Elitesoldat sich in der Kaserne mit Wehrmacht-Devotionalien schmückte und 1.000 Schuss Munition unterschlug. Auf Nachfrage, wo die 1.000 Schuss geblieben seien, heißt es: "Keine Ahnung."

Die Todeszone witternd, stellt sich von der Leyen am 30. April vor die Kameras von Berlin direkt und fällt ein vernichtendes Pauschalurteil: "Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem, und sie hat offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen." Die Truppe ist empört: "Führung fängt oben an." Und: "Der Fisch stinkt vom Kopf", schallt es von der Leyen entgegen.

Warum sie das tat, was daraus folgte und worum es der Ministerin geht – darüber gibt es zwei Erzählungen. Die eine stammt von den Kritikern von der Leyens. Die andere von ihr selbst.

In von der Leyens Erzählung suchte sie die Offensive nicht allein deshalb, weil sie sich über einen rechtsextremen Oberleutnant aufregte. Soldatinnen, die halb nackt an Poolstangen vortanzen sollen; Sanitäter, die sich zwischen den Beinen begrabschen lassen müssen; Ausbilder, die Untergebene als "genetischen Abfall" anblaffen – seit Beginn des Jahres machen Geschichten wie diese Schlagzeilen. Mehr noch als solche Verfehlungen empört von der Leyen, dass Vorgesetzte sie duldeten und dann, als sie publik wurden, kleinredeten. Das wollte von der Leyen öffentlich anprangern, um zu erzwingen, was sie als ihre schwierigste Aufgabe betrachtet: einen Kulturwandel in der Armee.

Von der Leyen weiß, dass sie bei ihrer Attacke einen Fehler beging. Nicht der Vorwurf selbst war falsch, sondern seine Pauschalität. Hätte sie ihrer Kritik den Halbsatz vorangestellt: "Der größte Teil der Soldaten leistet hervorragende Arbeit, aber ...", wäre die Empörung locker über sie hinweggeschwappt. So kommt sie mit der Gewalt einer Monsterwelle. Dass von der Leyen um Entschuldigung bat, den Halbsatz nun stets mitliefert, nutzt wenig. Ihre Kritiker sehen darin keine Einsicht, sondern Taktik.

Die soziale Kommunikation in der Truppe hinkt der außerhalb hinterher

Von der Leyen spürt, dass sich ein Teil der Soldaten gegen all das sperrt, was sie selbst für erforderlich hält, wenn die Bundeswehr motivierte junge Leute gewinnen will. Kita-Plätze in Kasernen, Versetzungen, die an Schuljahre gekoppelt sind, Teilzeitarbeit, Jobsharing, Schwangeren-Uniformen und dazu noch eine lesbische Unternehmensberaterin, die als Staatssekretärin die Rüstungsbranche umkrempelt: "Was soll der Frauenscheiß?", ätzen Kritiker. Den Modernisierungskurs der Ministerin verstehen sie als Weichmacher, der das Militärische von zackig-männlich auf belanglos trimmt. Ihr Reizwort: "Vielfalt". Sobald von der Leyen mal wieder die künftige "Vielfalt der Bundeswehr" mit mehr Frauen und Soldaten mit türkischen Eltern preist, springen sie aus der Uniform. Ein harter Kern, in allen Rängen und Altersgruppen – so sieht von der Leyen ihre Widersacher in Flecktarn. Wenige, aber unversöhnlich.

Die Bundeswehr ist der größte Personalkörper des Landes. Durch ihn laufen zwei parallele Kommunikationsstränge: der militärische Befehl und ein informeller Austausch. Dass eine Verteidigungsministerin jeden Morgen erst mal einen Tagesbefehl ausgeben muss, hat von der Leyen erst erfahren, als sie schon im Amt war. Sie musste auch lernen, dass eine salopp hingeworfene Bemerkung der Dienstherrin umgehend als Weisung aufgefasst wird. "Gefällt Ihnen das?", fragte sie einmal in die Runde, als sie in einem Konferenzraum einen Ölschinken erblickte – am nächsten Morgen war er weg. Der militärische Kommunikationsstrang suggeriert eine Klarheit, die es nicht gibt.

Die soziale Kommunikation in der Truppe hinkt der außerhalb hinterher. Von der Leyen wundert sich gelegentlich, wie Soldaten über Gleichberechtigung sprechen, über Frauen. Sie fühlt sich dann an Gespräche in der CDU vor zehn, zwölf Jahren erinnert. Debatten, so ihre Erfahrung, werden in der Truppe mit Zeitverzögerung geführt, gesellschaftliche Entwicklungen nachholend vollzogen. In dieser Sicht steht etwa der Trend zum Rechtspopulismus der Bundeswehr erst noch bevor. Und dabei ist sie auch noch besonders anfällig fürs Autoritäre.

Auch um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat von der Leyen am 30. April Alarm geschlagen. Sie möchte die Lücke zwischen dem, was vor der Kaserne passiert, und dem, wie drinnen geredet wird, verringern. Anders ausgedrückt: Von der Leyen will die Bundeswehr heranführen an die Moderne.

Von der Leyen macht, so ihr Selbstbild, mit der Bundeswehr also nichts anderes, als sie auch schon mit der CDU gemacht hat: Sie führt einen männlich geprägten Verein, der nicht lassen will von dem Vergangenen, gegen seinen Willen ins Glück.

Ganz anders sehen das ihre Kritiker. Für sie klagte keine getriebene Verteidigungsministerin, die in der Aufwallung des Moments einen Halbsatz vergisst, die Bundeswehr öffentlich an – sondern eine kalt kalkulierende Strategin der Macht. Skandale benennen, eine rote Linie ziehen, das Kameralicht suchen – und dann im Gewande der großen Aufklärerin Veränderungen verkünden. Tatsächlich betreibt von der Leyen nach diesem Muster Krisenbewältigung. Etwa, als 2014 die Flieger der Bundeswehr nicht flogen, ihre Schiffe nicht schwammen, die Hubschrauber nicht abhoben. Von der Leyens Pauschalattacke geißeln die Kritiker als einen Angriff auf die Identität jedes einzelnen Soldaten. Doch damit nicht genug.

Als von der Leyen kurz nach ihrem Berlin direkt- Auftritt mit großem Pressetross ins elsässische Illkirch reist – dort war der rechtsextreme Oberleutnant stationiert –, hat sie ranghohe Militärs dabei: "Den Inspekteur des Heeres vor laufender Kamera am Nazi-Ring durch Illkirch zu schleifen – das macht man nicht", sagt ein General. Ein anderer moniert, dass von der Leyen kurz darauf die Bundeswehrkasernen an 400 Standorten auf Wehrmacht-Devotionalien durchsuchen ließ. "Das geschah nach dem Motto: Wie nazi ist die Bundeswehr – geht’s noch?"

Sie habe keine Ahnung vom Selbstverständnis der Truppe, sie wisse nicht, was dem Soldaten der Begriff "Ehre" bedeute und wie sehr sie diese Ehre verletze, wenn sie – wie in der Wirtschaft! – Compliance-Regeln verordne. Ihr hoher Ton moralischer Überlegenheit sei völlig unangemessen. So lauten die Vorwürfe. Niemand hat sie so scharf formuliert und spektakulär präsentiert wie André Wüstner, der Chef des Bundeswehrverbandes. Beim Empfang des Wehrbeauftragten Ende Juni trat Wüstner als letzter Redner ans Mikrofon, direkt nach von der Leyen – und wendete die Vorwürfe der Ministerin gegen sie selbst. Was sei es anderes als Führungsversagen, wenn man den Chefausbilder des Heeres feuere – und dieser aus der Presse davon erfahre? Wer habe ein Haltungsproblem: die Bundeswehr, die pauschal angegriffen werde – oder die Ministerin, die sich öffentlich gegen sie stelle? Am Ende klatschten alle Uniformierten im Saal, lange und begeistert. "Da hat er aber mal schön auf den Tisch gekotzt", raunte einer von ihnen. "Gut so."

Von der Leyen möchte ihr unfinished business weiterführen. Sie hat schon einmal aus der Todeszone herausgefunden. Und triumphiert. Die Quote, die ihre Gegner nie wollten, ist längst Realität.

Doch die Entscheidung, ob von der Leyen geht oder bleibt, treffen nicht die Soldaten. Die trifft Merkel. Braucht die Kanzlerin die Quereinsteigerin heute noch?

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