Die Mehrheit der Republikaner betrachtet die amerikanischen Universitäten als Gefahr. Der Soziologe Neil Gross erklärt, warum.

DIE ZEIT: Laut einer Studie des unabhängigen Forschungsinstituts PEW sagen 58 Prozent der Republikaner, dass Universitäten sich negativ auf die USA auswirken. Woran liegt das?

Neil Gross: Die Ergebnisse zeigen, dass Universitäten Teil der politischen Polarisierung geworden sind. Republikaner und Demokraten bewegen sich in vielen Themen immer weiter auseinander, nun scheinen auch die Unis Teil dieser Dynamik zu sein. Eine Mehrheit der Republikaner sieht in ihnen linke Institutionen, also politische Gegner.

ZEIT: Es geht also nicht um den Wert von Bildung an sich, sondern die falsche Bildung aus Sicht der Republikaner?

Neil Gross, 46, lehrt Soziologie am Colby College in Maine. © Heather Perry Weafer/Courtesy of Colby College Photo

Gross: Teile der Republikaner scheinen den Wert universitärer Bildung per se infrage zu stellen und glauben, dass die USA sich eher um Berufsbildung und Industriezweige kümmern sollten, die nicht auf der Wissensproduktion basieren. Ich gehe aber davon aus, dass das Gefühl der Republikaner, die Unis seien von der politischen Linken eingenommen worden, der wesentliche Faktor ist.

ZEIT: Ist der Eindruck von Unis als Bollwerke linksliberaler Ideologie so falsch?

Gross: Sicher ist die Professorenschaft eine der liberalsten Berufsgruppen in den USA, das ist schon seit den Sechzigern so. Aber die politische Radikalität der Professoren wird oft übertrieben dargestellt. Und die Studenten sind eine ganz andere Geschichte: Sie spiegeln in ihren politischen Überzeugungen viel eher das restliche Amerika wider.

ZEIT: Was aber hat zu der aktuellen Entfremdung zwischen Republikanern und Unis geführt? Bis 2015 hatte auch die Mehrheit der Republikaner ein positives Bild von Universitäten.

Gross: Vermutlich die vielen hässlichen Zwischenfälle an manchen Unis der Ost- und Westküste in den letzten Jahren. Immer wieder wurden Auftritte konservativer Redner von progressiven Studenten verhindert. Die Vorfälle lösten ein großes mediales Echo aus. So entstand der Eindruck einer überwältigenden linken Campuskultur.

ZEIT: Was ist da dran?

Gross: Sorgen sich Konservative zu Unrecht, dass ihre Ansichten an den Unis nicht immer willkommen sind? Das sicher nicht. Aber es ist komplexer. Die meisten Studenten an großen Universitäten sind nicht schrecklich politisch. Sie verbringen viel Zeit mit dem Studium, mit ihren Freunden, viele müssen wegen der astronomischen Gebühren arbeiten. Die Rolle der Politik wird von außen überschätzt, sie ist nicht das Lebenselixier des Campus.

ZEIT: Zeigt sich in der Entfremdung möglicherweise ein "Trump-Effekt?" Der Präsident verhehlt ja nicht seine Verachtung für höhere Bildung.

Gross: Das mag ein Faktor sein, ich glaube aber, dass es sich um eine langfristige Entwicklung handelt. Schon lange fürchten Konservative, dass Unis Orte der politischen Indoktrination sein könnten. Dieses Gefühl hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt.

ZEIT: Die Ergebnisse überraschen Sie also nicht?

Gross: Mich überrascht, wie sehr die Leute den politischen Aspekt höherer Bildung gegenüber dem ökonomischen zu priorisieren scheinen. Denn selbst wenn man Zweifel an der politischen Ausrichtung an Universitäten haben sollte: Dass der enorme ökonomische Wert, den Universitäten generieren, nicht erkannt wird, ist bedauerlich.

ZEIT: Die Studie zeigt, dass weder ein höheres Einkommen noch ein Uni-Abschluss für weniger Vorbehalte unter Republikanern sorgen.

Gross: Das ist wirklich bemerkenswert: Auch gut gebildete Republikaner scheinen das Vertrauen in den Wert universitärer Bildung verloren zu haben.

ZEIT: Immerhin: Auch 19 Prozent der Demokraten äußern solche Zweifel.

Gross: Meine Forschung zeigt, dass viele Menschen nicht wissen, wofür Universitäten gut sind – weder Demokraten noch Republikaner. Die Unis sind an diesem Problem zum Teil selbst schuld. Trotz all der Millionen, die sie ins Marketing stecken, ist es ihnen nicht gelungen, ihren Wert für die USA zu verdeutlichen.